Gesa Birkel

Aufgewühlt



Die Tür fällt leise ins Schloss.
Er dreht sich noch einmal um, unsicher lächelnd, geht dann zu seinem Auto. Über der Stadt liegt noch dichter Nebel an diesem frühen Morgen.
 
Sie sieht ihm einen kleinen Moment durch die gläserne Eingangstür hinterher, geht dann zurück in ihre Wohnung.
 
Allein.
Sie ist wieder allein.
Es ist leer.
Er ist gegangen.

Sie geht in die Küche und setzt einen frischen Kaffee auf.
Ist er wirklich da gewesen???
Dann schaut dann ungläubig auf die zerwühlten Decken und Kissen in ihrem Bett.
Sie kneift sich wieder, wie gestern Abend schon, und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.
 
„War das wirklich real?“, fragt sie sich.
 
Das ist so einzigartig, so unglaublich, so unfassbar. Er ist ihr bester Freund, ihr Exfreund. Sie haben sich nie verloren und sie werden immer miteinander verbunden bleiben.
 
Gestern Abend trafen sie sich Online, wie so oft. Ein paar liebe Worte austauschen und schauen, wie es dem anderen geht.
Es ging ihm nicht gut und sie fragte nach, ob er darüber sprechen möchte? Sie war seine Vertraute, mit ihr sprach über alles.

Und dann sprudelte es aus ihm heraus!
"Ich will dich spüren... -... und du willst es doch auch!", schrieb er.

Sprachlos las sie seine Zeilen, rang um Worte.
Was sollte sie darauf antworten?

Dass sie ihn nie vergessen konnte?
Dass sie sich nichts sehnlicher wünschte?

Nein, genau DAS durfte er nicht wissen.
 
Seit fast einem Jahr hatten sie sich nicht gesehen und sie konnte sich in genau diesem  Moment überhaupt nicht vorstellen, dass er vielleicht innerhalb der nächsten Viertelstunde vor ihr stehen könnte.
 
„Lass es zu... “, schrieb er weiter - und: “... ich will dich verwöhnen.“
 
Träumte sie gerade?

"Bitte, lass es zu!", flehte er wieder und wieder.
"Wir gehören zusammen!"

Das konnte doch nicht wahr sein - oder doch?

"Ich fahre jetzt los, ja? In zwei Minuten bin ich bei dir."

"Ja...", das überforderte ihre Vorstellungskraft. Er tat es tatsächlich!
Unglaublich.
Keine Ahnung, was sie nun fühlen sollte.
Sie war total verwirrt.
Das kam alles so plötzlich!
So aus dem NICHTS!

Schnell sprang sie auf, richtete fahrig die Zeitschriften auf dem Tisch, warf einen kritischen Blick in den Spiegel.
"Egal, ich habe eh keine Chance, jetzt noch etwas zu verschönern", murmelte sie in einem leichten Anflug von Panik.

Es klingelte an ihrer Tür.
Sie drückte den Summer und öffnete diese einen kleinen Spalt.
Tatsächlich Schritte, sie hörte ihn die Treppen zu ihr in den ersten Stock heraufkommen.
Ihr Herz pochte bis zum Hals, bis zu den Ohren!
Bestimmt trug sie eine "frische Röte" im Gesicht, so aufgeregt wie sie war.

Und dann sah sie ihn! Lächelnd stand er vor ihr.
In diesem Augenblick bekam sie unsagbar weiche Knie, ließ ihn herein. Zärtlich nahm er sie in seine Arme und küsste sie.

Wie gut er sich anfühlte!!!
Sie traute sich kaum zu atmen und diesen Mann zu berühren - aus Angst, dass er im nächsten Augenblick wieder verschwunden sein könnte und sie das alles nur geträumt hatte.
 
Er war wirklich da!
Und er war ihr so vertraut!
So "wie niemals weg gewesen..."
Und er roch so gut.
Seine Stimme...
Seine Augen...
Seine Nähe...

Und wie er sie küsste... So küsste nur er.
"Du bist es", kreisten ihre Gedanken, "wir schaffen das, halte durch mein Schatz."
 
Angst.
Sie hatte Angst.
Natürlich hatte sie Angst.
Ihre heimlichen Tränen hatte er nie gesehen und doch wusste sie auch, dass sie genau das, was gerade passierte, immer wieder tun würde!
Auch wenn es hinterher ihr Herz zerriss, das hier war einfach stärker.

Eine unglaubliche Macht schien sie mit diesem Mann immer wieder zusammen zu führen.
Es hatte keinen Zweck, dagegen anzukämpfen.

Sie gehörten zusammen, sie wussten es beide.

Es war nur noch nicht "IHRE Zeit" gekommen.
Er befreite sich gerade, ein schmerzhafter Prozess für ihn...
 
Nein, einen anderen Mann konnte es einfach nicht geben. Sie hatte es probiert, aber jeder Versuch erstickte schon im Keim.
An ihn kam keiner heran.
Das war mehr als Liebe, viel viel mehr...
Sie spürten beide diese Unendlichkeit, diese Ewigkeit.
 
Vielleicht kann es wirklich nur einen geben?
 
Und dann fiel ihr ein altes Gedicht wieder ein, an dem sie schon seit Jahren schrieb – schon bevor sie ihn kannte:
 
Und wenn die Sonne
unsere Liebe nur für einen kleinen Augenblick
mit ihren sanften Strahlen umschlösse…
 
… so würde ich diesen einen Moment der Nähe zu dir
jederzeit wieder
gegen die ewige Dunkelheit tauschen.

 
 
Gerade eben hatte dieses Gedicht ein Gesicht bekommen, sein Gesicht.

Hatte sie nichtsahnend all die Jahre auf diese kurzen Momente vollkommenen Glücks mit ihm hingeschrieben???
  
Sie tranken Rotwein, verbrachten die Nacht miteinander.
Es war so unglaublich schön, er war so lieb, so zärtlich - und er konnte ihre Nähe zulassen in dieser Nacht.
 
Sie hörte ihn atmen, sah ihm beim Schlafen zu. Nein, berühren wollte sie ihn nicht, damit er nicht aufwachte.
Er lag hier wirklich neben ihr.
Sie konnte es kaum fassen.
So aufgewühlt lag sie die ganze Nacht wach neben ihm.
 
Sie wusste, dass ER es ist.
Er wusste es auch.
 
Sie wusste auch, dass sie ihn wieder gehen lassen musste. Heute.
Und doch wussten sie beide, dass sie sich niemals trennen würden!
 
Er konnte es spüren, dieses unsichtbare starke Band zwischen ihnen. Unerklärlich. So fest, untrennbar!
Es war so schön für beide zu wissen, dass es den anderen gibt.
Loslassen war für beide unmöglich.
Sie wollten es auch gar nicht!
 
Die Nacht war so schön mit ihm! Sie war nur viel zu kurz. In seiner Nähe fühlte sie sich sicher und geborgen.
Er erwachte, sah sie an.
"Ich dachte im ersten Moment ich träume, aber du bist ja wirklich da", flüsterte er, nahm sie tief in seine Arme und hielt sie ganz fest.

"Es gibt ein Lied, bei dem denke ich immer an dich", erzählte er, "es heißt Ich will immer wieder dieses Fieber spüren."
Sie kannte es nicht, aber nachher würde sie nachschauen.

"Immer wenn ich dieses Lied höre, denke ich an uns. Ich habe mich nie getraut, dir das zu sagen. Ich habe mich auch nie getraut, dich zu fragen, ob wir uns sehen können. Ich habe aber immer diese große Sehnsucht nach dir gehabt, nach unseren gemeinsamen Stunden, nach unserer vergangenen Zeit..."
Er weinte ganz leise...

Dann musste er los.
Viel früher los, als gedacht.

So kannte sie ihn.
Sie hielt ihn nicht.
 
Keine Versprechungen im Morgengrauen. Die brauchte es auch nicht!
Es gab diese unausgesprochene Unendlichkeit zwischen ihnen..

Das Geräusch eines vorbeifahrenden Zuges reißt sie plötzlich aus ihren Erinnerungen zurück.
Sie legt noch eine Decke zusammen und richtet das letzte Kissen.

Draußen hat sich der Nebel verzogen.
Wie herrlich der frische Kaffee duftet…
 
„Ich denke an dich, ich werde immer bei dir sein“, flüstert sie lächelnd in die herauskommende Sonne und schaut in den Himmel.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.07.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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