Andreas Dany

Herz zu vermieten 2

Manchmal kommt`s dicke…
 
„ Frau Bellmer, Telefon!“ tönte es über die Lautsprecheranlage des Supermarktes. Julia Bellmer zuckte zusammen. Sie wusste genau wie sehr es ihr Chef liebte, wenn sie hier im Supermarkt angerufen wurde. „Privatgespräche gehören in den Privatbereich und nicht ins Geschäft!“ pflegte er sie zurechtzuweisen. Dabei überging er großzügig das er selbst ständig mit seiner Frau und mit Freunden telefonierte und fast sein ganzes Vereinsleben während der Arbeitszeit abwickelte. Aber er war schließlich der Marktleiter und das ließ er seine Verkäuferinnen täglich spüren!

Julia Bellmer bat den Kunden, den sie gerade bediente, das Schild mit der Aufschrift „ Bitte nicht mehr anstellen“ auf das Laufband zu stellen, klingelte nach ihrer Kollegin und beeilte sich die Waren auf dem Laufband einzuscannen. „ Dreiundzwanzig sechsundsechzig“ teilte sie dem Kunden freundlich mit. Der suchte den Betrag in aller Seelenruhe genau passend aus seinem Portemonnaie. Sie gab ihm den Kassenbon, strich sich im Aufstehen noch den Kittel glatt und bat einen Kunden, der begann seine Waren  auf das Laufband zu legen, die andere Kasse zu benutzen. „ Sie haben mich doch kommen sehen, warum machen sie denn dann einfach ihre Kasse zu? Ich sag nur Servicewüste Deutschland! Jetzt kann ich den ganzen Kram wieder Umpacken!“ Schnaufend und übertrieben heftig warf er die Bild Zeitung auf das benachbarte Laufband mit seinem Flachmann und den drei Flaschen Bier war er dann etwas vorsichtiger. Bevor die Situation eskalieren konnte kam Elfriede Fölsch auf ihre Kasse zu gestampft. Ihre gewaltige Oberweite durchteilte ehrfurchtsgebietend die Supermarktsluft, wie ein stolzes Schiff die tosenden Wogen des Pazifiks. „ Ach Herr Knoll, kommen sie mal zu mir, ich nehme ihnen auch gern ihr Geld ab! Wie geht`s der werten Gattin?“ Der Angesprochene traute sich nicht, weitere Beschwerden zu äußern, sondern ergab sich seinem Schicksal.

 Julia Bellmer war schon im Büro des Marktleiters verschwunden. Sie ging mit einer gemurmelten Entschuldigung an den Apparat und meldete sich: „ Bellmer...“. „Frieling, Hausverwaltung, ich dachte schon die Leitung wäre unterbrochen. Ich habe wieder eins ihrer Kinder im Hausflur erwischt. Das Spielen im Flur ist verboten, Sie wissen das und habe es ihnen schon oft genug erzählt. Ihr Kind ist ausgerechnet in den neuen Mieter, der unter ihnen einzieht, hineingerutscht. Wenn ich noch mehr Beschwerden über Sie bekomme werde ich ihnen kündigen müssen, schließlich habe ich auch noch andere Dinge zu tun, als mich um ihre Kinder zu kümmern! Guten Tag!“

Julia Bellmer hätte am liebsten laut losgeheult. Dieser blöde Hausverwalter hatte sie ja noch nicht einmal zu Wort kommen lassen. Hatte sie heute wieder einmal das Schild „ Fußabtreter“ um den Hals hängen? Wie auf Kommando fing jetzt auch Herr Lüssborn, der Marktleiter an auf ihr herumzuhacken. „ Ich habe ihnen schon hundertmal gesagt, dass Sie ihre Privatgespräche gefälligst außerhalb ihrer Arbeitszeit zu führen haben, die Viertelstunde hängen sie heute Mittag dran!“ Julia Bellmer schossen die Tränen in die Augen, sie wollte etwas sagen, schluckte aber die Bemerkung wieder herunter, zu dringend war sie auf diesen Job angewiesen. Das wusste auch ihr Chef, der sie mit einem schiefen Grinsen aus seinem Büro schob. „ So und jetzt wieder an die Arbeit, ihre Kollegen wollen schließlich ihre Arbeit nicht ständig mitmachen! “

Da nur sehr wenige Kunden im Laden waren, hatte Elfriede Fölsch die Kasse der neuen Auszubildenden überlassen und packte selbst Tiefkühlware in die großen Truhen. Sie sah sofort das ihrer Kollegin zum Heulen zumute war. „Komm, Kindchen, du gehst jetzt ins Lager und packst erst mal Ware, bis es dir besser geht!“ Dankbar nahm Julia Bellmer das Angebot sich einen Augenblick vom Kundenbetrieb zurückzuziehen an. Eigentlich sollte man ja meinen, dass die Menschen jetzt in der Vorweihnachtszeit freundlicher und netter als sonst wären, leider war eher das Gegenteil der Fall. Die Menschen wirkten wie gehetzt und schienen jede Chance wahrzunehmen ihre schlechte Laune an jemand anderem auszulassen.
 
Bald hatte sie sich beruhigt. Als sie wieder zu ihrer Kasse ging, weil langsam das Nachmittagsgeschäft einsetzte warf sie Elfriede Fölsch einen dankbaren Blick zu. Ihre Kollegin hatte es ja selbst nicht leicht, war doch ihr Mann vor einem Jahr gestorben und hatte sie mit einer kleinen Witwenrente zurückgelassen. Frau Fölsch beklagte sich trotzdem nicht, sondern hatte sogar zwei Mal auf ihre Kinder aufgepasst, als sie die Prüfung für ihr Fremdsprachendiplom abgelegt hatte. Das war jetzt schon fast ein Jahr her .Sie hatte große Hoffnungen in diesen Abschluss gesetzt. Außer den Raten für den Kredit, den sie für die Sprachenschule aufgenommen hatte war aber nichts übrig geblieben. Die großen Versprechungen von tollen Jobangeboten hatten sich leider als Werbeerfindung der Sprachschule herausgestellt. Spanisch, Französisch und Englisch – mit diesen Sprachkenntnissen konnte man heute nur noch in einem Supermarkt anfangen und da war sie ja schon.

Vielleicht wäre es etwas anderes, wenn sie nicht zwei Kinder hätte. Von zwei verschiedenen Vätern. Der erste war eine Urlaubsbekanntschaft aus Italien. Ein gutaussehender Aushilfskellner mit tollen dunklen Augen. Er hatte die damals 16 jährige mit seinem weltmännischen Charme beindruckt und nicht nur das. Drei Jahre später traf sie den Netten  Taxifahrer aus Berlin, der blieb ganze 5 Monate, bevor er sie mit ihrem Kind, einem dicken Bauch und Sechstausendeuro Schulden zurückließ. Scheißkerl! Aber irgendwie hatte sie ja selber Schuld. Keiner der beiden hatte sie gezwungen. Ihr Ruf jedenfalls war ruiniert. Als sie sich hier im Supermarkt vorgestellt hatte, waren ihr die lüsternen Blick des Marktleiters nicht entgangen. Zwei Kinder von zwei Vätern, das konnte ja nur ein Flittchen sein.

Als sie vor fünf Jahren hier im Ruhrgebiet ganz neu anfangen wollte, hatte sie sich das noch ganz einfach vorgestellt. Sie hatte sich auf eine Sekretärinnen-Stelle bei einer Import –Export Firma beworben. Aber als der Betrieb nach drei Jahren Konkurs anmelden musste war ihr Traum schon wieder geplatzt. Jetzt verdiente sie gerade mal so viel, dass sie sich die Wohnung noch leisten konnte. Ihre Mutter unterstützte sie von Berlin aus mit 200 Euro monatlich. Damit reichte es so grade. Zu den Vätern ihrer Kinder hatte sie keinen Kontakt. „Ab jetzt reichen mir zwei Männer in meinem Leben und die werden auch irgendwann ihrer Wege ziehen!“ pflegte sie zu antworten, wenn sie jemand auf ihr Liebesleben ansprach.

An Tagen wie heute hätte sie die beiden aber am liebsten gleich auf den Mond geschossen. Die zwei Stunden zwischen Schulschluss und ihrem Feierabend mussten die beiden alleine überbrücken und das möglichst ohne diesem blöden, kinderhassenden Hausverwalter einen Kündigungsgrund zu liefern! Sie musste dringend mit den beiden reden. Doch jetzt musste Sie wieder an die Kasse, schließlich konnte sie nicht ewig Ware packen.

„Wollen wir tauschen?“, ein mittelgroßer, dunkelhaariger Mann riss sie aus ihren Gedanken. Er hatte seine Waren bereits auf das Laufband gelegt und wollte bezahlen. Wie lange er hier schon stand wusste sie nicht. „ Entschuldigen Sie bitte, ich war in Gedanken.“ „Gerne“, war die freundliche  Antwort. Der Kunde schob seine Euroscheckkarte in den Kartenleser und gab seine Geheimnummer ein. Als er den Betrag bestätigen sollte stutzte er. „ Ist das ein Sonderangebot?“ fragte er freundlich. „Wieso?“, Julia Bellmer war irritiert. „ Na ja, 568,99 Euro für eine Flasche Rotwein und ein Baguette ist nicht gerade geschenkt!“, die Stimme des Fremden klang immer noch freundlich und warmherzig.  Erschrocken starrte Julia Bellmer auf die Ziffern. Sie wurde knallrot. „Verz..,  äh, Entschuldigung, das ist mir noch nie passiert. Ich habe hundert Flaschen Rotwein eingegeben. Das tut mir leid!“, fast wurde ihre Stimme etwas weinerlich. Der Fremde lächelte sie freundlich an: „Ist ja nicht so schlimm. Ich mache doch auch jede Menge Fehler, wie jeder Mensch! Es ist ja überhaupt nichts passiert! Ein Fehler allein hat übrigens nie Folgen – nur Doppelfehler. Können Sie den Betrag wieder zurückbuchen, oder soll ich mir die restlichen 99 Flaschen noch holen?“. Offensichtlich war er nicht aus der Ruhe zu bringen. „Geht das hier bald weiter, oder muss ich mich an einer anderen Kasse anstellen?“, bevor Frau Bellmer etwas erwidern  konnte, drehte sich der Fremde halb um und sprach den ungeduldigen Kunden direkt an: „ Wie sie sehen bezahle ich gerade. Falls sie es aber besonders eilig haben, räume ich natürlich gerne meine beiden Artikel vom Laufband  und lasse sie vor.“. Diesen Satz hatte er lächelnd aber mit einer gewissen Schärfe vorgetragen. „Nein, nein, ich warte natürlich.“, antwortete der Kunde sehr leise und schaute dabei zu Boden.
    
Mittlerweile hatte Frau Bellmer schon nach ihrem Chef geklingelt, denn alleine konnte sie ihren Fehler nicht korrigieren. Herr Lüssborn erschien mit säuerlicher Miene. „ Was ist denn nun schon wieder los, Frau Bellmer?“ Bei der Nennung des Namens horchte der Fremde auf. „Entschuldigung, meine Angestellte ist heute etwas unkonzentriert, aber ich korrigiere ihren Fehler schnell.“, erklärte er dem Fremden. „ Ihre freundliche Mitarbeiterin hat sich bereits ausreichend bei mir entschuldigt!“ „Ach so“, Herr Lüssborn steckte seinen Schlüssel in die Kasse und Julia Bellmer konnte den Vorgang stornieren. „Borniertes Arschloch!“ raunte der Fremde, gerade so laut, dass nur Sie es verstehen konnte. „Ihnen noch einen schönen Tag“, lächelte er ihr zu und damit verließ er das Geschäft. Während Julia Bellmer schnell die Waren des nächsten Kunden  einscannte, ertappte sie sich dabei, dass sie wieder einmal von einem männlichen Wesen fast überrollt worden wäre. Hätte der Fremde nach ihrer Telefonnummer gefragt, sie wäre ihrem Schwur wahrscheinlich untreu geworden und hätte sie Ihm gegeben. Aber so war es auch besser, schließlich wollte sie keine weiteren Komplikationen!

Fortsetzung folgt.....

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.09.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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