Rüdiger Nazar

Es wird Zeit zu gehen...

Mein Gott...ist das heute wieder kalt.
Ich liege unter der Autobahnbrücke auf einer alten Holzbank...die zwei dünnen Decken geben  nicht genug Wärme ab...aber was soll`s ?
Über mir dröhnen die Motoren der Blechlawinen. Bald ist vierundzwanzig Uhr...dann wird sich der Lärm etwas beruhigen. Ich wälze mich hin und her...die Bank ist hart.
Was für ein beschissenes Leben. Aber...bin ich es nicht selber Schuld ?
Morgen ist Heiligabend...oh ja...Weihnachten. Ach was war es früher doch schön...so zu Weihnachten...im Familienkreis. Wehmut  im Herzen...laufen Bilder und Geschehnisse vor meinem inneren Auge ab. Genau vor sechs Jahren verstarb meine geliebte Frau...Elsa...genau am Heiligabend....im Krankenhaus an Krebs. Meine Welt zerbrach...und meine Tochter gab mir die Schuld...das ich Elsa nicht helfen konnte. Aber ich konnte nicht helfen...keiner konnte es...ja vielleicht nur Gott...aber der schien gerade seinen freien Tag zu haben. Über diesen Gedanken mußte ich lächeln...obwohl mir bald die Finger abfroren. Meine Zehen spürte ich schon seit einiger Zeit nicht mehr. Hoffentlich ist diese Nacht bald vorbei...und hoffentlich erwache ich dann wieder.
Wo ist denn meine Flasche ? Aha...da ist sie ja. Oh...das Zeug brennt wie Feuer im Hals...den billigsten Fusel den man sich nur denken kann...aber er ist eben billig.
Ich sehe den Himmel...frostig klar und mit Sternen übersät. Ob es da oben...irgendwo...noch Leben gibt ? Doch...ich bin davon überzeugt. Es wäre vermessen anzunehmen...das wir die einzigsten Lebewesen im ganzen Universum sind...da es ja unendlich ist. Kann ich mir garnicht vorstellen...unendlich...mir wird schummerig im Kopf bei dieser Vorstellung...und ich schlafe ein.
Am anderen Morgen werde ich durch lautes Hundegebell geweckt. Eine Joggerin kommt mit ihrem Vierbeiner an mir vorbei. Hallo...sagt sie...und ich grüße zurück.
Ja...sie kommt hier jeden Morgen vorbei und kennt mich schon...manchmal hatten wir auch ein kleines Gespräch...es tat mir sehr  gut....mal mit einem Menschen zu reden.
Wie immer...wie jeden Morgen verstaue ich meine Sachen...die Decken und so...in meinen Rucksack...und verstecke ihn in einem Graben.
Der Weg bis zur Stadtmitte ist nicht sehr weit...vielleicht so zehn Minuten. Die Fussgängerzone ist um diese Uhrzeit schon belebt. Alles hetzt umher....die letzten Einkäufe für`s Fest. Ich werde nicht beachtet...wie ich so langsam schlendernd  dahinträume. Oh...wie das duftet. Ich stehe vor einer Fischbraterei....mir läuft das Wasser im Munde. Ich drehe meine Hosentaschen nach außen...nichts...nicht mal ein müder Euro.  Ja bitte sagt die Verkäuferin hinter der Theke. Ich blinzle ihr zu...sieht alles lecker aus...sage ich...und wie es duftet. Was kann ich ihnen denn geben ? Nichts sage ich...habe schon gefrühstückt...und mein Magen knurrt laut. Ich gehe weiter.
Kurz vor C&A breite ich die kleine mitgebrachte Decke aus...und setze mich darauf.
Einen handgeschriebenen Zettel lege ich vor mir hin...ICH HABE HUNGER.
Die kleine leere Konservendose...war mal vor längerer Zeit Corned Beef drin...schiebe ich verschämt vor dem Zettel.
Viele...viele Menschen gehen an mir vorbei...sehen einfach weg...wenn sie mich erblicken...so als würde ich garnicht existieren.
Da...kling...eine Münze wird hinein geworfen. Danke sage ich...und frohe Weihnachten der Herr. Sehe hinein...zehn Cent...naja...wollen mal nicht undankbar sein.
Plötzlich steht eine Frau vor mir...an der Hand eine kleines Mädchen...von so cirka sechs Jahren...denke ich.
Komm`sagt sie zu ihrer Tochter...wir müssen weiter. Aber Mami sagt die kleine...warum gibst du dem Mann denn nichts ?  Der soll mal lieber Arbeiten gehen...wir bekommen auch nichts geschenkt....und zieht das Kind hinter sich her.
Ich sehe ihnen nach...und lächle. Da reißt sich das Kind von der Mutter los...und kommt zurück gelaufen...steht vor mir und lächelt.
Sie wirft mir zwei zwei Eurostücke in die Dose. Hier Opa...ist mein Taschengeld von dieser Woche...kannst du haben...und frohe Weihnachten. Ich bin gerührt und habe Tränen in den Augen.
Lange sitze ich da...denke aber doch daran...die Stellung zu wechseln. Etwas weiter setze ich mich erneut vor einem Elektrogeschäft....breite wieder die Decke aus...den Zettel und die alte Konservendose.
Hunderte gehe achtlos an mir vorbei...ein jugendlicher wirft mir einen abgekauten Kaugummi auf die Decke...frohe Weihnachten lacht er los. Ja...du auch frohe Weihnachten sage ich...du auch...und Danke.
Kurz bevor es zu dunkeln beginnt...denke ich an den Rückweg...zu meiner heißgeliebten Bank....unter der Autobahnbrücke. Hoffentlich wird diese Nacht nicht so kalt wie letzte.
Plötzlich...denke ich...mein Herz bleibt stehen. Zwei junge Frauen kommen auf mich zu...oh Gott...eine davon ist meine Tochter. Ich habe sie seit sechs Jahren nicht mehr gesehen...sie hat mir den Tod  ihrer Mutter nie verziehen. Komm`sagt die eine...wir geben dem alten etwas...ist schließlich Weihnachten...
und zückt die Geldbörse. Meine Tochter erhebt den Kopf...und unsere Blicke treffen sich.
Sie schweigt...und sieht mich lange an. Was ist ? fragt ihre Freundin...kennst du den Mann.
Meine Tochter schüttelt den Kopf...nein...nein kenne ich nicht...woher auch...und zerrt ihre Freundin am Arm in das Elektrogeschäft.
Mein Herz bekommt einen fürchterlichen Stich...meine Tochter...meine geliebte Tochter.
Ja...es wird Zeit für mich zu gehen. Ich packe alles zusammen und gehe den gleichen Weg zurück...so wie ich gekommen bin. Ich drehe mich noch mal um...und erblicke meine Tochter draußen auf dem Bürgersteig vor dem Geschäft....die mir hinterher sieht. Sie schüttelt den Kopf und geht in`s Geschäft zurück.
Ich liege wieder auf meiner Bank und denke an alte Zeiten...als mein geliebtes Kind noch klein war. Sie war ein Papakind.
Von den paar Euros die ich mir erbettelt habe...habe ich mir eine Flasche Glühwein gekauft...ja...für den heutigen Festtag...Heiligabend.
Alleine sitze ich  hier in dunkler Nacht...und gieße mir das Zeug in den Hals.
Die Flasche zum Himmel zeigend...proste ich den Sternen zu. Prost und eine schöne Weihnachtszeit liebe Elsa...ich liebe dich noch immer...und Prost auf dich meine Tochter...du wirst immer mein kleines geliebtes Kind bleiben.
Eine helle Sternschnuppe zieht über den Himmel...und ich schlafe ein.
Ja...es wird Zeit zu gehen.


Am nächsten Morgen findet die Joggerin den Mann leblos auf der Bank liegen. In seiner Hand ein altes vergilbtes Foto. Es zeigt seine Frau und seine Tochter an irgend einem
Weihnachtstag der vergangenen Jahre. Die Personalien werden von der Polizei gefunden...ein Ausweis...mit einem Zusatz vor seinem Namen...Doktor Med...Internist.




Rüdiger Nazar
melvin6@gmx.de
Samstag....30.July 2011








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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.07.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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