Rüdiger Nazar

ich bin ein Mensch...

Ich weiß garnicht wie lange ich schon hier bin.
Jeder Tag ist wie der andere. Ich kenne kein Datum...weiß noch nicht mal welchen Wochentag wir haben...noch den Monat oder das Jahr.
Ich weiß wohl...wenn es dunkel wird...muß ich schlafen...wenn es hell ist...wache ich auf.
Das ist mein Lebensrythmus.
Außer einen Satz...Mama kommt...kann ich nichts reden...aber ich verstehe jedes Wort.
Ich heiße Lutz.
Ich weiß noch...als meine Eltern mich hierher brachten...war ich so zehn Jahre alt...denke ich jedenfalls. Ich lebte damals in einem wunderschönen Haus...mit einem großen Garten. Da gab es so schöne Sachen...wie Blumen und Schmetterlinge...Mama sagte immer...sieh mal...ein Metterling...ich lachte.
Aber ich war krank...sehr krank...und meine Eltern verzweifelten. Sie wurden nicht mehr mit mir fertig...ich war ihnen einfach zu anstrengend...deshalb brachten sie mich hierher...
in die Psychiatrie. Ich weiß nicht wie meine Krankheit heißt...aber die Ärzte reden immer miteinander...spasmische Lähmung...sagen sie...mit einhergehender  Epilepsie.
Was immer das auch sein mag...ich weiß es nicht. Aber meine Arme und Beine sind unnatürlich verkrümmt...meine Muskeln sind verkrampft und schmerzen. Manchmal...ja manchmal...habe ich Kopfschmerzen...habe dann Blitze im Kopf und sehe Farben...meine Augen verdrehen sich...und dann...dann...mehr weiß ich nicht.
Ja...ich heiße Lutz...mehr weiß ich nicht . Da ich nur einen Satz reden kann...Mama kommt...denken die Ärzte und Pfleger...das ich doof bin...und auch nichts verstehen kann.
Aber ich verstehe jedes Wort...Mama brachte mir das Reden bei. ..ja meine Mama.
Irgendwann kommt sie...und holt mich wieder ab...das weiß ich ganz genau...sie wird kommen. Jedesmal wenn eine Türe schlägt...sage ich...Mama...kommt...und die Schwestern lachen sich kaputt. Eine sagte mal...Lutz...du Spastiker...rede keinen Unsinn...deine Mama kommt nicht mehr...du bist schon zwölf Jahre hier bei uns. Was ist das...zwölf Jahre ? Ist es eine lange Zeit...oder eine kurze.
Oft gibt es hier Brei...ja ziemlich oft sogar. Ich mag keinen Brei...aber die Schwester stopft es immer in mich hinein...ob ich will oder nicht...habe kaum Zeit zu schlucken...schon schiebt sie mir den nächsten Löffel nach...ich würge und bekomme keine Luft mehr. Stell dich nicht so an...du Blödmann...sagt sie. Blödmann...dieses Wort kenne ich nicht...was heißt es ?
Oh...ich bekomme wieder diese Blitze im Kopf...Farben und ein furchtbares Gedröhne im Ohr.  Ach könnte ich ihnen doch sagen...das ich alles verstehe...jedes Wort.
Ich kann auch nicht rufen...wenn ich mal muß...also mache ich in`s Bett.
Meine Windeln sind dann immer voll und stinken fürchterlich...aber sie kommen nur ab und zu mal...um mich zu reinigen. So liege ich dann manchmal lange in meiner Scheiße...und es brennt...und ich bin wund.
Sie haben keine Zeit sagen sie immer...sitzen aber am Tisch...trinken...quatschen...und rauchen.
Meine Mama hat nie geraucht.
Letztens bekam ich einen Anfall...aber ich konnte nicht rufen. Ich biss mir auf die Zunge...so das ich fürchterlich blutete...dann rutschte meine Zunge in den Hals...ich glaubte zu ersticken.  Dann sah ich einen Pfleger über mir...der mir eine lange Nadel...mit einem Haken dran...in den Rachen schob...und meine Zunge schmerzlich wieder herauszog. Ich war ihm ja so dankbar...obwohl es verdammt weh tat.
Da die Türe klappert wieder...ah...Mama kommt. Ich kann mich nicht bewegen...liege auf der Seite schon seit Stunden. Mama kommt nicht ruft die Schwester...es donnert draußen...du Blödel...und lacht. Ach könnte ich mich doch verständlich machen.
Zeit für meine Medikamente...es sind viele...sehr viele die ich täglich schlucken muß...aber sie helfen nicht.
Wenn ich in`s Bett gemacht habe...kommt immer jemand und macht mich sauber...irgend wann einmal. Ich bekam mal bei einer Wäsche durch eine Schwester so seltsame Gefühle zwischen den Beinen...und mein Schniedel bekam einen Krampf glaube ich...und wurde ganz hart und lang...und sie lachte und rief eine Lernschwester. Sieh dir mal dieses Prachtstück an...ist das nicht eine göttliche Verschwendung.
Was meinte sie nur damit ? Sie sind manchmal ganz frech zu mir...und ein Pfleger...ich mag ihn nicht...schlägt mich immer wenn er hier alleine Nachtdienst hat. Ich weiß nicht warum er das macht...ich habe doch nichts getan. Er versucht dann mit mir zu reden...mit Händen und Füßen...wie ein Indianer. Kann er denn nicht richtig sprechen ? Letztens sagte er zu mir...du bist schlimmer als ein Tier...man sollte dich erlösen...du Armer. Was meint er damit ...?...erlösen.
Ich versteh doch alles...aber das kann er ja nicht wissen.
Oh...wann kommt Mama endlich und holt mich Heim ?

........................................................................................................................................

Gestern  klapperte wieder die Eingangstüre...und ich rief erfreut...Mama kommt...und was sagte die Schwester darauf ?...ich verstehe das nicht...
Mama kommt nicht mehr Lutz...gib es dran...du bist jetzt schon  sechzehn Jahre hier.

Ich bekomme Krämpfe...meine Gliedmaßen schmerzen sehr...und ich sehe wieder Blitze...Farben...und bekomme eine Spritze...


                                                                                               Rüdiger Nazar
                                                                                            melvin6@gmx.de
                                                                                  Dienstag den 02.August 2011





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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.08.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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"Schmetterlinge im Kopf und Bauch" ist mein holpriger lyrischer Erstversuch. Mit Sicherheit merkt man, dass es keine Lektorin gab, wie übrigens auch bei den anderen beiden Büchern nicht. Ungeordnet sind viele Gedichte, Gedankenansätze, Kurzgeschichten chaotisch vermengt veröffentlicht worden. Ich würde heute selbstkritisch sagen, ein Poet im Aufbruch. Im Selbstverlag gedruckt lagern noch einige Exemplare bei mir. Oft schau in ein wenig schmunzelnd in dieses Buch. Welche Lust am Schreiben von spontanen Gedanken ist zu spüren. Ich würde sagen, ein Chaot lässt grüßen.

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