Margit Farwig

Der Kuss, der auf seinen Lippen loderte

 

Wieder lag er da. Das Ziehen in der Brust wollte nicht aufhören. Er fing an, sich in das Reich der Düfte zu verirren, suchte nach dem Geschmack, der ihn durchfuhr, wenn er seine Augen schloss. Vorher legte er eine Kassette von Don Gibson ein: "Songbirds at Sunrise" (Singvögel beim Sonnenaufgang). Diese Musik würde ihn auffangen und mitnehmen in eine Welt, die nicht von dieser ist. Sie gibt es auf Erden nicht mehr.
Er schritt zusammen mit dem Kuss, der auf seinen Lippen loderte, hinüber zur grünen Aue, zum Wasserfall, der sich spielerisch plätschernd in den Gesang der Vögel einflechten ließ. Dazu leuchtete das Wasser wie das Rückengefieder fliegender Eisvögel, auch fliegende Juwelen genannt.
Aus Felsspalten rankten dunkelgrüne Blätter. An ihren Spitzen glänzten weiße Blüten, die der Phantasie entsprungen sein mussten, einer Hirnschale aus Lotosblüten, die nur zauberschöne Blüten hervorbringen wollten. Hier setzte die Magie der Reinheit und Schönheit Zeichen. Hier schimmerte die Luft wie von schillernden Seifenblasen gefüllt, die abgelöst wurden von Nebelschleiern. Hier sangen Elfen Lieder. Über Wiesen, Heckenraine zogen Elfen, leise tanzend ihren Reigen. Um die Leiber wanden sie Nebelschleier, fein gesponnen. Herbstzeitlose wispernd baten, bindet uns um eure Stirn, wenn ihr euch im Kreise dreht, dass der Atem uns vergeht. Elfenhände banden einen Blumenkranz, schwangen lautlos vor dem Wald über Wiesen, Heckenraine Nebelschleier fein gesponnen.
So ein Schwingen hob an und er ließ seinen Sinnen freien Lauf. Er schloss sich dieser Gesellschaft an und fand Gefallen daran. Seine Brust wurde leicht, der Kuss auf seinen Lippen brannte nicht mehr. Seine Erinnerung wurde blass, er streckte sich und reckte sich, fasste nach der Hand der weißen Glockenblumenelfe mit dem entzückenden Glockenhut, führte sie an seinen Mund und blies den Kuss einfach auf ihre elfenzarte Hand.
Und hast du nicht gesehen, flog diese kleine Elfe blitzschnell aus der Reihe hinüber zu den Schmetterlingen. Denn sie liebte ihn schon lange, ihren schwarzen Apollo, und drückte ihren Kuss auf seinen rechten Flügel.

(c) Margit Farwig

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