Rüdiger Nazar

eine platonische Liebe für die Ewigkeit...

Der dauernde Regen hatte endlich aufgehört.
Kletschnass kam ich aus der Arbeit...was ein Sauwetter.
Ich zog mich im Badezimmer um...und fönte mein Haar trocken. Mit Schrecken dachte ich daran...daß ich in den nächsten Tagen meine Bude auf Hochglanz bringen mußte.
Besuch stand an...ich hatte in ein paar Tagen Geburtstag...meinen neununddreißigsten.
Ich hatte niemanden  eingeladen...sagte...wer kommt der kommt...und wer nicht...der eben nicht...basta.
Was mache ich  jetzt den Rest des Tages ? Vielleicht sollte ich einfach spazieren gehen...die Luft und die Sonnenstrahlen genießen...die nun langsam aus der aufgerissenen Wolkendecke zum Vorschein kamen.
Und so tat ich auch. Die Strassen dampften noch vom Regen...der auf den warmen Asphalt gefallen war....die Strasse war Menschenleer.
So trollte ich mich daher...eigentlich gar kein Ziel im Sinn...und steuerte unmerklich und nicht gewollt in Richtung Stadtwald.
Dunst schwebte noch zwischen den Stämmen....und die Vögel  begannen wieder zu singen und zu pfeifen. Diesen Wald kenne ich in-und auswendig...jeden  Weg...jeden Pfad...auch wenn er kaum begehbar ist. Meine Lungen füllen sich mit frischem... reinem...Sauerstoff.
Das tut wirklich gut.  Die nächste Wegbiegung kommt...die kenne ich gut...dahinter ist eine Holzbank am Rande. Hier wollte ich dann etwas verweilen.
Als die Bank in Sicht kommt...ist sie schon von einer Person besetzt. Naja...denke ich...was soll`s ? Es ist eine Frau...eine ältere...nein eigentlich schon eine alte Frau.
Ihr Kopf hängt vornüber...die Augen sind geschlossen...und ich denke...sie schläft.
Will einfach vorbei gehen...aber nein...das kann ich nicht.
Hallo...guten Tag...geht es ihnen gut ? Kann ich ihnen irgendwie helfen ?
Langsam hebt sie den Kopf. Oh sagt sie...muß wohl etwas eingenickert sein. Nein nein...mir geht es gut...vielen Dank. Darf ich mich zu ihnen setzen. Ja aber natürlich...warum denn nicht. Ich setze mich links von ihr auf die hölzernen Bohlen.
Schöner Tag heute...versuche ich eine Konversation zu beginnen...ein wirklich schöner Tag. Sie nickt....und sieht mich nachdenklich an. Was wollen sie von mir ? Haben sie es auf mein Geld abgesehen ...wollen sie meine Geldbörse...und sieht mich fragend an. Ich erkenne etwas Furcht in ihren Augen. Aber nein sage ich...wie kommen sie denn darauf...oder brauchen sie ihre Geldbörse etwa nicht mehr...sage ich mit etwas Lachen in der Stimme. Oh Gott sagt sie...tut mir leid...so leid...ich bin so mißtrauisch. Aber heutzutage...wissen sie...man kann bald niemandem mehr trauen...und ich hier so alleine im Walde. Was machen sie denn hier so alleine...wenn  ich mir die Frage erlauben darf.
Sie dürfen sagt sie. Ich bin öfters hier...kenne die ganze Gegend...war früher sehr oft mit meinem Mann hier...!  Es ist nicht schwer zu erkennen...daß diese Frau sehr einsam ist...ihre Augen sprechen Bände.Ja ja sagt sie...er ist schon lange tot.   Dahinten etwas weiter ist ein Waldrestaurant...Haus Waldesruh...sage ich. Sollen wir etwas gehen und dort einen Kaffee trinken ? Ja sagt sie lächelnd...gerne...dort war ich schon oft...damals.
Ein schönes Lokal...in einer idyllischen Gegend...nettes Personal. Hallo Frau Klein...wird die Frau von einer Kellnerin freundlich begrüßt. Hallo Resi...wie geht es ihnen. Ich stehe etwas überflüssig einige Schritte hinter den angeregt redenden Frauen.
Oh Entschuldigung sagt sie ...sich zu mir wendend...Resi...das ist Herr... ? ? ?
Äh...Nazar sage ich...Rüdiger Nazar ! Resi nickt...guten Tag...wo darf ich ihnen Platz anbieten. Die Frage war überflüssig...Frau Klein hatte sich schon einen wunderschönen Fensterplatz ausgesucht und saß bereits.
Wir tranken Kaffee...zwei Tassen für jeden. Frau Klein aß ein Stückchen Erdbeertorte mit Schlagsahne und schmunzelte...darf ich eigentlich garnicht...Colesterin und so.
Es entstand ein langes...und anregendes Gespräch...und die Zeit verstrich.
Oh sagte sie...jetzt wird es aber Zeit das ich nach Hause gehe.
Ich begleite sie ein Stück...sind sie damit einverstanden. Ja sagte sie...ja...kommen sie...wir gehen...Resi...bitte bezahlen.  Und glauben sie ja nicht...daß sie bezahlen werden...Kavaliere sind out...Emanzipation ist inn. Sie hatte eine so herzerfrischende Ausstrahlung und Wortwahl...daß es mir wirklich schwer fiel...ihr Alter zu schätzen.
Als hätte sie es geahnt...in meinem Gehirn gekramt...fragte sie...und?was meinen sie denn wie alt ich bin . Diese Frage fehlte mir noch...wollte ich doch eventuell nicht in`s Fettnäpfchen treten...mit meiner Altersschätzung. Jedenfalls alt genug...um alleine im Walde spazieren zu gehen...suchte ich mit dieser Antwort...mich aus der Verlegenheit zu schlendern. Sehr gut...sehr gut....junger Mann...sehr diplomatisch ausgewichen. Ich fühlte mich ertappt.
Als sie sich die Jacke anzog sagte sie so ganz beiläufig...83 Jahre alt in diesem Jahr.
Das hatte ich nun wirklich nicht erwartet...nein absolut nicht.
Wir gingen den gleichen Weg zurück...und als wir den Wald verließen...es dunkelte schon etwas...sagte sie...nun gehe ich alleine weiter...es ist nicht mehr sehr weit zu meinem Hause. Wir verabschiedeten uns. Als sie ging...rief ich ihr nach...Hallo Frau Klein...bis nächsten Freitag um die gleiche Zeit...am gleichen Ort. Ja sagte sie lächelnd...ich habe irgendwie diese Frage erwartet...gerne...und außerdem heiße ich Hilde. Ich war verlegen...
bis bald Hilde. Sie entschwand einige Strassen weiter ...aus meinem Sichtfeld.
Nun...was will ich weiter berichten ? Wir trafen uns sehr oft in den nächsten Wochen...jedes mal...jedes Treffen mit dieser Frau...war ein Erlebnis für sich.
Einmal gingen wir an einem Feldweg spazieren...da sprang ein kleiner Grasfrosch über den Weg. Oh sagte ich...sieh`mal da. Mittlerweile duzten wir uns. Ich nahm ihn in die Hand.
Halt`mal deine Hand auf sagte ich...er möchte zu dir. Oh Gott nein rief sie...ich habe noch nie einen Frosch angefasst...igitt. Ich nahm ihre Hand und drehte die Innenfläche dieser nach oben. Der kleine Frosch saß nun mitten in ihrer Handfläche. Oh...das ist garnicht so schrecklich...lachte sie etwas bitter...nein eigentlich ist es schön und angenehm.
Behutsam setzte sie den kleinen Gast wieder auf den Boden...der sofort das Weite suchte.
Ja...es war einfach ein schöner Tag...und als wir uns kurz auf eine Bank setzten...pflückte ich eine kleine hellblaue Feldblume...und gab sie ihr. Das ist aber lieb von dir...und steckte sie in ihre Brusttasche der Bluse.
So trafen wir uns...ab und an...aber sie ließ sich nie nach Hause geleiten. Eines Tages...der Tag war mal wieder wunderschön...verabschiedeten wir uns...sie ging...und ich...ich schäme mich heute dafür...folgte ihr.
Nach einer Wegstrecke von vielleicht fünfzehn Minuten...stand sie vor einem Haus...und verschwand in der Eingangstüre.Als ich näher ging...erkannte ich ein Schild...rechts neben dem Rahmen...Seniorenheim. Ach...warum bin ich ihr nur gefolgt...ich kam mir so schlecht vor. Beim nächsten Treffen war ich verlegen...sie merkte es. Was ist mit dir ?
Nichts sagte ich...bin nur müde. Das ist nicht wahr...ich denke...du bist mir gefolgt...zum Seniorenheim. Ich wurde puterrot...ja...tut mir leid.
Egal sagte sie...früher oder später hätte ich es dir so wie so gesagt. Sie erzählte mir ihre ganze Lebensgeschichte...ihre Kindheit...der Krieg...die Flucht...das neue Deutschland...ihr Mann. Kinder...? Nein Kinder hatten sie nicht gehabt.
Und ich bin so froh und glücklich...das ich dich kennenlernen durfte. Du gabst mir ein Stückchen Lebensmut zurück...ein Stückchen Jung sein.
Abends brachte ich sie  eine Strasse kurz vor dem Seniorenheim. Also dann....bis nächsten Freitag. Sie lächelte. Schüss.
Der Freitag kam...ich saß im Haus Waldesruh...und wartete...eine Stunde...zwei Stunden...drei Stunden. Egal...jetzt gehe ich dort hin...wer weiß was ist .
Die Türglocke schrillt häßlich. Eine Schwester...oder so...öffnet...ja bitte. Hallo...ich möchte gerne zu Frau Klein...Hilde Klein.  Und wer sind sie?  ein Familienangehöriger oder so . Nein sage ich...ich bin ein guter Bekannter von Frau Klein. Die Schwester bittet mich herein. Frau Klein hatte keine Bekannten. Doch sage ich...mich. Sie...sie sieht demonstrativ an mir vorbei...heißen sie Rüdiger ? Ja nicke ich eifrig...ja. Ich muß ihnen leider mitteilen...das Frau Klein gestern Nacht verstorben ist...sie ist friedlich eingeschlafen.
Kommen sie mit...ich muß ihnen etwas überreichen...ich folge ihr.
Sie gibt mir ein kleines Schächtelchen...ich öffne es vorsichtig. Oh...ein kleiner grüner Frosch aus Porzellan...und eine hellblaue Feldblume...meine Blume...die ich ihr gepflückt habe...Tränen  lassen sich nicht mehr zurückhalten...als ich den Zettel lese...auf dem die kleine trockene Blume geklebt ist. Von meinem besten Freund Rüdiger.
Ich verlasse schweren Herzens das Seniorenheim...und sehe viele alte Menschen die traurig an den Fenstern stehen...und apathisch nach draußen schauen.

Ja das ist alles schon lange her...sehr lange...genau 18 Jahre.Ich bin jetzt 57...
und ...ich sitze hier im Walde auf der Holzbank...wo ich sie einst traf...und denke immer noch an sie. Mein Kopf ist schwer...da höre ich eine Stimme...Hallo...guten Tag...kann ich ihnen helfen ? Ist ihnen nicht gut ...Rüdiger ? Doch...mir geht es gut sage ich...sehr gut.
Haben sie gerade meinen Namen genannt. Das junge Mädchen...so um die achtzehn... verneint. Verdammt...das habe ich doch gehört...hämmert es in meinem Schädel.
Darf ich mich zu ihnen setzen. Ja sage ich...ja gerne. Nach einer Weile sagt sie...dort hinten hinter der Biegung...ist ein Restaurant..Haus Waldesruh...sollen wir dort einen Kaffee trinken? Wir gehen los. Oh sehen sie mal...ein kleiner Frosch. Ich zucke zusammen.
Hier...halten sie mal ihre Hand auf...er möchte zu ihnen. Ich nehme ihn behutsam in meine Hand. Schön sage ich...er ist so schön. Sie lächelt...geht in die Hocke...und als sie sich wieder erhebt...legt sie mir eine hellblaue Feldblume neben dem kleinen Frosch.
Ich sehe in ihre Augen...und sehe in Augen...die ich zu kennen glaube.
Als wir das Lokal betreten...sagt sie...Hallo Resi...darf ich dir vorstellen...das ist Rüdiger...mein bester Freund.


                                                                                                      Rüdiger Nazar
                                                                                                  melvin6@gmx.de
                                                                                             Sonntag.01.August 2011
















 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.08.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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