Wo finden wir es, das letzte Abenteuer, das diese Gesellschaft noch für uns parat hat? Wo wir uns bewegen können, frei von städtischen Kleidernormen, in abgestuft bunten ‚C & A – Jogginganzügen‘, die daheim nur heraus gekramt werden, wenn die sich alternativ angehaucht gebenden Kinder ihren Besuch ankündigen, um ihnen Weltoffenheit zu demonstrieren.
Es ist dies die Flucht aus der streng durchorganisierten Alltagsenge in die Freiheit geometrisch angelegter Campingplätze, wo sich in schmalen Reihen jeder sein eigenes Reich absteckt, begrenzt auf den Platz für Auto, Wohnwagen, Vorzelt und vom Nachbarn abgeteilt durch frauhohe Stoffzäune, die eben noch den Gang um die eigenen vier Wände zulassen. Den gerade noch vorhandenen Platz für einen Liegestuhl beansprucht die Wäscheleine, auf der Mutter jeden Morgen nach dem Duschen die Handtücher ihrer Lieben ordnet, streng nach System, damit auch keiner versehentlich ihr Geschirrtuch erwischt, wenn er nachts im Dunkeln zur Toilette geht.
Sonntagmorgen (auf dem Campingplatz ist jeden Morgen Sonntagmorgen), 9.00 Uhr:
Edwin (55) öffnet die Wohnwagentür, der erste Blick ins himmelblau – anerkennendes Nicken. Der zweite Blick gen Osten – trotz allem ist die Sonne auch heute morgen wieder aufgegangen, was erneutes Nicken der Anerkennung provoziert, wohingegen der Blick nach rechts in die ‚Wild Area‘ des Campingplatzes die Mundwinkel wie jeden Morgen nach unten sacken lässt und den Kopf in ablehnende links-rechts-links-Bewegungen bringt. Da muss er doch mal mit dem Verwalter reden. Die jungen Leute sind zwar nachts auch ruhig, aber diese in loser Ordnung aufgebauten Zeltburgen, das ist wie ein Blick in die Slums. Das vermiest die gute Laune; wie morgens in der Firma, wenn er im Parkhaus mit seinem schneeweißen 5er BMW seinen reservierten Platz ansteuert, direkt neben der buntrostigen Ente irgendeines Bandarbeiters.
Ja, der BMW. Erst der vierte Blick gilt seinem Auto. Handelt es sich doch nur um ein Fortbewegungsmittel und nicht um ein Statussymbol, das irgendeinen Schein in seine Welt bringt, weil es nach außen hin das Sein etwas aufwertet.
Er wendet sich ab, verschwindet wieder im Wohnwagen, um (nicht etwa den fünften Blick endlich seiner Frau zuzuwenden; die hat im Ritual noch nicht ihren Platz) gleich darauf mit einem nassen Schwamm zurückzukehren. Mit der anderen Hand sich krampfhaft im Türrahmen festhaltend, hievt er seinen schwerfälligen Körper die zwei Stufen vom Wohnwagen hinab. Leichtfüßig bewegt er sich Richtung BMW, um den er einmal die Runde macht, nicht, ohne immer wieder den Schwamm anzusetzen, um vielleicht die Hinterlassenschaft einer sich im Flug erleichternden Möwe zu entfernen und – machen wir uns nichts vor – auf dieser Farbe hinterlassen selbst Fliegen ihre Spuren. Aber das ist halt der Preis, den man zahlen muss, den man gerne zahlt. Wisch – -Wisch – - noch ein paar Stellen auf der Motorhaube - - der Stoßstange wieder den alten Glanz verliehen - - oh, das Nummernschild „ED - WN 1347“ - - schade, dass keine dreistelligen Buchstabenfolgen vergeben werden.
Zwei Schritte zurücktreten, den Kennerblick, ein letztes Wischen und weg mit dem Schwamm in die Spüle. Eigentlich ist ja Urlaub, aber die Arbeit holt einen doch immer wieder ein.
Den Schwamm hat er gegen das Fernglas getauscht, um sich damit auf zu machen in Richtung Meer. Nach wenigen Schritten hält er zögernd inne. Da war doch noch was?
Richtig! Er ist schließlich nicht allein. Der Urlaub wärt halt noch nicht so lange, da ist der Ablauf noch nicht so ins Blut übergegangen. Er kehrt zurück und baut mit sicheren Griffen den Campingtisch und zwei Stühle vor der Tür auf. Während er dann doch noch mit dem Fernglas entschwindet, findet nämlich die Frau ihren Platz im Ritual: alles, was oberhalb der nackten Tischplatte kommt, ist ihre Aufgabe, angefangen mit dem rot karierten Tischtuch. Im frauenpowerlilafarbenen Jogginganzug belebt sie die Szene, gibt stumm all ihre Power beim Decken des Tisches. Eingewöhnungsschwierigkeiten? Nicht für sie. Abgesehen von den zwei Stufen des Wohnwagens ist alles wie zu Hause. Urlaub ist doch was Feines.
Währenddessen steht Edwin auf der Deichkrone. Ganz Käpt’n lässt er den Blick durchs Rohr übers Meer schweifen – zählt Schiffe - schweift langsam in die Runde - überm Campingplatz (nur nicht zu langsam, um keinen Verdacht zu erregen ... aber vielleicht ist ja doch einmal ein aufregender Blick durch eine nicht zugezogene Gardine drin) - zurück zum Meer – stoppt – schweift weiter – stoppt – stellt die Schärfe nach – schaut – setzt ab – wendet sich in Richtung Wohnwagen, wo seine Frau den Tisch deckt. ‚Die interessiert sich aber auch für nichts‘ denkt er. „Ingrid, komm mal her, ein Seehund!“ ruft er ihr über dreißig Meter zu. Ingrid verzieht keine Miene und eilt gehorsam den Deich hinauf. Mit Daumen und Zeigefinger jeder Hand das Fernglas haltend und die restlichen Finger weit abspreizend, lässt sie ihren Blick dem ausgestreckten Arm ihres Mannes folgen. „Frühstück ist fertig“, sagt sie, ihm das Glas zurück reichend.
Er folgt ihr zu Tisch und beide genießen das Frühstück. ‚Urlaub ist doch was Feines‘, denkt Ingrid ‚einmal ganz was anderes‘ und schaut in das Gesicht ihres Mannes, das hier nicht hinter der Zeitung verschwindet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.07.2011.
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