Martina Brandt

Rückblick

 

Da saß sie nun, im Zug, wie schon so oft.

Sie nahm ihren MP3 Player aus ihrer Tasche und setzte sich tief in den Sitz zurück, den Kopf
ans Fenster gelehnt und den Blick verloren nach draussen, das Herz verloren an ihn.
Ihn. Den EINEN. 6 lange Jahre, wo sie sich stritten, liebten, bangten, hofften.
6 Jahre, die sie beide geprägt und verändert hatten.
In Gedanken ging sie noch einmal die vielen Momente durch,
damals das erste Telefonat. Oh Gott, lass ihn eine schöne Stimme haben....waren ihre ersten Gedanken, als sie seine Nummer mit zitternden Händen wählte...und er hatte eine Stimme- und was für eine.
Eine Gänsehautzauberstimme!!!
Sie musste schmunzeln. Eine Ewigkeit lag es zurück, aber sie konnte sich genau erinnern.
Allen Mut hatte sie sich damals zusammen genommen. Sie war zu der Zeit in Spanien, in Urlaub und er,
ja er war im Ruhrgebiet und gerade damit beschäftigt, eine Deckenlampe im Flur anzubringen.
Von da an waren Anrufe an der Tagesordnung!
Kurze Zeit später das erste Treffen, man war sie nervös!
Sie wartete wie abgemacht bei Mc Donalds. Die Zeit kroch nur so dahin, und der Kakao blieb voll.
Immer wenn sie den Becher an die Lippen führen wollte, zitterten ihre Hände so stark,
dass sie lieber aufs Trinken verzichtete, bevor sie sich nur bekleckern würde. Wie peinlich wäre das denn?
Und dann sah sie sein Auto. Von ihrem Platz aus war alles gut zu überblicken.
Er ließ sich mit dem Aussteigen Zeit, erbärmlich viel Zeit, aber dann kam er lässig durch die Tür,
hatte sie sofort gesehen, kam geradewegs auf sie zu. Noch nie im Leben war sie so nervös.
Sie begrüßten sich etwas scheu, obwohl sie sich nun schon einige Jahre als Mailfreunde kannten,
war es doch etwas anderes, sich jetzt real gegenüberzustehen.
Sie versuchte abermals einen Schluck Kakao zu trinken, doch schon auf halben Wege zum Mund, stellte sie den Becher zurück. Es war unmöglich...nichts zu machen. Also bot sie ihm ihr Getränk an.
Sie wechselten ein paar Worte...belangloses...doch die Gedanken waren ganz woanders.
Wahnsinn, dieser Mund, wie der wohl küsst? Und diese Augen, schilfgrün....der Blick ging tief,
einen halben Meter tiefer durch sie hindurch, bis an eine Stelle, die zu kribbeln anfing.
Kurze Zeit später gingen sie zusammen in sein Auto. Endlich allein und geschützt vor Blicken.
ER schaute sie an und ehe sie sich versahen, waren sie im ersten Kuss vertieft...
Damit hatte es begonnen.....das aneinander Verfallensein.
Die Zeit danach war traumhaft, jedes Wochenende trafen sie sich bei ihm zuhause.
Natürlich gab es später auch hitzige Diskussionen, Streits, Missverständnisse, aber am Ende
kamen sie sich immer wieder nah. Nichts schien sie wirklich trennen zu können, egal wie tief die Kluft war,
es gab immer eine Brücke, ein Band, eine Tür, ein Wille.
Wie oft hatte sie versucht, sich von ihm zu lösen, wenn er ihr wieder mal das Herz brach,
unbewusst- aber nicht weniger schmerzvoll. Ja, sie hatte sogar versucht, ihn zu vergessen, mithilfe eines anderen. Ein voller Reinfall. Er ließ nicht locker und sie gab nach, denn tief drinnen wußte sie, dass er ihre Schwäche war und sie einfach nicht stark genug war, seinen Reizen standzuhalten.
Und das war noch heute so....
 
Ein Leben ohne ihn- unvorstellbar. Er war ein Teil von ihr geworden.
Jetzt hatten sie grad wieder eine Krise hinter sich...3 Monate Funkstille.
Die erste Fahrt seit dem zu ihm, und sie war nervös...so lächerlich sich das auch anhören mag,
ihr Herz klopfte bis zum Hals...wie schon tausendmale davor bei ihm.
Sie wußte ganz sicher,
es würde immer einen Zug geben,
der ins Ruhrgebiet fuhr und immer mindestens eine Frau,
die nichts davon abbringen konnte, diese Richtung zu fahren,
denn am Ende der Fahrt, wartete der Himmel mit schilfgrünen Augen und dem süßesten Lächeln,
seit dem Sündenfall ....
 
M.Brandt
  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.09.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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