Benjamin Pohl

Deportation



Es ist der Hass, der die Menschen treibt. Und das Unwissen und der Glaube an die eigene Stärke. Aber im Grunde basiert alles auf der Kaschierung der eigenen Unzulänglichkeit. Nichts bleibt bestehen, wenn du blind in das Verderben des Anderen rennst, um dabei möglichst viele auf deinem Weg mitzunehmen…

Sonntag, 10.00 Uhr, im Jahre des Herrn 2031

Ich höre die Kirchenglocken und die Vögel zwitschern. Es ist diese Mischung, die mein Wohlbefinden ausmacht. Keine Menschen, keine Hektik, nur die Ruhe am Sonntagmorgen. Ich liebe diese Zeit,  sie ist die schönste der Woche, vielleicht sogar des ganzen Lebens. Aufstehen, waschen, ein ordentliches Frühstück - ich bin bereit für diesen Tag. Ich erwarte meinen Einstand, meine Weihe, meine Wiedergeburt. Ich bin bereit!
 
Sonntag, 10.00 Uhr, im Jahre des Herrn 2032

Ich höre nichts. Nur Stille und das leise plätschern von Blut auf harten Beton. Ich weiß nicht wie lange ich hier liege und ob es ein Ende gibt. Ich weiß nicht welcher Tag heute ist. Es spielt auch keine Rolle. Mein Leben neigt sich dem Ende, ich spüre das. Es gibt keine Rettung, keine Hoffnung, sosehr ich es mir auch wünsche. Aber ich bin bereit dafür. Ich erwarte nichts, nur meinen Tod, meinen letzten Atemzug. Ich bin bereit!
 
Montag, 10.00 Uhr, im Jahre des Herrn 2031

Ich höre Stimmen. Maschinen brummen. Wo bin ich hier? Wo haben sie mich hingebracht? Warum mich? Es sind diese Fragen, diese Ungewissheit, die meinen Kopf zum Platzen bringen. Es dürfte Montag sein - es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, seitdem sie mich hierher brachten. Ich weiß nicht was sie wollen, wer sie sind, was sie antreibt. Ich weiß nur, dass ich Antworten brauche. Ja, sie geradezu erwarte.
 
Samstag, 10.00 Uhr, im Jahre des Herrn 2032

Sie schreien. Sie toben. Sie spucken. Aber mich brechen sie nicht. Meine Beine ja, aber mich nicht. Sie schneiden mich auf, Stück für Stück. Verätzen mir die Augen, pumpen Wasser in meine Lungen. Aber sie brechen mich nicht. Ich spüre nichts mehr - meine Gedanken schweifen. Ich sehe grüne Auen, lichte Wälder und blaues Wasser. Ich sehe den Zaun, den Draht, die Warnschilder. Ich sehe die Leichen, die Flammen, ihre Fratzen. Aber mich brechen sie nicht!
 
Montag, 10.00 Uhr, im Jahre des Herrn 2032

Weißer Rauch steigt auf. Wie jeden Tag. Menschen kommen hierher um zu sterben. Wie jeden Tag. Ein Sinn nicht zu erkennen, mit Logik nicht zu fassen. Aber es wiederholt sich, Tag für Tag, denn es ist der Hass, der die Menschen treibt…

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.07.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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