Ewald Frankenberg

Vergebung

Vergebung

Ich stehe am Fenster. Ich wanke durch die Wohnung. Mein Wasserglas zerschellt an der Wand. Reiß dich zusammen jetzt. Schluss. Selbst diese Ermahnung wirbelt nur als Fetzen durch meinen Kopf. Unhaltbar.

Ich habe einen Menschen getötet.
Unfassbar.
Seit vier Tagen keine klaren Gedanken mehr. Warum? Warum bin ich noch hier? Wozu muss ich so leiden. Immer wieder dieses Geräusch. Der Knall. Blech, das ineinander gedrückt wird.

Leide ich.

Ich bin Unverletzt. Warum. Du glaubst doch an das Schicksal. Also nimm es an, verdammt noch mal.

Bin ich Schuld. Hilft es mir, wenn man mir sagt, wenn ich mir sage, ich kann nichts dafür.

Sie ist tot.

Ich lebe. Ich muss damit leben. Ich wäre gern an ihrer Stelle. Sie hat es einfacher.

Aber ihre Tochter lebt. Dem Kindersitz sei dank. Noch im Koma, aber sie wird leben. Mehr erfahre ich nicht.

Heute war Beisetzung. Ich war nicht da. Konnte nicht. Ich hätte ihn umarmt, ihm erklärt, wie sehr es mir leid tut. Er leidet mehr als ich. Meine Frau kommt jeden Abend nach Haus, umarmt mich, findet gute Worte.

Er wird hoffentlich seine Tochter wieder lachen sehen.

Hoffnung.

Kann mich jetzt auch nicht trösten. Mit zittrigen Fingern klaube ich die Scherben des Glases zusammen, schneide mich an den Splittern.

Der Wagen war plötzlich da. Ich weiß nicht. Ich habe keinen Kratzer. Airbag.

Ich war im Krankenhaus. Warum. Er kann doch von mir keinen Trost erfahren. Ich muss trotzdem loswerden, wie unsagbar leid mir das Alles tut. Vielleicht …

Er stürzt auf mich los. – Mörder – willst du dir anschauen, was du angerichtet hast.

Es ist wohl sein Vater, der ihn zurückhält, uns mit einem missbilligendem Kopfschütteln und einem – gehen Sie – der Station verweist. Hoffentlich hat der Ausbruch ihm etwas Erleichterung verschafft.

Mir hat er Angst gemacht. Ich sehe sein wutverzerrtes Gesicht immer noch vor mir. Bilde mir ein, er steht in meinem Garten. Paranoia.

Aber was hatte ich auch erwartet – du kannst nichts dafür – es ist nicht deine Schuld – Vergebung. Wenigstens war er nicht allein. Aber meine Frau kommt gleich nach Haus.

Ich versuche starke Gedanken, positive Energien an das Mädchen zu senden. Auch an ihren Vater. Aber ich habe keine große Kraft. Kann mich nicht konzentrieren.

Schau nach vorn. Das Leben geht weiter. Für mich ja, aber …
Gleich kommt meine Frau, hält mich, stützt mich. Da ist schon der Bus und sie steigt aus.


 

***

 

Ich stehe am Fenster, sehe in sein Wohnzimmer. Seine heile Welt. Da sitzt er, das Gesicht in seinen Händen vergraben. Ja, du, verschließ nur die Augen. Du glaubst wohl, wenn du die Welt nicht mehr siehst, verschwindet auch das Leid, das du in sie gebracht hast.


Du hast meine Angelika getötet. Sie ist an deinem Wagen zerschellt, wie eben dein Wasserglas an der Wand. Heute habe ich meine Frau beerdigt, musste dreckige Erde auf ihren Sarg schmeißen. Musste viele Hände schütteln, mir von vielen Gesichtern sagen lassen, wie leid es ihnen tut, musste mir immer wieder anhören, alles wird wieder gut.

Nichts wird gut. Unsere Jennie liegt im Koma, rührt sich nicht, und ich bin allein.

Und du sitzt da in deiner heilen Welt. Kannst du dir überhaupt ansatzweise vorstellen, wie es mir geht, wie ich leide.

Deine Frau kommt gleich heim. Ich brauch nicht nach Haus. Da ist nur eine leere Wohnung. Das Gefühl kennst du nicht, ha! Und dann traust du dich auch noch, selbstgerecht, mit deiner Frau im Krankenhaus aufzulaufen. Reicht dir nicht, dass du mir meine genommen hast. Willst mich auch noch in meinem Leid sehen. Du hattest Glück, dass mein Vater mich zurückhielt, sonst lägst du jetzt neben meiner Tochter, oder neben meiner Frau.

Du willst wohl, dass ich dir Verzeihe – Unfälle passieren nun mal – und dann ist für dich alles gut, wie. Gehst mit deiner Frau nach Haus, kaufst dir ein neues Auto und alle Spuren meiner Frau sind aus deinem Leben beseitigt.

Nein. So einfach kann ich dir das nicht machen. Du fühlst nicht ansatzweise das Leid in mir. Du hast keine Ahnung. Aber du wirst mich nicht los.

Du siehst mich, wir blicken uns kurz in die Augen. Ich sehe Erschrecken in deinem Gesicht, bevor ich mich schnell in mein Auto zurückziehe. Der Schrecken soll dich begleiten. Du kannst nicht mein Leben zerstören und gut is. Nein, ich werde jetzt Bestandteil deines Lebens wie du meines.

Da hält der Bus, deine Frau steigt aus. Kommt zu dir – hallo Schatzi, hattest du einen schönen Tag, lass uns einen kuscheligen Abend verbringen. –

Ja, du hast deine Frau noch. Meine hast du mir genommen. Warum meine, warum nicht deine, die ist auch nicht besser als meine Angie. Keine ist besser, und du hast den liebsten Menschen dieser Welt getötet und sitzt, als wäre nichts geschehen, daheim auf deinem Sofa und freust dich auf deine Frau.

Einmal, nur einmal sollst du das Selbe fühlen wie ich. Ich gebe Gas und mit einem hässlichen Geräusch fliegt deine Frau über mein Auto. Im Rückspiegel sehe ich sie liegen. Ihr Körper zuckt. Ihre Hand hebt sich. Ich knalle den Rückwärtsgang rein, gebe Gas. Mein Auto ruckelt über ihren Körper, und jetzt weiß ich, dass du genau so fühlst wie ich.


 

***

Jennies Augenlieder zittern.
Sie gehen auf, zu, auf, zu.
Helles Licht blendet sie.
„Papa“
Sie erinnert sich an das Geräusch krachenden Metalls.
„Papa, wo bist du“
Ihre Hand greift ins Leere.
„Papa, ich glaube, Mama …“


 

© Ewald Frankenberg 08.2011

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.09.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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