Angela Wolter

Komm‘, wir rauben die Bank aus...

Komm‘, wir rauben die Bank aus... (eine Weihnachtsgeschichte)
(Die Geschichte hat sich in Hamburg –Altona zu getragen)


Ob ihr es glaubt oder nicht, vor langer Zeit, gestern oder vor drei Tagen hat sich diese Geschichte wirklich erfunden. Ähnlichkeiten mit noch lebenden Personen sind deshalb unumgänglich.

Jeden morgen, wenn ich erwache, ist mein erster Gang zum Wohnzimmerfenster. Dort gegenüber, direkt vor Aldi, sitzt ein guter Freund von mir. Wie soll ich ihn bezeichnen? Nichtsesshafter erscheint mir nicht angebracht, denn er sitzt dort manchmal von Geschäftsbeginn bis zum Geschäftsschluss, außerdem weiß ich nicht, ob er vielleicht irgendwo eine Bleibe hat. Penner passt auch nicht so richtig, denn er schläft nicht. Bettler könnte stimmen, aber ich vermute, dass er seinen regelmäßigen Verbleib vor Aldi für sich selbst als Arbeitsplatz definiert, und er erscheint im Großen und Ganzen zuverlässig und pünktlich. So habe ich mich entschieden, ihn als einen Freund zu bezeichnen, aber auch noch aus anderem guten Grund, das werdet ihr gleich lesen.

Um die Weihnachtszeit herum bin ich immer sehr nostalgisch und romantisch. Meine Wohnung ist geschmückt und ich gucke einen rührseligen Film nach dem anderen. Weihnachten ist für mich das Fest der Gefühle, denn das Jesuskind, das weiß mittlerweile wohl jeder, ist nicht im Dezember sondern im Sommer geboren. Aber das Weihnachtsfest in den August zu verlegen?
Ja, ich sehe schon, da wird es euch komisch um das Herz.
Wo war ich stehen geblieben ? Ach ja, die Nostalgie und Romantik... .
Meinen Freund habe ich eigentlich im Sommer letzten Jahres kennengelernt. Damals hatte er seinen Arbeitsplatz noch vor der Hamburger Sparkasse, schräg gegenüber von Aldi. Ich ging dort vorbei, und bemerkte ihn, ehrlich gesagt, gar nicht. Er sprach mich an:
„ Hey, hast du ein paar Groschen für mich, meine Schöne?“
Was soll ich euch sagen? Zu dem Zeitpunkt war ich selber arm wie eine Kirchenmaus. Ich hatte nichts, auch wenn es seltsam klingt oder unvorstellbar erscheint. Sicher war ich ebenso arm wie er.
Ich zuckte mit den Schultern und zeigte ihm meine leeren Hände.
„Komm’, Mädel, wir rauben die Bank aus“ lachte er und lachte und lachte.
Zunächst amüsierte der Gedanke mich auch. Weder er noch ich sind fähig eine Bank auszurauben, aber die Not, in der wir uns befanden, ließ für zwei Sekunden die Möglichkeit erstrahlen, dieser Not umgehend ein Ende zu bereiten.
Ich ging weiter. Zunächst wusste ich nicht warum, aber mir traten plötzlich Tränen in die Augen. So rührselig bin ich im Sommer normalerweise nicht. Warum weinte ich? Weil ich nichts zu geben hatte? Nein, das war es nicht. Er war der erste Mensch seit Monaten, der mir Hilfe angeboten hatte.
Das lag auch an mir, denn ich war zu stolz, irgendjemandem von meiner Notlage zu erzählen. Eine einzige Geste hatte ausgereicht um meine Situation zu verdeutlichen. Versteht mich richtig, ich denke, dass er ein Experte ist, er wusste, dass ich nicht lüge.

Während meines Studiums habe ich viel gearbeitet zum Thema „Neue Armut“ oder „Wie behandel ich Bettler richtig“. Sicher, ich habe wertvolle Anregungen bekommen. Entscheide wann und wem ich etwas gebe ohne schlechtes Gewissen und sehe dem oder derjenigen auch in die Augen.

Jeden Donnerstagabend, wenn ich von meinem Kreativkurs nach Hause gehe, kommt mir in der Ottenser Hauptstraße zwischen all den Weihnachtsbuden eine Frau entgegen und jedes mal bittet sie um Kleingeld. Einmal habe ich ihr etwas gegeben und nun habe ich das Gefühl, sie lauert mir auf. Ich empfinde sie als Belästigung.
Morgens, wenn ich zum Wohnzimmerfenster laufe um nachzusehen ob mein Freund schon bei der Arbeit ist, fällt mir nun auch die Frau ein. Sie stört das Idyll mit meinem Freund.

Versteht ihr, dass ich meinem Freund noch nie auch nur einen Pfennig gegeben habe?

Heute saß er wieder dort. Er hatte eine Weihnachtsmannmütze auf, die mit einer kleinen Glocke versehen war. Im Schuhkarton vor ihm lagen einige, wenige Geldstücke.

„Komm’; wir rauben die Bank aus“, dachte ich und lachte.





Von Angela Wolter am 10.12.1999 geschrieben

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.09.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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