Margit Farwig

Gierig starrte ich auf ihren Mund...

Gierig starrte ich auf ihren Mund, denn es war mir in diesem Höllenjahr unwahrscheinlich geworden, dass ein Mensch gütig zu einem andern sprechen könnte. Satzfischer...

Er wurde so sehr eins
von Margit Farwig

Seine vornehme Haltung spiegelte sattes Leben wider. Er besaß Familie, eine hoch dotierte Beschäftigung, einen Freundeskreis. Freunde, die einem auf die Schulter klopften und "Kopf hoch, alter Junge" sagten, wenn es ausnahmsweise nicht so gut laufen sollte.
Er hörte auf die Stimmen seiner Eltern, die den rechten Weg beschritten hatten. Unter all den weißen Schafen versteckte sich nicht ein einziges schwarzes Schaf. Und genau das sollte er werden.
In Gestalt einer schönen Frau widerfuhr ihm sein Schicksal. Er fühlte, dass er einen Leib besaß. In diesem Leib pulsierte es, ihn fiel ein Sehnen an, welches nur in dieser schönen Frau Erfüllung fand. Er wurde so sehr eins mit ihr, wie es nur in Romanen beschrieben steht.
Sein Roman hatte gerade begonnen. Ilonka wünschte sich alles, erbat Gefälligkeiten und forderte unverhohlen. Ihre Krallen saßen in seinem Fleisch. Ilonkas Wünsche wurden erfüllt, schenkten ihr aber nicht die erhoffte Befriedigung. Ihre edlen Finger griffen nach einem Joint. Genüsslich sog sie den Duft der roten Blume ein, bald gierig jeglichen Stoff. Mit leblosen Augen, nunmehr blutleeren Lippen forderte sie das letzte Geld von ihm. Er bat um Kredit. Sie gaben ihm. So lange gaben sie ihm, bis alles den Besitzer wechselte.
Ilonka schaffte an. Auch er versuchte dies. Ilonka trieb ihn an, verhöhnte ihn. Er war ungeübt, nie musste er betteln. Die neuen Kumpel lachten, grinsten und pfiffen aus zahnlosen Mündern. Verachtung schlug ihm entgegen.
Eiseskälte griff nach seinen Adern, Eiseskälte schlug ihm seitens Ilonka entgegen. Die Liebe fühlte sich so kalt an wie der Boden auf dem er nächtigte. Sie riss ihm das wenige Bargeld aus der Hand, sobald sie es entdeckte. Wenn sie nicht gleich Geld sah, durchsuchte sie seine Taschen, begleitete die Suche mit Schimpfkanonaden, die weit über die Müllhalde hallten. In seinen Ohren läutete es Sturm, die Nerven lagen bloß.
Länger wollte er sein Los nicht ertragen. Gedemütigt, angstvoll schlich er bis an die Behausungen, wagte sich bis zum Bahnhof, stand vor der Tür mit der Aufschrift "Bahnhofsmission", drückte langsam die Klinke herunter. Eine warme Welle aus Kaffeeduft und Stimmen schlug ihm entgegen. Später, Jahre danach, hörte er sich sagen: "Gierig starrte ich auf ihren Mund, denn es war mir in diesem Höllenjahr unwahrscheinlich geworden, dass ein Mensch gütig zu einem anderen sprechen konnte." Auch ihm half die Güte dieser Frau, ein normales Leben zu beginnen.

© Margit Farwig  2002

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