Werner Wegner duckt sich nicht einmal, als die matschige Tomate gegen seine weiße Hemdbrust klatscht. Er fühlt sich von dem roten Saft auch nicht besudelt, sondern eher wie ein Märtyrer seiner Partei, für die er während der heißen Endphase des Wahlkampfes in besonders schwierigen Wahlkreisen wie ein Löwe kämpft. Er findet sogar, dass die rote Farbe gut zu seiner Partei passt.
Routiniert greift er den Vorfall auf und arbeitet ihn – abweichend vom Redemanuskript - aktuell in seine Rede ein.
„Solange wir“ – und er bezieht absichtlich sich, das Opfer, mit ein – „ noch so viel zu essen haben, dass wir Tomaten und Eier als Wurfgeschosse gegen unsere vermeintlichen politischen Gegner verwenden, kann es uns unter unserer Regierung, der anzugehören ich mich glücklich schätze, ja wohl so schlecht noch nicht gehen. Die Ressourcen, behaupte ich, sind materiell wie geistig vorhanden, nur mit der Zielgenauigkeit der Opposition scheint es zu hapern.“
Lachen und Beifall kommen auf. Das erste Mal an diesem Abend in dem Stadtteil, dessen überwiegend national gesonnene Bewohner Werner Wegners Partei traditionell nicht wählen.
„Die Lebensmittel, die in diesem Saal heute Abend sinnlos verschwendet werden, würden inklusive der anfallenden Reinigungskosten ausreichen, eine fünfköpfige Familie in Kenia oder Angola eine Woche lang zu ernähren.“
„Wieso wissen Sie das so genau, Sie Klugschwätzer?“, ertönt ein Zwischenruf.
„Weil ich erstens als Entwicklungshelfer in diesen Ländern tätig war und zweitens mitgezählt habe. 49 Würfe und nur ein einziger Volltreffer.“
Wieder hat er die Lacher auf seiner Seite. Doch da trifft ihn ein rohes Ei mitten auf die Stirn. Werner Wegner wischt sich den Schmadder mit dem Ärmel seines Anzugs achtlos aus dem Gesicht.
„Ich habe immer gewusst, dass die soziale Opferbereitschaft in unserem Volk sehr viel größer ist, als es die Opposition wahr haben möchte. Sie müsste nur endlich einmal vernünftig kanalisiert werden. Am Schluss der Veranstaltung können Sie sich Überweisungsformulare für Spenden zugunsten aidskranker Kinder im südlichen Afrika gerne bei unseren Wahlhelfern abholen. Natürlich auch unser neues Parteiprogramm. Und Beitrittserklärungen sind, glaube ich, wenn Sie Glück haben, auch noch vorhanden.“
Werner Wegner hat sich in Fahrt geredet. Und sich längst von seinem Manuskript gelöst, das sowieso kaum noch lesbar ist, so bekleckert ist es mittlerweile mit Eigelb und Tomatensaft. Zwar landen zwei humorlose Hardliner noch fünf weitere Treffer, doch die Stimmung im Saal ist insgesamt überraschend gut. Er hat sich vor diesem Wahlauftritt auf feindlichem Terrain gefürchtet. Vor allem Jüngere und Frauen scheint er beeindruckt zu haben. Einige lassen sich am Ende der Veranstaltung sogar ein Autogramm geben und erkundigen sich nach den Sozialprogrammen und den Aufnahmebedingungen seiner Partei. Was will er mehr. Er ist erschöpft, aber zufrieden.
Zuhause überschüttet ihn seine Frau mit Vorwürfen: „Wie siehst du denn aus? Du scheinst bei deinem Wählervolk ja wieder den richtigen Ton getroffen zu haben. Du mit deiner ewigen Ehrlichkeit. Die schlagen dich noch mal tot. Und dann stehe ich allein da mit Haus und Kindern und einem Berg von Schulden. Glaub´s mir endlich. Die Leute wollen belogen werden. Und dann bleiben wir auch noch regelmäßig auf den Reinigungskosten sitzen. Warum forderst du nicht endlich eine Schmutz- und Gefahrenzulage?“
12.03.2006
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.08.2011.
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