Steffen Herrmann
Wir werden kommen
"Dr. Karim, erklären Sie uns Ihre Theorie!"
"Gut. Ich fange von vorne an. Vor fünfundzwanzig Jahren wurde ein sehr seltsamer Himmelskörper entdeckt. Er war kleiner als ein Planet, den Berechnungen zufolge hatte er einen Durchmesser von etwa hundert Kilometern. Und er strahlte. Er strahlte in einem Spektrum, das eindeutig auf Kernfusion schliessen liess. Das war unmöglich, ein so winziges stellares Objekt konnte es nicht geben."
"Sie waren an der Entdeckung unmittelbar beteiligt. Warum warteten Sie mehr als ein Jahr, bevor Sie an die Öffentlichkeit traten."
"Ich wollte zu diesem Zeitpunkt keine Welle von Spekulationen lostreten. Das taten dann andere. Ich hatte ja keine überzeugende Erklärung für das, was wir beobachtet hatten. Und ich war auch gar nicht sicher. Eigentlich glaubte ich an einen Messfehler. Ich nahm an, dass die Instrumente uns etwas vorgaukelten, was es gar nicht gab. Es wäre nicht das erste Mal gewesen."
"Aber Sie wären enttäuscht gewesen."
"Sicher. Wissenschaftler lieben das Seltsame, weil es Raum für neue Theorien schafft. Auf der anderen Seite müssen wir sehr nüchtern sein. Wir dürfen uns nicht von unseren Wünschen leiten lassen. Der entdeckte Himmelskörper war dicht über der Nachweisgrenze, seine Existenz ist nur aus recht zweifelhaften Indizien gefolgert worden. Erst Monate später, unter anderem nachdem von einem anderen Observatorium eine Konfirmation kam, konnten wir mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass dieses merkwürdige Objekt tatsächlich existierte."
"Welche Erklärung hatten Sie zu diesem Zeitpunkt?"
"Es gab mehrere Hypothesen. Enigma, so hatte wir ihn getauft, beschäftigte uns immer. Die beiden führenden Theorien waren aber eher konservativ. Ich hatte bisher noch nicht erwähnt, dass Enigma sich im interstellaren Raum befindet, zwei Lichtjahre vom nächsten Stern entfernt. Viele Wissenschaftler, vor allem der Kreis um Tatlow gingen davon aus, dass in Enigma gar keine Kernfusion stattfindet. Es sei nur ein heisser kosmischer Splitter, von einem Stern ausgespuckt, der jetzt langsam erkaltend durch den Raum vagabundiert. Die Theorie war sehr einflussreich, weil sie auf den ersten Blick einigermassen in den bestehenden Kosmos passte. Aber es gab zu viele Ungereimtheiten. Erstens war die Struktur der Strahlung nicht so, dass sie von einem glühenden Brocken stammen konnte, dafür war viel zu wenig im Infrarotbereich. Und zweitens, Enigma bewegte sich nicht. Seine Position war bemerkenswert statisch, so als komme er von nirgendwoher. Es gab verschiedende Versuche, die Theorie zu halten, aber es war wie mit der Theorie des Ptolemäus. Sie wurde immer komplizierter und unwirklicher.
Eine andere Gruppe von Wissenschaftlern, der Los Angeles Circle versuchte zu beweisen, dass Enigma sehr viel massereicher war als angenommen, dass er also ein beinahe normaler Stern sei. Ihnen kam entgegen, dass die Massebestimmung bei so schwach strahlenden Objekten sehr schwierig ist. Dennoch konnte die Theorie vieles nicht gut erklären. Zum Beispiel war die Strahlung sehr schwach und fast ausschliesslich im Wasserstoffbereich. Ging man vom Strahlungsspektrum aus, musste man auf einen entstehenden Stern, auf einen roten Riesen schliessen, was nicht nur mit den anderen Messdaten aufs Gröbste kollidierte, sondern aus kosmologischen Gründen beinahe ausgeschlossen war."
"Als die konservativen Theorien sich erledigt hatten, kamen Sie mit ihren Thesen."
"Diese Thesen kreisten schon seit geraumer Zeit durchs Boulevard. Aber ich war Wissenschaftler und ein Insider. Insofern hatten dieselben Thesen ein anderes Gewicht. Ich fasste in einem populärwisenschaftlichen Artikel das Ungenügen der gängigen Theorien zusammen, um dann zwei Thesen aufzustellen. Erstens: Enigma ist künstlichen Ursprungs und Zweitens: Es muss noch mehr dieser Himmelskörper geben."
"Die erste These war hochspekulativ, die zweite stand dazu noch auf einem sehr schwachen Fundament."
"Genaugenommen, auf gar keinem. Es war reine Spekulation. Wenn jemand, so nahm ich an, Enigma geschaffen hatte, dann diente er einem bestimmten Zweck. Und dann war auch anzunehmen, dass dieser Zweck an anderer Stelle im Raum ebenfalls erfüllt werden sollte. Hergestellte Dinge neigen zu Serialisierung. Ich hätte aber genausogut falsch liegen können. es hätte sich um ein singuläres Projekt handeln können. Aber es war sicher sinnvoll, nach weiteren Enigmen zu suchen."
"Die Suche war dann auch ziemlich rasch erfolgreich."
"Ja. Wir sind von der Auflösefähigkeit unserer Technik begrenzt und können diese Art von Objekten bisher nur bis zu einer Entfernung von hundertfünfzig Lichtjahren feststellen. Dennoch kennen wir gegenwärtig sechsundneunzig Enigmen. Eine neu entdeckte Enigma gibt inzwischen nur noch eine Randnotiz im Wissenschaftsfeuilleton.
Die ersten Jahre waren für uns sehr erregend. Die Entdeckungen waren hochinteressant. So waren sich alle Enigmen untereinander sehr ähnlich. Sie waren alle in etwa gleich gross, sie strahlten in etwa gleich schwach, sie befanden sich allesamt im interstellaren Raum und sie bewegten sich nicht. Ihre Positionen zueinander waren noch aussagekräftiger. Der Abstand zwischen zwei Enigmen ist immer mehr als ein und weniger als drei Lichtjahre. Und: Sie bilden Stränge und verzweigen sich an bestimmten Knotenpunkten."
"Die Entdeckung des galaktischen Netzes war eine Sensation."
"Es warf mich nieder. Ich erinnere mich noch an diese Nacht. Ich trank und grübelte, trank und grübelte. Gerade war ein Knoten-Enigma entdeckt worden und ich dachte mich an ihn heran, in ihn herein. Dann überkam es mich: Es war ein Router. In dieser Nacht schrieb ich einen langen Artikel, den ich schon am nächsten Tag veröffentlichte."
"Der Artikel ist sehr berühmt geworden. Dennoch: Erklären Sie noch einmal die darin enthaltenen Gedanken!"
"Es war plötzlich alles sehr logisch. Die Enigmen, das waren Produkte einer Intelligenz. Dieser Gedanke war inzwischen Allgemeingut. Doch solange wir aus der Perspektive dieser einen extrahumanen Intelligenz dachten, kamen wir nicht weiter. Wir mussten von der Milchstrasse aus denken. Es gibt eine Tranche von spekulativen, doch seriösen Forschungen, welche die Intelligenzdichte in der Milchstrasse zu berechnen versucht. Man geht davon aus, dass je im Abstand von fünfzig bis fünfhundert Lichtjahren eine intelligente Spezies lebt. Das sind, über die Galaxie verteilt, viele tausend Intelligenzen."
"Wie kommen diese Zahlen zustande?"
"Ich will mich hier nicht in den Details verlieren, das ist eine Frage für sich. in der Tat handelt es sich um eine uralte Formel, nur kennen wir die Parameter immer besser. Man muss über die planetare Situation der Galaxis informiert sein. Inzwischen wissen wir recht genau, wieviele Planeten, Monde etc welchen Typs es gibt. Wir müssen dann abschätzen, wie wahrscheinlich es ist, dass irgendwo Leben und schliesslich intelligentes Leben entsteht. Es gibt zurzeit etwa zwanzig Modelle zur universalen Lebensentstehung. Bis auf zwei gehen sie alle von Kohlenwasserstoffen aus, eben weil diese Stoffgruppe eine enorma Variabilität besitzt. Ansonsten weisen einige Rechenmodelle in die Richtung, welche das Leben auf der Erde genommen hat, also Aminosäuren, Eiweisse, DNA, etc. Aber es gibt sehr reichhaltige Modelle, die in andere Richtungen gehen.
Ich habe mich lange mit diesem beschränkt spekulativen Wissenschaftszweig beschäftigt, er hat in den letzten fünfzig jahren enorme Fortschritte gemacht."
"Was meinen Sie mit beschränkt spekulativ?"
"Das ist nicht klar? Alle diese Modelle sind Spekulation. Man beschäftigt sich mit etwas, was es möglicherweise gar nicht gibt. es ist reine Möglichkeitsforschung. Aber es ist keine Phantasterei. Die Chemie ist eine empirische und sogar ziemlich strenge Wissenschaft. Man kann von den bestehenden Atomen nur auf bestimmte Moleküle schliessen und deren Eigenschaften lassen sich ermitteln. Man kann also beweisen, dass ein so und so zusammengesetztes Etwas reproduktions- und also lebensfähig ist.
In unserem Forschungsbereich war die Bedeutung dieser Modelle klar. Wenn wir abschätzen wollen, wie viele belebte Himmelskörper es gibt, dann müssen nicht nur die kosmischen Bedingungen klar sein, sondern auch die Wege, die aus diesen Bedingungen zu Leben führen können. All diese Forschungen sind notwendig, doch nicht hinreichend. Es gibt noch weitere Dimensionen, die zu beachten sind."
"Die berühmten Sekundärintelligenzen."
"Unter anderem. Es gibt aber noch trivialere Bedingungen. Die erste: Eine Intelligenz, die irgendwo auftaucht; wie lange besteht sie? Wir wissen, dass die Menschen während einer gewissen Phase nahe daran waren, sich selbst auszurotten. Auch könnte eine Intelligenz einfach in eine Degeneration eintreten. Da wir alle die Menschen-Brille aufhaben und keinerlei Aliens kennen, verfügen wir nur über sehr schwache Modelle. Es gibt in den letzten Jahrzehnten ernsthafte Mathematisierungsversuche dieser Frage, aber ich halte das alles noch für sehr unreif: die Mathematiker übrigens selbst auch.
Die zweite Bedingung betrifft die Expansivität. Die Menschen beschränken sich gegenwärtig auf unser Sonnensystem, wo sie den Mond, den Mars und - unter Vorbehalt - einige andere Monde besiedelt haben. Gegenwärtig deutet auch nichts auf eine signifikante interstellare Kolonisation hin, da lässt sich wenig Sinn darin erblicken. Aber das ist spezifisch human und zwar nur für die Gegenwart.Die allgemeinere Frage ist: Unter welchen Bedingungen wird eine Intelligenz expandieren? Wohin wird das führen? Kann es sein, dass eine spezifisch geartete Intelligenz über die gesamte Milchstrasse ausschwärmt und sich überall ansiedelt? Also das, was die Kakerlaken, die Ratten oder die Menschen auf der Erde geleistet haben - im galaktischen Massstab.
Wir gehen davon aus, dass die meisten Intelligenzen in ein Stadium geraten, in dem sie abgeleitete Intelligenzen schaffen können. Auf der Erde gibt es ja das altbekannte kybernetische Level. Die KI kann sich reproduzieren, sie bildet ein evolutionäres Feld. Die Roboterwelt ist in der Lage, ohne menschliche Eingriffe Generationen zu erschaffen, die besser sind als die bisherigen. Das alles ist zwar spezifisch, aber es genügt auch einem allegemeinen Gesetz. Nur die Theorie ist hier noch sehr spekulativ. Gibt es bei der primären Intelligenz um die zwanzig Modelle, so sind es bei der sekundären weit mehr als hundert."
"Kommen wir aber zum Hauptthema zurück."
"Ich bin abgeschweift. Dennoch, mit all diesen Fragen muss man sich auseinandersetzen, wenn man eine Idee davon gewinnen will, wie es in unserer Galaxie aussieht. Wie dicht und von wem sie bevölkert ist. Der springende Punkt ist nämlich tatsächlich, dass man von der Galaxie aus denken muss. Also: Es gibt eine definierte Menge von Intelligenzen in ihr, von denen einige miteinander in Kontakt stehen und einige nicht."
"Warum gehören wir dann zu denjenigen, die überhaupt keinen Kontakt haben? Sind wir ein Reservat?"
"Das ist eine wesentliche Frage. Wir wissen auch gar nicht, ob die anderen nicht mit uns in Kontakt stehen. Vielleicht sind wir von ihnen beobachtet. Vielleicht sind sogar intelligente Sporen von ausserhalb hier. Und wir werden beobachtet. Fakt ist jedoch, dass wir kein Bewusstsein einer extraterrestrischen Intelligenz haben. Mögen auch sie uns beobachten: Wir beobachten sie jedenfalls nicht.
Aber zur Frage. Wie stellt man sich einen solchen Kontakt vor? Als einen Besuch? Dazu ist anzumerken, dass in der inter-intelligenten Kommunikation der Besuch der seltenste, der untypischste Fall ist. Allerdings: Der erste direkte Kontakt dürfte sehr wichtig sein."
"Wie das?"
"Schon bei uns Menschen ist es so. Wir kommunizieren per Telefon und über andere elektronische Medien, ein Wissenschaftler kommuniziert mit seinen Kollegen vor allem über Monographien.
Ein extraterrestrischer Kontakt kann entweder durch Interessen oder durch Informationdgerwinnung motiviert sein. Wir denken vor allem an Interessen. Der ganze Star-wars-Hokuspokus, ein bisschen Abenteuer, ein bisschen Expansionsgelüste. Das ist noch Denken wie vor fünfhundert Jahren. In aller Regel dürfte eine Zivilisation, die interstellare Kontakte aufnimmt, über diese Interessen-gesteuerte Phase heraus sein."
"Also wer nimmt diese Kontakte auf?"
"Ich gehe mit vielen anderen davon aus, dass die meisten Intelligenz, so sie ihre Schwellenkrisen überleben, dass sie irgendwann in eine statische Phase eintreten.Dann gibt es einen gewissen Sättigungsgrad und eine Spezies verändert sich in einem Zeitraum von sagen wir zehntausend Jahren nicht mehr merklich. Und ich vermute, dass erst für diesen Zivilisationstyp das Enigmen-Netz eine Rolle spielt. Wir dürfen nicht vergessen, dass für jedes Sprechen in den Raum die Antwort erst Jahrhunderte später kommt. Bisher war es aber immer so, dass die Menschheit sich innerhalb einiger Jahrhunderte so stark verändert hat, sodass sich da kaum eine Basis der Kommunikation bilden kann."
"Wir sind wieder bei den Enigmen."
"Ja. Das können, das müssen die Kommunikationskanäle sein. Sie sind die Repeater und die Router. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Sender sehr stark sein müssen. Selbst, wenn die Richtung der Signale sehr präzise ist: Wir haben es mit Entfernungen von Lichtjahren zu tun, die emmitierten Signale müssen extrem energiereich sein. Ich weiss nicht genau, welche Art von Technik das ist, es scheint sich aber eine generelle Methode etabliert zu haben."
"Was schlagen Sie vor?"
"Ich denke, wir müssen uns in dieser Community anmelden. Ich gehe davon aus, dass sie von sich aus niemanden einladen. Man muss zeigen, dass man eine Schwelle übertreten hat, dass man von nun an die technischen Möglichkeiten hat, am interkulturellen Austausch teilzunehmen."
"Wie stellen Sie sich den Code vor?"
"Es muss ein sehr allgemeiner, ein sehr mathematischer Code sein. Ansonsten wäre er von den wahrscheinlich sehr verschiedenartigen Intelligenzen nicht benutzbar. Aber das ist natürlich Spekulation."
"Eines verstehe ich nicht. Sie gehen davon aus, dass die Intelligenzen, welche das Netz benutzen, in eine statische Phase eingetreten sind. Sie entwickeln sich also nicht mehr. Was haben sie sich dann aber mitzuteilen? Treffen wir da nicht auf eine gewaltige Annsammlung von Banalitäten. Auf ein Facebook kosmischen Ausmasses?"
"Die Frage kann ich nicht beantworten. Ich vermute aber ganz stark, dass die Logik unserer Galaxie nicht so billig ist."
"Eine letzte Frage: Wenn Sie nur einen einzigen Satz ins All funken dürften, was würden Sie sagen."
"Wir werden kommen."
Vorheriger TitelNächster Titel
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Steffen Herrmann).
Der Beitrag wurde von Steffen Herrmann auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.09.2011.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).