Ronald Willmann

Das Heiligtum

Freundlich ist er schon, meistens jedenfalls. Wenn auch etwas eigenwillig in seiner sehr direkten Art. Und wenn du ihm einen Schnaps ausgibst, dann holt er vielleicht sogar seine Ziehharmonika hervor und spielt darauf. Natürlich nicht gleich beim ersten Besuch in seiner Almhütte, nein, nein, aber vielleicht, wenn du schon zwei, drei Mal im Leutaschtal in Urlaub warst und ein paar Mal in seinem „Steinernen Hütt’l“ gerastet hast. Und wenn es so weit ist und er für dich spielt, dann bist du in einen erlauchten Kreis aufgenommen. Nur: Ja nicht anfassen, die Ziehharmonika, denn die ist sein Heiligtum!
So wurde uns der Franzl beschrieben, Senner und Wirt auf der Almhütte „Steineres Hütt’l“ im hinteren Gaistal, im Schatten des Zugspitzmassivs auf Tiroler Seite. Wie sein richtiger Name lautet, weiß ich bis heute nicht. Im ganzen Tal, im ganzen Ort war er nur als Franzl bekannt. Vielleicht trug er einen durch und durch langweiligen Vornamen, mutmaßte ich, so etwas wie Detlev oder Rüdiger oder gar Emmanuel. Aber zu einem Almwirt seines Formats, seiner Statur und seiner Wesensart passte Franzl einfach besser. Perfekt. Womöglich heißen alle Senner in Tirol Franzl, weil die deutschen Touristen das so erwarten, wer weiß?
Im Gegensatz zu allen anderen bewirtschafteten Almen zwischen Mieminger Gruppe – da, wo der „Bergdoktor“ seit alters her sein televisionäres Unwesen trieb – und Wettersteingebirge führte zum Steinernen Hütt’l tatsächlich nur ein schmaler Bergpfad hinauf. Während nach meiner Erfahrung der Österreicher an sich bei keinem noch so steilen, mistigen Weg die Befahrung mit seinem Offroader scheut, um nur nicht laufen zu müssen, hätte er hier damit keine Chance gehabt. Hubschrauber oder starke, ausdauernde Träger – nur diese beiden Alternativen gab es zur Belieferung der Hütte. ‚Hier möchte ich nicht die Post austragen’, dachte ich mir, als wir uns das erste Mal an den Aufstieg wagten. Wie ich später erfuhr, brachten zumeist Freunde, die Franzl und seine Frau in ihrer Hütte besuchten, die Post mit.
Nun gut. Zwei Stunden stiegen wir das Gaistal bergwärts, um schließlich abgemattet und durstig – nicht etwa an unser Ziel zu kommen, sondern an den eigentlichen Aufstieg. Bis zu dem kitschigen Blockhaus, wo einst Ludwig Ganghofer Wildschützen, stramme Forstmänner und fesche Madeln in herzschmerzergreifende Liebesschmonzetten verstrickte, spielte sich das Ganze auf einem recht gut ausgebauten Fahrweg ab. Aber dann ging es richtig hoch. Steil, felsig, teils bewaldet, teils frei, zumeist in spitzen, engen Serpentinen drückte sich der Pfad verschämt an die Bergwand; so, als schien es ihm peinlich zu sein, unpassenderweise eine Aufstiegschance für Touris – und gar noch Piefkes! – zu bieten.
Eine weitere Stunde dauerte es, bis wir über einer steilen Bergwiese das Dach des Steinernen Hütt’ls ausmachen konnten. Unsere Verpflegung ging zur Neige und wir freuten uns auf eine Erfrischung und Stärkung. Auf ein paar herzhafte Schlucke aus dem munteren Bächlein hatten wir verzichtet, denn wir kannten bereits die sanitären Gepflogenheiten von abgelegenen Almhütten. Die Fäkalien folgen meist ebenso wie das Quellwasser des Berges der Schwerkraft und in kleinen Tälchen wie unserer Aufstiegsroute vermengen sich dann beide unmerklich…
Ein bisschen Aufregung ob des eigenwilligen Wirtes machte sich bei uns breit. Wie wird er uns empfangen? Mit dröhnendem Gelächter über unser Wander-Outfit? Mit Spott über unsere Herkunft von jenseits des Weißwurstäquators? Wird er ablehnend auf uns reagieren, weil wir fremd sind?
Allerdings: Musste nicht jeder Stammgast irgendwann einmal zum ersten Mal hier gewesen sein?
Ein keineswegs unfreundliches „Servus“ empfing uns aus einem graubärtigen Mund. Die darunterliegende Gestalt hätte durchaus für zwei Wirte gereicht. Auf dem Kopf thronte ein gewalkter Hut mit Gamsbart – so, wie es die Touris von richtigen Sennern erwarten – und die knielangen Krachledernen ließen den Blick frei auf zwei ebenso stramme wie behaarte Wadeln.
Manchmal scheinen Klischees tatsächlich zu stimmen.
Der Vollbart, der natürlich Franzl war, servierte uns ein Bier, ein Spezi und ein Radler und gab seiner Frau Anweisungen in die Küche über das zu bereitende Mahl. Die Entscheidung, ob wir draußen oder drinnen sitzen wollten, wurde uns durch den Umstand abgenommen, dass es nur auf der Hüttenterrasse mit einem tollen Blick auf die gegenüberliegende Hohe Munde Sitzplätze gab. Die Hütte war der Küche, dem Lager und der Kuh vorbehalten. Wohn-, Schlaf- und Aufenthaltsraum für die Wirtsleute? Hat’s sicher auch gegeben, auch wenn man es dem kleinen Häuschen auf den ersten Blick nicht ansah.
Die deftige Jausenplatte schmeckte hervorragend und nun war eigentlich die Zeit für das Schnaps ausgeben gekommen. Doch durften wir das so einfach? Er kam uns in unserer Unsicherheit entgegen, indem er fragte: „Wollt’s noch oan?“ Wir nahmen zwei Stück von dem „Oan“, einem offenbar selbst gebrannten Obstler. Zumindest habe ich solche Schnapsflaschen nie in einem Laden gesehen.
Dafür sahen wir, wie andere Gäste dem Wirt einen von dessen eigenem Schnaps ausgaben. Wir wagten uns an eine zweite Runde und fragten bebenden Herzens: „Für dich auch einen, wenn du noch einen mittrinkst?“
„Jo freilich, dös passt scho!“
Uns passte es nach dem zweiten Obstler, von dem wir lieber gar nicht wissen wollten, wie viel Alkoholprozente er enthielt, an den Aufbruch zu denken. Wir wollten über einen Bergkamm zur nächsten Hütte und von dort absteigen. Ein Bier und die nun schon zwei Obstler schienen mir als Aufputschmittel dafür mehr als genug.
Dumm nur, dass just in dem Moment eine finster auf uns dreinblickende Wolkenwand über die westlichen Gipfel geschoben kam. Jetzt auf den freien Kamm aufsteigen wäre wider jeder Vernunft gewesen. Wir blieben und diesmal war es Franzl, der seine Flasche kreisen ließ. „Jetzt könnt’s net geh’n, do trinken wir noch oanen.“
Ein sehr pragmatischer Vorschlag und da wir nicht negativ auffallen wollten, fügten wir uns dem Willen des Wirtes. Der Stall wurde freigeräumt, zwei Biertischgarnituren aufgestellt und während wir tapfer dem Gewitterguss im geschützten Raum erwarten konnten, holte Franzl tatsächlich seine Ziehharmonika hervor!
Gleich bei unserem ersten Besuch bekommen wir das Heiligtum zu sehen und zu hören! Wir fühlten uns geadelt und machten dem Meister ehrfurchtsvoll Platz. „I bin so schön, i bin so doll, i bin der Franzl aus Tirol!“, tönte es aus des Meisters Kehle, während seine Finger über die Tasten flogen und zahlreiche Füße den Takt auf dem erdgestampften Boden mitgingen.
Es gelang mir nicht mehr zu zählen, wie oft es noch „oanen“ gab. Ein paar bezahlten wir wohl, ein paar gab Franzl aus, es spielte eigentlich keine Rolle. Wir waren bester Laune und lediglich Franzls Gemahlin warnte ein paar Mal: „I wuill koan Hubschrauber seh’n!“ Sie meinte damit, dass wir angesichts unseres Alkoholgenusses tunlichst darauf achten sollten, beim späteren Abstieg einen Einsatz der Bergwacht zu vermeiden.
Irgendwie – die Detailgenauigkeit in der Erinnerung schwand mit jedem „Oanen“ mehr – gelang es uns einzuflechten, dass unsere Tochter ebenfalls Akkordeon spielte. Nicht ganz das Gleiche wie Ziehharmonika, aber es schien uns ein Punkt zu sein, der uns dem Alm-Öhi ein Stück näher brachte.
„Ah, wie lang spuilst denn scho?“, wollte er sofort wissen und das Mädel versuchte tapfer, seinen Dialekt zu verstehen und in die Verbalkommunikation einzusteigen.
Und schließlich geschah das Unfassbare: Franzl nahm in einer Spielpause nicht nur einen weiteren Obstler zu sich, sondern sein Instrument von den Schultern und reichte es unserer Tochter. „Hier, versuch’s amoal damit!“, forderte er sie auf.
Sein Heiligtum! Er gab es aus der Hand und ließ eine Fremde, ein Kind noch, darauf spielen! Es schien uns unfassbar. Der Tochter ebenfalls, die die Umstellung von ihren gewohnten Tasten auf Knöpfe nicht so einfach vollziehen konnte, doch Franzl ließ sie gewähren, bis sie selbst das Instrument – ganz vorsichtig - wieder beiseite legte.
Lag es daran, dass das Heiligtum doch ein eher weltlich Ding war, lag es am Obstler, oder lag es doch an unserem freundlichen, einnehmenden Wesen?
Vielleicht findet man den Grund auch einfach darin, dass eben jeder Mensch auf seine Weise eigenwillig ist. Und kein Mensch eine Reise in eine für ihn neue Gegend oder ein fremdes Land antritt, ohne bereits eine feste Vorstellung von den Leuten dort vor Ort zu haben.
Übrigens: Den zu überquerenden Bergkamm bekamen wir an diesem tag nicht näher als von der Terrasse des Steinernen Hütt’ls zu sehen. Der Abstieg gelang uns jedoch, ohne dass ein Hubschrauber eingreifen musste. Für nähere Auskünfte zum Rückweg fühle ich mich allerdings nicht zuständig.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.07.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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