Der Butler hatte immer schon gewusst, dass es keine gute Idee war,
mitten in der Wüste ein Haus im europäischen Stil zu bauen. Bei
orientalischen Häusern stehen einzelne Steine der Außenmauern ein paar
Zentimeter hervor, so dass sie der umgebenden Wand Schatten spenden und
so das gesamte Gebäude kühlen. Doch die Erbauer des Hauses seines Herrn
hatten nicht über die jahrhundertealte Expertise der Einheimischen
verfügt. Die Glasfenster im Teezimmer der Damen waren nach Osten
ausgerichtet und so groß, dass sich durch die Sonneneinstrahlung der
Raum schon in aller Frühe auf weit über 40 Grad aufheizte. Aber als er
als junger Mann den Auftrag bekommen hatte, mit der Gutsherrenfamilie
nach Afrika zu gehen, hatte er nicht gezögert, denn er war arm und
hoffte, seine Verlobte bald heiraten zu können, sobald er ein wenig Geld
gemacht hatte.
Der Geist des Butlers wanderte durch die Räume
des Hauses. Das Zimmer von Elisabeth wurde von der Sonne hell
erleuchtet, so dass der Sand, der sich bis zum Fenstersims im Raum
türmte, sanft glitzerte. Er konnte sie als kleines Mädchen beinahe vor
sich sehen, wie sie auf dem Fußboden zu sitzen pflegte und mit ihrer
Holzeisenbahn spielte, deren Räder wegen des feinen Sandes, der in der
Wüste stets in der Luft schwebt, ein leicht kratzendes Geräusch von sich
gaben. Er erinnerte sich gut an jenen Tag, als Elisabeth drei Jahre alt
war und draußen im Schatten der Palmen spielte, die zum Schutz vor der
Sonne eigens im unsteten Wüstenboden gepflanzt worden waren. Tief in
Gedanken versunken spielte sie mit einer großen, schwarzen Schlange. Zur
Zeit der Mittagshitze regte sich sonst keine Menschenseele im Haus, nur
Elisabeth mit ihrem sonnigen Gemüt war stets auf der Suche nach etwas
Neuem, mit dem sie ihren Geist beschäftigen konnte. Selbst er, der
Butler, hatte verschlafen in einer Ecke des Eingangsbereiches gesessen,
darauf wartend, dass seine Herrschaften erwachen und nach ihm klingeln
würden. Plötzlich, in einem kurzen wachen Moment, erblickte der Butler
das kleine Mädchen mit der Schlange, welche, das wusste er dank seiner
Lektüre in seinen wenigen freien Stunden in der Bibliothek seines Herrn,
eine der giftigsten Kreaturen auf Gottes Erde war. Blitzschnell sprang
er auf, ergriff einen Stock, der neben dem Mädchen auf der Erde lag und
vertrieb die Schlange dorthin zurück, woher sie gekommen war. Mit großen
Augen blickte Elisabeth ihn an, sagte aber nichts. Tief in Gedanken
versunken kehrte der Butler an seinen Platz zurück. Wie gerne hätte er
eine eigene Tochter gehabt, die er vor den Übeln der Welt hätte retten
können.
Mit schwerem Herzen erinnerte er sich auch an jene Tage
vor vielen, vielen Jahren, an denen er, mit einem Krug Wasser auf dem
Tablett, am Schlafzimmer der Gutsherren vorbeigekommen war und Zeuge des
bittersüßen Stöhnens wurde, das sowohl die Zeugung als auch die Geburt
Elisabeths begleitete. Er dachte daran, wie seine Verlobte ihm einen Brief geschrieben hatte, in dem sie ihm erklärt
hatte, dass sie es nicht ertragen könne, so lange von ihm getrennt zu
sein und dass sie ihn deswegen verlassen würde. An jenem Tag feierte
Elisabeth gerade ihren ersten Geburtstag und ihr freudiges Kinderlachen
erfüllte den Salon, in dem der Butler kurz darauf bei Tisch auftrug.
Für
den Butler sollten die darauffolgenden Jahre so langsam vor sich hin
rieseln wie der Sand in einem Stundenglas. Und ebenso eintönig wie der
Anblick einer solchen Sanduhr war auch sein Leben verlaufen. Allein in
der Wüste verbrachte er seine Tage damit, seinen Herrschaften zu dienen
und sich still daran zu erfreuen, zu welch schöner Frau Elisabeth
heranwuchs. Doch stille Freude ist keine echte Freude, wie der Butler es
nach vielen einsamen Jahren feststellen musste. Und auch die stille
Freude verließ ihn, als Elisabeth volljährig wurde und fortging, um zu
heiraten. Eines Tages, es war kein besonderer Tag, da setzte sich der
vom Leben in der Wüste verbrauchte Butler auf jenen Stuhl im
Eingangsbereich, von dem aus er vor vielen Jahren Elisabeth mit der
Schlange hatte spielen sehen, und starb. Seine Herrschaften fanden ihn
wenig später, wie er so da saß, tot, den leeren Blick auf Elisabeths
Palme gerichtet. Unter jener Palme hatten sie ihn begraben. Seit jenem
Tag wanderte der Geist des Butlers in den Zimmern des lange verlassenen Hauses
in der Wüste umher und gedachte des Lebens, das er nie gehabt hatte.
So schritt er nun
weiter ins Klavierzimmer seines Herrn. In der Ecke direkt neben der Tür
war der Platz für den Flügel und es war tägliche Aufgabe des Butlers
gewesen, die empfindliche, schwarze Lackoberfläche des Instruments vom
Sand zu befreien, da dieser sonst den Deckel zerkratzen würde. Doch nun
türmte sich an derselben Stelle ein riesiger Sandhaufen. Der Butler fühlte sich an die Geschichte von dem Bildhauer erinnert, der vor seinem
inneren Auge im Stein verborgen die zu schaffende Figur sieht, um sie
dann einfach nur noch mit Hammer und Meißel freizulegen. Auf ähnliche
Weise sah der Butler plötzlich die Konturen des Klaviers unter dem
Sandhaufen vor sich und ein Teil von ihm ärgerte sich darüber, dass sich
seit fast einem Jahrhundert niemand mehr die Mühe gemacht hatte, das
Klavier vom Sand zu befreien. Langsam glitten seine der Welt entrückten
Finger unter den Sand und berührten sanft die elfenbeinenen Tasten...
…
Als Marc an diesem Tag seine Fotoausrüstung einpackte und mit seinen
noch von der Stille des Sandes geschärften Sinne allmählich darauf
vorbereitete, aus diesem verlorenen Haus in der Wüste wieder in die
Realität zurückzukehren, glaubte er, beim Verlassen des nur mit Sand
angefüllten Gebäudes, das sanfte Klimpern eines Klaviers zu hören...
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.08.2011.
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Heike und die Elfe
von Ingrid Hanßen
Da ich der Meinung bin, dass die Kinder heute viel zu wenig lesen ( sehe ich bei meinen 11 und 13 ), habe ich mir Gedanken gemacht, was man machen könnte um dieses zu ändern.
Es ist nämlich nicht so, dass die Kinder lesen grundsätzlich "doof" finden, sondern, dass die bisherigen Bücher ihnen zu langweilig sind. Es ist ihnen in der Regel zu wenig Abwechslung und Aktion drin und ihnen fehlt heute leider die Ausdauer für einen reinen "trockenen" Lesestoff.
Daher habe ich mir überlegt, wie ein Buch aussehen könnte, das gleichzeitig unterhält, spannend ist, Wissen vermittelt und mit dem die Kinder sich beschäftigen können.
Herausgekommen ist dabei ein kombiniertes Vorlese-, Lese-, Mal- und Sachbuch für Kinder ab 5 Jahren bis ca. 12 Jahren.
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