Rüdiger Nazar

Gespräch zu Gott...

Ach Gott...
was habe ich denn nur getan ?
Ich sitze hier mit ausgestreckten Armen ...meine Finger sind blutig und gebrochen.
Heut`hat man sie mir mit einem Knüppel  zertrümmert. Der Wachmann sagte...wenn du so nicht mehr arbeiten kannst...wirst du erschossen.
Und ich...ich habe gearbeitet...unter Schmerzen...unter unsagbaren Schmerzen. Ich will nicht sterben...schon alleine  meiner Frau und Kinder wegen...ich weiß nicht wo sie sind...wie es ihnen geht.
Gottchen...vor zwei Wochen kamen wir hierher...in einem Güterzug...wie Vieh .
Seither ist viel geschehen...viel habe ich mit ansehen müssen...mein Herz  blutet und meine Seele schreit. Sie rissen uns bei Nacht aus den Betten...traten uns aus dem Haus die Treppe hinunter. In eiskalter Nacht standen wir auf dem Güterbahnhof...es wurde selektiert...ja so nannten sie es.  Das Ziel war unbekannt...aber der Zug ratterte unaufhaltsam in die Nacht hinein. Hier wird es euch gut gehen...sagte einer der schwarz uniformierten...hier gehört ihr hin. Das Tor...eine Aufschrift..."Arbeit macht frei ".  Ein Arbeitslager schoss es mir durch den Kopf. Und wieder wurden wir selektiert...bekamen eine Nummer in den Unterarm tätowiert...wofür ?  Frauen und Kinder kamen in gesonderte Baraken...ich kam in Block .B.
Unzählige Menschenleiber in hölzernen Etagenbetten zusammengepresst...es stank wie die Pest. Ach Gott...was habe ich denn nur getan ?
Außer...daß ich Jude bin !
Heut`morgen sah ich...wie ein uniformierter...ein Adler und ein silberner Totenkopf glänzte in der Sonne an seiner Mütze... eine Frau einen Genickschuss gab...weil sie sich erschöpft kurz hinsetzte...ich konnte es nicht glauben.
Ja...zwei Wochen bin ich jetzt schon hier...und es kommt mir vor...wie drei Jahre.
Sie machen sich einen Spaß daraus...uns entkleidet im Kreise laufen zu lassen...ein Arzt...
untersucht dann diejenigen...die langsam sind. Einige werden dann fortgebracht...wir sahen sie nie wieder. Oh Gott...was habe ich denn nur getan ? außer Jude zu sein !
Im ersten Weltkrieg kämpfte ich für Kaiser und Vaterland...bekam Tapferkeitsmedaillien...
das Frontkämpferehrenkreuz....zählt denn all`dieses nicht mehr ?
Gestern kam ich auf den "Bock"...eine Holzvorrichtung zum Foltern. Mit einem Stock wurden meine Fussohlen blutig geschlagen...so das ich nicht mehr laufen konnte.
Du weißt...sagte der schwarz uniformierte...wer nicht mehr arbeiten kann...wird erschossen...und lachte schallend los. 
Gestern wurde ein Lastkraftwagen mit Kinder beladen...und verließ das Lager. Nach einer Stunde  fuhr er wieder durch`s Tor...der Wagen war leer. Ich kann Nachts vor lauter Angst nicht mehr schlafen...habe Alpträume.
Hier im Lager geschehen unfassbare Sachen...Gott. Medizinische Versuche an Kinder...Operationen ohne Narkose...eine Frau kurz vor der Entbindung...wurden die Beine fest zusammen gebunden...nur um zu sehen...was wohl geschieht.
Täglich  muß ich mit anderen Mitinsassen ... Leichen aus einem Gebäude schaffen...das die Herrenmenschen..."Desinfektionsraum" nennen...es ist eine Gaskammer....der hohe Kamin läßt Asche auf unsere Häupter rieseln...Krematorium...es riecht nach verbranntem Fleisch.
Die schwarz uniformierten tollen mit den Kindern umher...trage sie auf dem Arm...zu einem Strick...einem Galgen...stecken ihre kleinen Köpfe hinein...und lassen die kleinen Körper fallen...und lachen...ja sie Lachen dabei. Gott...ich habe so viel gesehen...ich habe keine Tränen mehr.
Gott...ich kann nicht mehr. Was habe ich denn nur getan ?...außer Jude zu sein !
Den gelben Stern trage ich stolz auf meiner Brust...wie eine " Auszeichnung "
Ach mein Gott...Jawe...morgen denke ich...werde ich mich einfach hinsetzen...und dem Wachmann in`s Gesicht spuken. Ja Gott...dann ist dieses Elend für mich vorbei.

                            
                                                                                                   Rüdiger Nazar
                                                                                               melvin6@gmx.de
                                                                                           Sonntag.24.July.2011








 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Rüdiger Nazar).
Der Beitrag wurde von Rüdiger Nazar auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.07.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Stille Sehnsucht: Gedichte von Marion Batouche



Fernweh
Unsere Gefühle
Fahren einfach Karussell
Alte Narben brechen auf
Möwenschrei!

Marion Batouche, geb. 1962 in Waren an der Müritz; lebt zur Zeit mit ihrem Mann und ihren beiden erwachsenen Kindern in Lilienthal bei Bremen. Sie arbeitet seit dreizehn Jahren als Sachbearbeiterin in einer Bremer Im- und Exportfirma und füllt ihre Freizeit damit aus, Gedichte zu schreiben.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (7)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Lebensgeschichten & Schicksale" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Rüdiger Nazar

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

autobiographisch...mein Freund Peter von Rüdiger Nazar (Sonstige)
Ich muß wohl damit leben von Rüdiger Nazar (Lebensgeschichten & Schicksale)
Der alte Mann und der Hund von Engelbert Blabsreiter (Besinnliches)