Eine alte Frau war blind und sagte eines Morgens: "Ich möchte am Mittelmeer sterben, ich möchte am Mittelmeer sterben." Und da die Frau mit ihrem Wunsch immer eindringlicher wurde, überlegten sich die Stationsleiterin und der Heimleiter, wie sie dem Wunsch der Bewohnerin Folge leisten könnten. An einem warmen Sommermorgen, als sich der Zustand von Frau Mörgeli verschlechtert hatte, sagte der Heimleiter: "Morgen fahren wir ans Mittelmeer." Für kurze Zeit kam ein Lächeln ins geschwächte Gesicht von Frau Mörgeli.
Am folgenden Tag fuhr der Firmenbus, der in einen fahrenden Krankenwagen umgebaut worden war, los. Acht Stunden fuhren der für diese Reise abberufene Küchenchef und zwei Pflegerinnen zuerst auf der Autobahn durch die Ostschweiz, dann nach Konstanz über die Grenze ins Allgäu, dann um den Bodensee herum nach Bregenz und wieder zurück in die Ostschweiz, in die neu gebaute Altersresidenz, die neben dem Altersheim soeben fertiggestellt worden war. "Wir bringen Sie jetzt auf Ihr Zimmer mit Sicht aufs Mittelmeer." Der Küchenchef öffnete daraufhin die Hecktüre des Firmenbusses, zu dritt legten er und die beiden Pflegerinnen Frau Mörgeli auf eine Fahrtrage und brachten sie auf ihr Zimmer. "So, das ist Ihr neues und letztes Heim." Im Zimmer verströmte eine Duftmaschine, die an der Decke angemacht war, Meeresdüfte, und aus zwei Stereoboxen ertönten Wellengeräusche.
Niemand hatte damit rechnen können, dass sich Frau Mörgeli unter diesen Umständen gut erholte und noch lange nicht verstarb.
© 2009 Verlag Huber Frauenfeld (CH)
Aus dem Buch: "Alois und Auguste - Alzheimer und Demenz - Geschichten über das Vergessen"
Herausgegeben von Heidi Schänzle-Geiger und Gerhard Dammann
Vorheriger TitelNächster TitelEV: Alois und Auguste, Geschichten über das Vergessen, Alzheimer und Demenz, Anthologie, Huber Verlag, Frauenfeld (CH), 2009
V: e-Stories, Internet-Portal, Nauheim (D), 2011René Oberholzer, Anmerkung zur Geschichte
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.08.2011.
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