Helga Schmiedel

Ganz in Weiß

Es schmerzte, so fest hielt sie mich am Arm. Silli sagte keinen Mucks, als sie abrupt stehen blieb. Die Nachmittagsschwüle lag brütend über dem Sonnenfenn. Die Tannen hüllten sich in Schweigen. Kein Vogellaut. Sogar die Wolken schienen inne zu halten. Wir aber wanderten durch den Wald - verhalten und sprachen kein Wort. Plötzlich deutete meine Tochter Silli auf etwas Weißes in etwa hundert Meter Entfernung. Eine Ziege! Eine Ziege mitten im Wald?

Dann sahen wir, sie war nicht allein. Um sie herum standen braungefärbte Tiere. Es waren Rehe! Diese hatten ihren weißen Gefährten in die Mitte genommen. Durch die helle Farbe wirkte das Tier größer als die anderen. Noch immer sprachen wir kein Wort. Mit einem Mal hatte das Damwild von uns Witterung genommen und - husch, waren alle verschwunden.

Unser Förster bestätigte später, dass sehr viel Damwild in unseren Wäldern lebt. Und dass es bei diesen schönen und so scheuen Tieren hin und wider zu einer Albino-Geburt kommt. Beim Albino handelt es sich um eine Verlustmutation. Der Erbfaktor für die Haarfarbe fällt aus. Diese Mutation wird nur dann sichrbar, wenn der entsprechende Erbfaktor von beiden Elternteilen vererbt wird. Haben die Eltern nur ein Albino-Gen, dann sind die Nachkommen in der Regel "normal" gefärbt.

Über Wikipedia machte sich meine Tochter weiterhin schlau, wodurch wir noch erfahren haben, dass von der ganzen Welt die größte Herde weißer Rehe und Hirsche in Seneca County, New Jork, existiert. Von etwa 700 Tieren sind 300 weiß. Man stelle sich das vor! Hier handelt es sich aber nicht um Albinos. Der Züchter hat durch ständige Inzucht der weißen Tiere, also durch Verpaarung von engen Verwandten mit weißem Fell, diese künstliche Selektion erreicht. Wir würden das ablehnen! Man sollte sich
doch nur - über die natürliche Laune der Natur -
freuen!

In uns war aber der Jagdinstinkt geweckt! Nicht dass wir "jagen" wollten im wahrsten Sinne des Wortes. Silli und ich gingen mehrere Tage immer zur gleichen Zeit an den gleichen Ort, da wir die Herde gesehen hatten. Und tatsächlich standen die
braunen Damwildtiere im Tann und in ihrer Mitte die weiße Schönheit. Sie ästen auf der Lichtung und ließen sich eine ganze Weile auch gar nicht stören. Das Albino leuchtete im Sonnenschein. Natürliche Feinde hätten ein leichtes Spiel gehabt. Aber das wäre ja in unseren Wäldern nur der Mensch.

Wir hofften so sehr, dass alle Jäger die alte Legende kennen: Niemand soll ein gesundes weißes Tier schießen, denn sonst kommt Gevatter Tod zur Familie des Jägers und fordert Tribut!

Überhaupt nicht zustimmen konnten wir der Aussage unseres Försters, dass die Albinos von einer Herde verstoßen werden. Im Gegenteil, wir sahen ja mit eigenen Augen jeden Tag aus Neue , wie behutsam die braunen Tiere das Weiße in ihre Mitte nahmen.
Am letzten Wochenende kam uns eine Familie in die Quere, die sich lautstark unterhielt. Wir sahen, wie die Herde im Zick-Zack davonstob mit einer Vor- und Nachhut. Aber immer war das Tier ganz in Weiß in ihrer Mitte - wohlbehütet. So soll es bleiben!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.07.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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