Klaus Eylmann

Shipwreck

Schaufensterpuppen träumten mit leerem Blick. Das Treiben draußen gehörte nicht zu ihrer Welt. Teens liefen an ihnen vorbei. Mütter schoben Kinderwagen. Münder plapperten. Hausfrauen entluden ihr Gehirn im Gespräch. Ein Mann der Wachgesellschaft schlenderte verschlafen umher, und als Karl Hammer taumelig wurde, rettete er sich auf die nächste Bank. ‘Mein Innenohr’, ‘der Lärm der Rockband’. Heute früh, gegen vier Uhr, hatte er sich vorgenommen, eine schwarze Lederjacke zu kaufen. Jetzt, um fünf Uhr nachmittags, saß er neben ein paar Rentnern im Einkaufszentrum und fühlte sich so alt wie sie. Sollte er ihnen was von seiner Ohrenoperation von vor zehn Jahren erzählen? Rentner hörten so was gern, oder?

Ein Tag vorher hatte es gehupt. Karl lag in seinem Fernsehsessel, dann saß er in Lauries altem Chevvy. Eine Riesenliebesschaukel. Laurie und Mandy hatten ihn entführt. Karl sass im Fond wie auf einer Couch, und sie waren auf dem Weg nach Bay City. In dieser Stadt in Michigan, die nach den Bay City Rollers benannt wurde, oder war es umgekehrt?, lag das ‘Ship Wreck’.
“Karl”, hatte Mandy gesagt. “Wir fahren zum ‘Ship Wreck’. Sie haben da ne Rhythm n’ Blues Band.”
Er sah aus dem Seitenfenster. Hatte keinen Sinn nach vorn zu sehen. Dort war nur Strasse. Schnurgerade. Hin und wieder zogen Häuser, Strom- und Telefonmasten vorbei. Es war ein Freitag im Oktober. Auf den Feldern lag schon Schnee.
“Viel Gegend”, hatte sein Freund Fritz gesagt, als Karl mit zwei großen Koffern in Midland aufgetaucht war. “Viel Gegend in Michigan.”
Fritz hatte ein Bullenbeißer-Gesicht, so eines wie die Cromags aus der Science Fiction Serie ‘Slider’. Die hatten die Fähigkeit, sich in Menschen zu verwandeln. Fritz brauchte das nicht. Fritz hatte in Hamburg-Bergedorf bei Hauni SAP Programme geschrieben. Hauni stellt Zigarettenmaschinen her. Karl hatte bei Reemtsma programmiert. Reemtsma macht Cigaretten, Cigaretten mit C. Fritz war Mitglied im Bergedorfer Angelclub gewesen und Karl im Hamburger Angelsportverein ‘Früh Auf’. Zwei Hamburger in Midland, Michigan, aus der Zigarettenbranche, und beide Angler. Das gab ihnen ein gutes Gefühl. Sie hatten einen Zeitjob bei der Dow Chemical Company. Doch Fritz war keine Frau und Karl tanzte gern.
Das ‘Ship Wreck’ liegt am Saginaw River. Fährst du in der Dunkelheit über den Parkplatz hinaus oder mit einem Boot zum Angeln. Der Fluss wartet auf dich.
Im Lokal fetzte, dröhnte es. Metal Rock, kein Rhythm n’ Blues. Karl war nicht begeistert. Er war um die fünfzig. Im Lokal war die Musik. Zu laut. Und draussen war es dunkel und kalt.
Karl stand an der Wand, wärmte seine Hände an einem kalten Bier. Laurie und Mandy tanzten, selbstvergessen, zwischen Lederjacken hindurch. Rocker. Verlorene Seelen griffen nach dem Strohhalm der Euphorie. Gitarren malträtierten Trommelfelle. Der Sänger sprang auf einen Tisch, röhrte ins Mikrofon. Karl schmerzten die Ohren. Lauries und Mandys Arme schlenkerten. Hüften schwangen, Beine stampften. Die Mädchen lachten. Der Alltag war weit weg. Flatternde Arme. Laurie, die tanzende Fledermaus. Mandy, der quirlende Malstift. Eine Kunstfigur. Fast zeitlos, zwischen zwanzig und vierzig. Wo fing die Schminke an, wo hörte sie auf? Mandy war grafische Designerin, trug einen scharfen Hosenanzug, hatte einen Schwarzen zum Freund. Sonst ging sie ihm ins Sheraton-Hotel zum Tanzen.
Laurie trug dunkelgraue Bürokluft: kurzer Rock, weiße Bluse mit einer Jacke darüber, Schuhe mit hohen Hacken. Eine Schlafwandlerin. Jeder will vergessen, dass er in einem Kokon steckt, dachte Karl und sprang ins Gewühl.
Pause. Dort, wo man vorher getanzt hatte, standen zwei Stühle. Zwei junge Mädchen saßen darauf und dann gab es Eddie. Muskulös, gedrungen, dunkelhaarig, Male Stripper. Hemden und Hose flogen. Frauen johlten, quietschten, kreischten, schoben ZehnDollar-Noten in Eddys Slip. Einige trauten sich nicht, andere stießen sie unter Gelächter nach vorn und Karl dachte, zum Glück ist die Musik leiser und ich brauch nicht zu fahren. Er orderte ein weiteres Bier. Lauries und Mandys Augen glänzten. ‘Das wird ne lange Nacht’, dachte Karl, dann, als er nach drei weiteren Bieren und einer heftigen Dosis Metalrock den Entschluss gefasst hatte, sich am nächsten Morgen eine schwarze Lederjacke zu kaufen, stand plötzlich ein dünner Mann mit einem noch dünneren Mädchen an der Theke und schlug ihr ins Gesicht. Nicht das erste Mal, dachte Karl. Es schien, der Anblick der Blutergüsse auf ihrem Gesicht und ihren Armen verlangsamte die Zeit. Dann stand sie still. Die Tanzenden hatten sich zu ihnen hingedreht. Der Wirt hinter der Theke hielt einen Baseballschläger in der Hand, die Töne der Gitarren standen im Raum. Dann lief die Zeit wieder los. Das dünne Mädchen griff nach dem Autoschlüssel des Mannes, der auf dem Tresen lag, rannte aus dem Lokal. Und der Mann lief hinter ihr her. Sie waren weg. Auch die Stimmung, wie Luft aus einem Ballon. Aus der Tanzfläche wurden Bretter.
“Karl, wir gehen!”, rief Laurie über das Gemurmel der Leute hinweg. Jemand brüllte etwas in den Saal. Lederjacken stürzten aus dem Lokal.
“Da ist jemand in den Fluss gefahren!”, rief Mandy und lief nach draußen. Es war kalt. Rocker liefen zum Wasser hin. Unter dem Licht der Lampen sahen sie wie Zombies aus. Karl sah aufs Wasser.
“Sie sind da drin!”, rief jemand. “Mit Karacho reingefahren!”
“Ruf jemand Polizei und Krankenwagen!”, brüllte ein anderer.
Karl sah Reifenspuren. Sie endeten im Nichts. Jemand rannte an ihm vorbei und sprang kopfüber ins Wasser.
“Wer war das?”
“Eddie!”, kreischten zwei Frauen und stürzten zum Fluss. Karl erkannte sie. Die Mädchen hatten auf den Stühlen gesessen, als Eddie strippte.
“Eddie!”, schrien die Frauen, als ein Kopf auftauchte, dann das dünne Mädchen. Männer warfen sich auf den Boden, streckten die Arme nach ihnen aus. Eddie und das dünne Mädchen lagen da, schnappten nach Luft. Wie Fische auf dem Trockenen. Das Mädchen hustete und spuckte, Eddie richtete sich keuchend auf, fiel auf den Boden zurück und rührte sich nicht mehr.
Sirenen, Hupen, blau, gelb, rot flackernde Lichter. Frauen kreischten. Männer hantierten mit einem Fibrillator. In Karls Kopf zischte und rauschte es. ‘Der Lärm’, dachte er, setzte sich auf eine Tonne und starrte ins Leere. Frauen schluchzten. Karl dachte an seine letzte Angeltour. Fritz und er waren mit ein paar billigen Steckangeln, Blinkern und Bleien losgezogen. Tittibawassee war der eine Fluss, Chippewa der andere. Ihre Namen hatten sie von Indianerstämmen. Sie waren reich an Fischen. Zander, Hechte, Forellen, Barsche. Die Amis benutzten Boote mit Echolot. Fritz und er hatten vom Ufer aus geangelt.
“Karl, da bist du ja. Wir wollen los.” Die Wirklichkeit war grausam. Im Dunkeln sah man nicht, wie er schwankte. Mein Innenohr, dachte Karl, dann saß er in Lauries Chevvy.
“Die armen Mädchen. Laurie, mach mal Licht.” Mandy klappte den Spiegel runter und zog ihre Lippen nach. “Das eine war Eddies Schwester, das andere seine Freundin.”
“Was ist mit Eddie?”, fragte Karl. Er ahnte die Antwort.
“Ein College-Kid, das sich was zu verdient hatte, und nun ist Eddie tot.”
“Und das Mädchen?”
“Lebt. Aber der Mann neben ihr im Wagen hat es auch nicht geschafft.”
“Sie haben ihn zu spät rausgezogen,” meinte Laurie, “das ist vielleicht ganz gut, so wie er sie verprügelt hat,” dann sagte sie plötzlich: “Oh, shit, die Bullen.”
Ein Fahrzeug schoss an ihnen vorbei. Auf dem Dach blinkte es in allen Farben, als es vor ihnen hielt. Laurie stoppte den Wagen und ließ die Scheibe runter. Wagenpapiere. Doch das reichte nicht.
“Gleich fliegt sie weg,” sagte Karl, als er sah, wie Laurie mit ausgebreiteten Armen auf dem weißen Seitenstrich der Straße balancierte.
“Oh, Mann,” meinte Mandy nur. “Wenn das nur gut geht. Danach muss sie von hundert an rückwärts zählen.” Laurie wurde mit Handschellen in den Polizeiwagen gestopft. Mandy und Karl waren allein.
“Ab nach Hause,” meinte Mandy. “Fahr du, Karl. Ich kann mir keinen Tag Knast leisten. Muss heute arbeiten. Hab nicht mal genug Geld auf der Bank, um Laurie auszulösen.”
Karl, setzte sich auf den Fahrersitz und fuhr los. Bei den Klamotten, die Mandy jeden Monat kaufte, blieb sicher nur noch Geld für ein paar Campbell-Suppen übrig.

Morgens um acht, seine Ohren dröhnten, fuhr er Richtung Gefängnis. Die Holzbuden drumherum waren Bail-Bond Agenturen.
“Ich brauch nen Bail-Bond für Trunkenheit am Steuer.” Karl schrieb einen Scheck aus und nahm das Papier entgegen.
“Manche fallen ins Scheißhaus und kommen nach Rosen duftend wieder raus.
Nur ich nicht,” quetschte Laurie aus sich heraus, dann fuhr sie Karl nach Hause.

Nun sass er auf der Bank im Einkaufszentrum und überlegte, schaffte er es in einem Anlauf bis zum Pizza Stand? Lisa war wieder da. Er fühlte, sie mochte ihn. Vielleicht, weil er so verhungert aussah? Sie gab ihm immer das grösste Stück. Ob er sie mal zum Tanzen einlud?

Am nächsten Freitag hupte es. Karl lag in seinem Fernsehsessel, dann saß er in Lauries altem Chevvy.
“Karl”, sagte Mandy. “Wir fahren zu ‘Molly McGuire’s” nach Saginaw. Sie haben da ne Rhythm n’ Blues Band.”











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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.02.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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