Hannis Eriksson

Salzige Tränen

 

Sie saß am Ufer des kleinen Sees, an dem sie sich einst kennengelernt hatten. Die Häuser der Stadt lagen in Trümmern und es waren nicht mehr viele Menschen übrig, um sie wieder aufzubauen. Ihr war es egal. Das einzige, was ihr noch blieb, waren ihre Erinnerungen; die Erinnerungen an glückliche Tage.

Sie blickte auf die blitzende Wasseroberfläche; die Sonne spiegelte sich darin. Der Wind streichelte sanft über das Wasser und ihre Gedanken entführten sie in den Sommer vor zehn Jahren.
Er saß auf der selben Bank, wie sie heute, tief in seine Bücher vertieft. Sie lief von der Schule nach Hause, zusammen mit ihren beiden besten Freundinnen.
Oft hatte er hier gesessen, wenn sie hier vorbeiliefen und ab und zu hatten sich ihre Blicke gekreuzt. Er gefiel ihr, aber sie war niemand, die einfach auf ihn zugegangen wäre und ihn angesprochen hätte, im tiefsten Herzen hoffte sie darauf, dass er eines Tages von seiner Bank aufstehen und sie ansprechen würde. Doch auch wenn er immer freundlich lächelte, wer er doch genauso schüchtern, wie sie.
Auch heute war er wieder in seine Lektüre vertieft. Er blickte zwar auf und lächelte sie an, doch das Lächeln war so zaghaft, dass es andere Leute wohl kaum bemerkt hätten. Ihr hingegen kam sein Lächeln wie eine Ewigkeit vor und so, wie er ihr ein Lächeln geschenkt hatte, schenke sie ihm ihrerseits ein Lächeln.
Am nächsten Tag ging sie alleine am Seeufer vorbei, in der Hoffnung, wenn er sie alleine sah, würde er sie ansprechen, aber er saß nicht dort. Für ganze zwei Monate war er nicht mehr an seinem Platz anzutreffen und die Erinnerung an sein Gesicht verblasste schon fast wieder.
Vollkommen unerwartet stand er dann eines Tages vor dem Tor ihrer Schule und hielt eine Rose in seiner Hand. Sie hatte gehofft, dass sie für sie wäre, doch sicher war sie sich keinesfalls. Doch die Rose war für sie.
Sie gingen gemeinsam duch den Park, vorbei am See und unterhielten sich; unterhielten sich darüber, warum er so lange nicht mehr am See gewesen war, darüber, warum er so lange gewartet hatte, sie anzusprechen, darüber, was er werden wollte und auch darüber, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte. Von da an trafen sie sich regelmäßig, lernten sich immer besser kennen und sie verliebten sich ineinander.
Am 18. Juni 1938 machte er ihr einen Heiratsantrag, nur wenige Tage, nachdem sie ihr Abitur gemacht hatte. Sie waren jung und verliebt, voller Leben und überglücklich. Sie waren sich so sicher, dass sie den Rest ihres Lebens miteinander verbringen würden. Mit Freudentränen in den Augen nahm sie den Antrag an und im darauffolgenden Mai heirateten die beiden, nichtsahnend, dass sie so schnell wieder auseinandergerissen werden würden.
Im Dezember 1939 wurde er eingezogen, kam zuerst nach Polen und dann an die Front in Frankreich. So oft es ging schrieb er Briefe nach Hause. Im Gegensatz zu vielen seiner Kameraden blieb er unverletzt und kehrte Ende 1940 für einige Wochen nach Hause zurück.
Dann brach der Krieg gegen die Sowjetunion aus, aber auch von der Ostfront kamen weiterhin regelmäßig Briefe bei ihr an. Wie durch ein Wunder entkam er Stalingrad in letzter Sekunde; das musste doch ein Zeichen des Himmels sein?!
Ihre Freude hielt über ein Jahr an, bis am 13. März 1945 ein Brief bei ihr ankam, indem es hieß, dass er an der Ostfront erschossen worden war.
Seitdem saß sie jeden Tag am Ufer des Sees. Sie kümmerte sich nicht um die Alarmsirenen, die vor Luftangriffen warnten, hatte sich nicht darum gekümmert, als die amerikanischen Soldaten in die Stadt einmarschiert waren. Sie saß auf der Bank am Ufer des Sees, als sie an ihr vorbeikamen; hatte sie gar nicht wahrgenommen, wandte sie ihren Blick doch die ganze Zeit nicht von der Wasseroberfläche. Nichteinmal, als sie von einem der Soldaten angesprochen wurde, reagierte sie.

Sie blickte auf den See und weinte salzige Tränen; weinte sie in den See hinein. Die seichten Wogen spielten mit dem Seegras. Um sie herum war es still, kein einziger Vogel war zu hören.
Sie blickte auf, sah in den Himmel. Dann sah sie wieder auf das Wasser und sie sah sein Gesicht.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.07.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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