Andreas Dany

Herz zu vermieten 1

Zeitreise
 
Der Wind trieb immer wieder kalte Sprühregenschauer vor sich her .Es war fast so, als ob der November sich geschworen hätte heute sein Meisterstück an Ungemütlichkeit abzuliefern. Die einzelne Seite einer Tageszeitung wurde vom Wind spielerisch umher gewirbelt,  blieb kurz an einer Teppichstange hängen um sofort wieder in wildem Tanz  empor gewirbelt zu werden

Andreas Schwarz stellte den alten roten Golf auf einen freien Platz am Rande des Wendehammers ab. Er stieg aus, schaute sich gedankenverloren um. Hier, zwischen den pastellfarbenen Mehrfamilienhäusern, die kasernenartig aufgereiht neben und hintereinander standen, auf den großen, freien Rasenflächen, hatte er einen Großteil seiner Kindheit verbracht. Hier hatte er Fußball gespielt, Fahrrad fahren gelernt und im Sommer Beduinenzelte aus alten Decken gebaut um darin mit anderen Kindern die haarsträubendsten Abenteuer nachzuspielen.

Fast vergaß er den kalten Wind und das unwirtliche Wetter und erst ein besonders heftiger Regenschauer holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Er zuckte zusammen, als sei er gerade aus einem Traum erwacht. Tief durchatmend drückte er auf den Autoschlüssel. Überrascht damit keine Reaktion hervorzurufen schaute er ungläubig auf seine Hand. „ Ich Idiot!“, murmelte er, steckte den Schlüssel in das Schloss der Fahrertür und schloss ab. Über die eigene Schusseligkeit verwundert, ging er Kopfschüttelnd auf die erste Tür in der Häuserreihe zu. Eine große „13“ prangte auf der Eingangsbeleuchtung. In genau so einem Haus, wenn auch in der Nachbarstrasse, hatten seine Eltern vor fast 40 Jahren eine Wohnung gefunden.

Damals standen noch nicht mal alle Häuser in dieser, aus drei fast identisch bebauten Straßen bestehenden Krupp-Werkssiedlung. Auf dem Reißbrett hatte man hier auf einer Fläche von knapp 9 Hektar Wohnraum für fast 600 Familien geschaffen. Zwischen den Häusern gab es noch gewaltige Lehmberge auf denen man herrlich spielen konnte. Und in fast allen Häusern wohnten junge Familien mit potentiellen Spielkameraden.

Heute war die Siedlung in städtischem Besitz und die Wohnungen waren als Sozialwohnungen ausgewiesen. Nachdem die Bewohner immer älter geworden waren zogen seit einigen Jahren wieder mehr junge Familien in die Wohnungen.

Ein dunkelblauer BMW bog in den Wendehammer ein. Der ältere Herr in Anzug und Regenmantel kam schnell auf die Hausnummer 13 zu. Dabei kämpfte er, sichtlich verärgert bei diesem Wetter das wärmende Büro verlassen zu müssen, mit seinem Regenschirm. Als er Andreas Schwarz erblickte, winkte er ihm kurz zu und hielt ihm die eilig aufgeschlossene Haustür auf. Andreas Schwarz, der sich die anderen Hauseingänge angeschaut hatte, lief zurück zur „13“. Belustigt bemerkte er wie die Gardine hinter dem Fenster der Parterrewohnung sich bewegte.

„ Frieling, guten Tag, Herr Schwarz, nehme ich an.“ begrüßte  ihn  der ältere Herr unterkühlt. „ Da haben sie sich ja ein scheußliches Wetter für die Wohnungsbesichtigung ausgesucht!“ „Guten Tag Herr Frieling, schön das sie so kurzfristig Zeit hatten. Ich bin froh, dass zufällig eine Wohnung frei ist. Und zum Glück ist die Wohnung ja drinnen, da werden wir beiden nicht so nass“

Ohne auf den Scherz einzugehen sprach der Hausverwalter im gleichen geschäftsmäßigen Tonfall weiter: „ Die freie Wohnung ist im ersten Stock“ während er die Wohnungstür aufschloss fuhr er fort: „ Sie werden eine Fehlbelegungsabgabe leisten müssen, ihr Einkommen ist zu hoch. Trotzdem ist die Wohnung noch sehr günstig, vor allem bei dieser Lage!“ Als er die Wohnungstür geschlossen hatte fuhr er in einem leiseren, fast verschwörerischen Ton fort: „ Aber Sie wissen ja selbst, das die gesamte Siedlung demnächst an einen privaten Investor verkauft werden soll, es ist gut möglich, dass die Wohnung dann für sie noch günstiger wird. So, hier links ist die Küche“ Er öffnete eine Tür mit Glasfenster und zeigte Andreas Schwarz die kleine bestimmt über 20 Jahre alte Einbauküche. Danach bekam er noch das mindestens ebenso alte Badezimmer, Ein Schlafzimmer, ein Kinderzimmer mit zwei davon abgehenden kleinen Nischen und ein Wohnzimmer mit Zugang zum Balkon zu sehen. „ Insgesamt hat die Wohnung wie gesagt 66 m2. Das Kinderzimmer ist für ihre Bedürfnisse nicht optimal, diese Nischen waren ursprünglich als Kinderzimmer geplant. Na ja aber man kann da sicher einen Kleiderschrank oder so was draus machen.“

Unmutig zog Andreas Schwarz die Augenbrauen herunter, er wusste sehr wohl was das für Zimmer waren. In so einer „Nische“  hatten er und sein kleiner Bruder schließlich lange genug auf einem klappbaren Stockbett geschlafen! Er war sich sicher, dass die Wand dieses Zimmers immer noch zu einem großen Teil aus dem Gips bestand, den sein Vater immer wieder dazu benutzte die Dübel, die das Bett an der Wand verankerten, wieder zu befestigen. Lange hielt das nie, schließlich war das nicht nur ein Bett, sondern, je nach Bedarf, ein Piratenschiff, ein Weltraumfahrzeug oder ein Indianerzelt und damit natürlich ganz anderen Belastungen als ein schnödes Etagenbett ausgesetzt!

Fast wie in Trance unterschrieb Andreas Schwarz den Mietvertrag, den der Verwalter gleich mitgebracht hatte. Die Wohnung war frisch gestrichen und sauber. Der Teppichboden in Flur, Kinder- und Schlafzimmer war gereinigt, aber abgenutzt und der Parkettboden im Wohnzimmer hatte auch schon bessere Zeiten gesehen. „Sie können die Schlüssel gleich behalten, hier sind die beiden anderen Schlüssel. Der hier ist der Kellerschlüssel. Gemeinsam gingen die beiden die vier Treppen in den Keller hinab. „ So, das ist ihr Keller“ er zeigte auf einen kleinen, mit Dachlatten abgetrennten Raum. An der Tür war ein Beschlag für ein Vorhängeschloss angebracht. „ So, und das ist der Fahrradkeller, den benutzen alle Mieter“

Als sie die Stufen nach oben stiegen, stießen sie mit einem kleinen Jungen zusammen, der ihnen rückwärts auf dem Metallgeländer entgegen rutschte. „ Verdammt noch mal, kannst du nicht aufpassen? Und warum spielst du überhaupt hier im Treppenhaus, das ist verboten!“ „ Entschuldigung! Das wollte ich nicht“ Wie ein Blitz verschwand der Steppke die Treppe hinauf und sofort durch die Haustür. Herr Schwarz lachte: „ Ist ja nichts passiert, ich würde bei dem Sauwetter auch nicht draußen spielen!“ „ Ach, wegen denen gibt es hier im Haus dauernd Probleme. Die Mutter ist alleinerziehend und die Bälger tanzen ihr auf der Nase herum.“ „ Ach der Steppke wohnt hier im Haus?“ „ Ja, die Bellmers wohnen direkt über ihnen“ Er zuckte zusammen und blickte erschreckt zu Herrn Schwarz, als hätte er ihm gerade mitgeteilt das eins seiner Zimmer an einen Elefanten untervermietet sei.  Herr Schwarz nahm es gelassen, beruhigend sagte er: „ Das wird schon nicht so schlimm sein, ich bin sowieso immer lange im Büro. Außerdem habe ich den Vertrag ja auch schon unterschrieben!“ Der Verwalter zog seine Aktentasche instinktiv etwas weiter zu sich heran. „So, Herr Schwarz, dann mal viel Glück in ihrer neuen Wohnung“ Der Verwalter beeilte sich zu seinem Auto zu kommen. Auch Herr Schwarz ging, nach einem kurzen Blick zu seiner Uhr zu dem roten Golf und fuhr, ohne noch einmal in die Wohnung zu gehen weg.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.09.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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