Diethelm Reiner Kaminski

Lachsack





Mit der jungen Frau, die seit einigen Tagen den Liegestuhl neben mir am Hotelpool besetzt hielt, hatte ich außer den üblichen Höflichkeitsfloskeln wie„Guten Morgen“ „Hallo“ und „ciao“ noch kein einziges Mal gesprochen. Jeder starrte für sich in den blauen Himmel oder in sein Buch, kühlte sich in regelmäßigen Abständen im lauwarmen Pool ab und verkroch  sich wieder in sein tristes Singledasein.

Ich selbst war hin und her gerissen  zwischen dem Wunsch, eine nette Urlaubsbekanntschaft zu schließen, und der Furcht, mich in eine neue Abhängigkeit  zu stürzen. Vielleicht war ich mir aber auch nicht sicher, ob  mir die Liegestuhlnachbarin überhaupt gefiel. Oder ob ich ihr gefallen würde.

Merkwürdig war sie schon. Sie konnte stundenlang ausgestreckt daliegen und Zeitung lesen, ohne eine Miene zu verziehen, um dann plötzlich wie aus heiterem Himmel von einem Lachanfall geschüttelt zu werden. Sie machte auch nicht den geringsten Versuch, ihr hemmungsloses Lachen zu unterdrücken. Lachte sie über mich? Über mein Schweigen? Meine Schüchternheit? Mehr als unwohl fühlte ich mich in diesen Lachkaskaden. Sie verunsicherten mich und ließen die Zweifel wachsen, dass sich eine nähere Bekanntschaft mit dieser Frau auszahlen würde. Womöglich würde sie mich mit ihren Lachanfällen der Lächerlichkeit preisgeben, wenn ich sie z. B. zum Essen in ein Lokal einlüde. Diese Frau hatte sich nicht unter Kontrolle. Wer weiß, wozu sie sonst noch fähig war. Sie machte mir Angst.
Wieder fing sie leise an zu kichern und steigerte sich schnell hinein, bis sie prustete und gackerte und schließlich schallend lachte und sich gar nicht wieder beruhigen konnte.

„Glauben Sie“, wandte sie sich unvermittelt an mich, „dass die folgende Behauptung stimmt, die ich gerade in der Zeitung gelesen habe?“

„Ich bin gespannt“, antwortete ich, „lassen Sie hören.“

„Erst aber müssen Sie lachen, sonst kann ich das nicht überprüfen“, kicherte sie.

„Ich kann nicht auf Kommando lachen“, wich ich aus.

„Sie können. Jeder kann das, wenn er sich innerlich nicht sperrt“, ließ sie nicht locker.

„Erst die Behauptung in der Zeitung.“

„Da steht: ‚Lache, und ich sage dir, wo du herkommst, wie viel du verdienst und wie alt du bist.‘“

Ich brach in lautes Gelächter aus. So einen Schwachsinn hatte ich schon lange nicht mehr gehört.

„Danke“, sagte die Frau unter Kichern, „die Probe genügt. Und nun die Auswertung: Sie kommen aus einer langen Einsamkeit, verdienen gerade genug, um die bescheidenen Ansprüche einer Frau wie mir zu befriedigen, und Sie sind eigentlich zu alt für mich.“

„Das war deutlich. Und wollen Sie jetzt meine Analyse Ihres Lachens hören? Kostproben haben Sie mir ja reichlich gegeben“, erwiderte ich verärgert, weil ich so schlecht bei ihrer Einschätzung weggekommen war.

„Nur zu“, ermunterte sie mich. „Ich bin auf das Schlimmste gefasst.“

„Sie kommen gerade aus dem Wasser, verdienen für Ihre Direktheit untergetaucht zu werden, bis Ihnen das Lachen vergeht, und Sie sind zu jung für ein ernstes Gespräch mit einem  Erwachsenen.“

Meine Analyse schien ihr zu gefallen, denn sie kriegte einen noch heftigeren Lachanfall. Sie lachte so sehr, dass ich fürchten musste, sie könnte ersticken. Also erhob ich mich von meiner Liege und klopfte ihr mit der flachen Hand so lange auf den gebräunten Rücken, bis sie sich beruhigt hatte.

„Gut gekontert“, sagte sie anerkennend. „Kommen Sie mit ins Wasser? Dann können wir ja mal sehen, wer wen untertaucht.“

„Und anschließend?“, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen.

„Anschließend könnten wir zusammen einen Cocktail trinken. Da können Sie dann testen, ob ich zu einem ernsten Gespräch fähig bin.“

Und wieder, ich konnte keinen vernünftigen Grund erkennen, fing sie an zu kichern und zu lachen.

Das wirkte ansteckend. Ob ich wollte oder nicht: Ich lachte mit, ohne zu wissen, warum, fühlte aber die Befreiung, die das grundlose Lachen mit sich brachte.

Plötzlich verlangte es mich gar nicht mehr nach einem ernsthaften Gespräch. Ich freute mich vielmehr auf das gemeinsame Fröhlichsein mit dieser Verrückten.

17.08.2011


Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Diethelm Reiner Kaminski).
Der Beitrag wurde von Diethelm Reiner Kaminski auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.08.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Diethelm Reiner Kaminski als Lieblingsautor markieren

Buch von Diethelm Reiner Kaminski:

cover

Von Schindludern und Fliedermäusen: Unglaubliche Geschichten um Großvater, Ole und Irmi von Diethelm Reiner Kaminski



Erzieht Großvater seine Enkel Ole und Irmi, oder erziehen Ole und Irmi ihren Großvater?
Das ist nicht immer leicht zu entscheiden in den 48 munteren Geschichten.

Auf jeden Fall ist Großvater ebenso gut im Lügen und Erfinden von fantastischen Erlebnissen im Fahrstuhl, auf dem Mond, in Afrika oder auf dem heimischen Gemüsemarkt wie Ole und Irmi im Erfinden von Spielen oder Ausreden.
Erfolgreich wehren sie mit vereinten Kinderkräften Großvaters unermüdliche Erziehungsversuche ab.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (3)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Romantisches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Diethelm Reiner Kaminski

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Diva von Diethelm Reiner Kaminski (Fabeln)
Ein bisschen Liebe von Klaus-D. Heid (Romantisches)
Amanda von Monika Drake (Wahre Geschichten)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen