Meeresrauschen, leise und beständig. Und rechts der Lärm einer ganzen Kolonie Webervögel. Und dabei ganz entspannt liegen. Jawohl, unter blauem Himmel. Was sich aber nach Traumurlaub anhört ist eher das Gegenteil.
Progressive Muskelentspannung heißt das und soll uns kurz aus den Stress ausklinken und neue Kraft sammeln lassen für den Rest des Tages. Noch unter Anleitung der Therapeutin.
„Und jetzt blenden wir alles aus, konzentrieren uns nur auf unser Gehör, die Geräusche unserer Umgebung, unserer Nachbarn …“
Ja, zu intensiv zu horchen bemüht. Ich weiß nicht, ob er die letzten Wochen nicht da war oder ob ich ihn nur erfolgreich ignoriert hatte, jetzt drängt er sich massiv nach vorn: mein Tinitus, in Gestalt von Meeresrauschen und Vogelzwitschern. Das Rauschen stetig, das Zwitschern mit Unterbrechungen, vielleicht an Stress oder Anstrengung gebunden, aber auch zu ruhige, leise Musik provoziert ihn, dagegen anzuschreien.
„Wirkt sich das störend aus?“ fragt die Therapeutin. Na klar, das verübelt den Genuss, die Stille, die Entspannung.
Schon vor etlichen Jahren erklärte mir ein Arzt in Bezug auf meine Hörfähigkeit, ich habe ein Gehör wie ein Fünfundsiebzigjähriger und vermutete, das könne in der Familie liegen. Ich bestätigte eifrig nickend - mein Vater war gerade fünfundsiebzig geworden - und verschwieg ihm die geschätzten tausend Rockkonzerte, denen ich vor der Bühne beiwohnte, ebenso wie meine Hörgewohnheiten daheim unter Kopfhörer. Und mein T2 war selbst dann ein lautes Auto, wenn die Musik den markanten Motorensound nicht übertönte. Sicherlich trug alles dazu bei.
Meine ersten Defizite bemerkte ich, als meine romantische Frau feststellte: die Grillen zirpen heute aber wunderbar laut. Ich dachte bis dato, die Tiere seien seit Jahren ausgestorben. Und sie hat jetzt seit zwanzig Jahren diesen Running Gag.
Verheerend ist für mich das elektronische Zeitalter. Kurzzeitwecker, Telefone, alles klingelt nur noch elektronisch, und die energiesparendste Frequenz liegt wohl in der Nähe der der Grillen. Gut das wenigstens jemand für mich den Vibrationsalarm erfand.
Wenn ein Ohr schwächer ist, dann liegt die ganze Last auf dem anderen. Für meinen Hörsturz fand man jedenfalls keine mechanische Schädigung, also erklärt man Stress zum Auslöser. Seitdem habe ich jedenfalls die Webervögel, und schon geringer Schalldruck gibt zusätzlich das Gefühl, man stehe unter einer großen schlagenden Glocke.
Und wenn ich mal eine meiner seltenen guten Ideen ins Gespräch einwerfe, ist die meistgehörte Antwort: „Das haben wir doch gerade gesagt, hast du das nicht mitgekriegt.“
Diese dauernden Wiederholungen nehmen einem dann auch die Lust auf Gespräche. Kein Problem, ich war immer schon der einzelgängerische Wolf. Was ich zu sagen habe, kann ich auch niederschreiben. Ist auf Dauer aber auch langweilig, nur aus sich heraus zu schreiben. Vielleicht probiere ich doch einmal ein Hörgerät, damit ich wieder erlebe.
Aber wie erkläre ich dem Gerät, was ich hören will. Denn was nützt es mir, wenn ich statt des Geräuschchaos in dem sich Einzelstimmen verlieren ein lautes Geräuschchaos in dem sich Einzelstimmen verlieren habe.
Und dann lässt das ganze technische Gerät in seiner Leistungsfähigkeit ja auch immer so rasend schnell nach. Mein Fernseher zum Beispiel, teures Gerät, verliert aber innerhalb eines Jahres schon so viel an Power, dass ich den Volume – Regler von einstmals einundzwanzig jetzt schon auf dreißig hochpegeln muss.
Copyright: Ewald Frankenberg 09.2011
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.09.2011.
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