Rosie Taubmann

Die lieben Verwandten!


An Tagen wie diesem, wenn das Schicksal zu schlägt und du verloren und hilflos bist, siehst du in wahre Gesichter und ihre Charaktere offenbaren sich dir, schonungslos. So auch bei mir! Zu seinen Lebzeiten begegnete mir die Familie meines Mannes mit Freundlichkeit, denn er hätte niemals auch nur die kleinste Unhöflichkeit mir gegenüber zugelassen. Doch nun da er nicht mehr unter uns weilt, zeigen sie mir ihre wahren Gesichter.
Eigentlich konnte ich es kaum glauben wie mir geschah. Menschen denen ich vertraute, ließen ihre Masken fallen und dahinter kamen Neid und Hass zum Vorschein.
Mein Leben mit meinem Mann bestand aus Respekt, Achtung und Offenheit vor einander. Aus unserer anfänglichen Verliebtheit entwickelte sich eine innige tiefe Liebe!
Er war schon ein gutes Stück älter als ich und ich glaube, dass gerade deshalb, aus seiner Lebenserfahrung heraus unsere Ehe so harmonisch war. Natürlich ahnte ich nicht einmal, dass gerade dieses liebevolle miteinander umgehen, diesen Menschen ein Dorn im Auge war und sie versuchen dich dann zu verletzen, wenn du am verwundbarsten bist. Doch bei mir ist ihnen das nicht gelungen, ich brach den Kontakt völlig ab und ließ auch ihre sämtlichen Telefonnummern bei mir sperren.

Das erste mal habe ich im Krankenhaus die neidischen Blicke meines Schwagers bemerkt, allerdings muss ich sagen, ich wurde darauf aufmerksam gemacht. Mir persönlich wäre es nicht aufgefallen, da ich überhaupt nicht auf so etwas achtete. Mein Mann war knappe vier Wochen im Krankenhaus als er starb. Natürlich besuchte er ihn öfters, allein schon um seine Lügen und Betrug zu kaschieren, von deren Ausmaß ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts wusste. Dabei fragte er mich einmal, sag mal bist du nur immer so lieb und freundlich zu meinem Bruder wenn ich da bin? Erst  war ich natürlich sprachlos, dann schaute ich ihn offen an und antwortete ihm. Darauf muss ich dir ja nicht wirklich eine Antwort geben, nur so viel. Es ist nicht gut, wenn man an Selbstüberschätzung leidet. Hier liegt mein geliebter Mann und kämpft um sein Leben  und du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich auch nur einen Gedanken an dich verschwende. Und ich glaube wenn Blicke töten könnten wäre ich in diesem Moment tot umgefallen. Danach verließ er wortlos, wütend und ärgerlich das Krankenhaus.
Fünf Tage vor der Beerdigung kam er zu mir hier her und versuchte mir Honig um den Mund zu schmieren und fragte auch was ich als nächstes tun würde, ob ich das mit dem Erbschaftsgericht schon geklärt hätte, wie viel Geld ich zur Verfügung hätte usw. Ich sagte ihm das sind für mich momentan alles Nebensächlichkeiten, darüber mache ich mir jetzt keine Gedanken und bat ihn höflich zu gehen. Am Morgen noch vor der Beerdigung fuhr er die 25 Km zu uns hier her und eröffnete auf dem Erbschaftsgericht das Erbverfahren, wie ich aus den Papieren des Gerichts ersehen konnte. So sind sie die integere Menschen, ohne jede Hemmungen.
Die nächste Attacke traf mich bei der Beerdigung. An diesem Tag ging es mir sehr, sehr schlecht und ich dachte bei mir, wie überstehst du dies alles nur, hoffentlich packst du den Weg von der Kirche zum Friedhof. Bei uns ist es Brauch, dass direkt hinter dem Sarg oder der Urne des Verstorbenen der Priester geht, hinter ihm die Ehefrau und die Kinder, wenn welche vorhanden sind, dahinter die engere Familie und dann die Freunde und die übrigen Trauergäste, alle zusammen gehen zu Fuß zum Friedhof.  Doch diesmal war es anders, diesmal drängte sich seine Familie mit ihren Freunden hinter dem Priester zusammen und ich als Ehefrau ging in der dritten Reihe. Dabei stützten sie sich in tiefer Trauer gegenseitig und gingen gebeugt in ihrem Gram. Zuvor in der Kirche entwendete mein Schwager noch das Foto meines Mannes das vor dem Altar stand.
Da hatte ich sie vor mir, alle diese armen Menschen in ihrer übergroßen Trauer. Und ich konnte diese Trauerspiel gut beobachten, dabei spürte ich die Kraft in meinen Körper zurück kehren und eine große Ruhe überkam mich. In Gedanken sagte ich zu meinen Mann, hoffentlich siehst du deine Beerdigung und musst selbst darüber lachen. Sie ist wirklich eine einzige makabere Komödie. Die ganzen Jahre hat sich niemand wirklich von denen für dich interessiert und hier und heute schleppen sie sich regelrecht in tiefster Trauer hinter deiner Urne her. Ich frage mich ernsthaft wem sie die Augen zu schmieren wollen. Im Ort hier bei uns kennt sie niemand und unsere Freunde kennen sie zur genüge. Der einzige Leidtragende heute würde ich sagen, bist du! Aber mein Schatz nimm es mit Humor, davon hattest du ja viel.
Nachbarn fragten mich später, wer denn diese unmöglichen Leute waren und ich sagte ihnen, die Familie meines Mannes.
Die gingen doch tatsächlich wie das Leiden Christi einher bekam ich zu hören, dabei haben wir die hier bei euch noch nie gesehen! Ja sagte ich, deshalb haben sie auch einiges gut zu machen.

Am Grab selbst, nachdem der Priester die Zeremonie beendet hatte, wollte mein Schwager einen Streit mit mir vom Zaun brechen. Ihm gefiel meine Ruhe und Selbstsicherheit nicht, auch dass ich alles selbst geregelt hatte ohne seine Hilfe, war ihm ein Dorn im Auge. Und als ich ihn auch noch völlig ignorierte, mich wortlos abwendete  und mit  meiner Familie und unseren Freunden den Friedhof verließ, damit habe ich natürlich einen Heiligen um gestoßen. Aber ich denke der Hauptgrund für seine Streitlust war, dass ich gewisse Machenschaften aufdecken könnte und mit unserem weg gehen hatte er ja sein Ziel erreicht. Menschen denen ich vertraute standen mir plötzlich in offener Feindschaft gegenüber. Mir jedoch war dieses ganze Verhalten zu primitiv und pietätlos vor allem an einem Tag wie diesem. Natürlich waren meine Familie und unsere Freunde wütend über das unmögliche Benehmen und die Unverfrorenheit dieser Menschen. Ich eigentlich nicht, denn ich hatte sie ja ohne ihre Masken gesehen und so war ich innerlich ganz ruhig, fast schon belustigt über so viel Schauspielkunst.
Beim Kaffee versuchte ich meine aufgebrachte Familie und unsere Freunde zu beruhigen und sagte zu ihnen. Echte Gefühle zeichnen den Menschen aus. Das müsst ihr schon verstehen, die müssen in so tiefer Trauer wie gebrochen einher gehen und sie können sich nicht mit uns an einen Tisch setzen, denn sie haben einiges zu vertuschen und sie haben große Abbitte zu leisten. Wir brauchen das nicht, wir waren immer für ihn da, offen und ehrlich und können darum ganz normal trauern, ich um meinen geliebten Mann und ihr um euren guten Freund. Ärgert euch nicht, steht einfach genau wie ich über diesen Dingen. Aber ich konnte sie nur sehr schwer beruhigen.
Da mein Mann kein Testament hinterlasse hat, steht mir jetzt noch der Erbschaftsstreit bevor. Aber diese Sache habe ich in die Hände eines Anwalts gelegt. Natürlich kann ich nicht alles hier niederschreiben aber eines dürft ihr mir glauben, ich wurde belogen, bestohlen, hintergangen und üble Nachrede kommt auch noch hinzu. Wer eine solche Familie hat, der braucht wirklich keine Feinde mehr!
Und in Gedanken höre ich immer wieder die Stimme meines Mannes zu mir sagen: Du bist nicht allein, ich bin da. Geh deinen Weg, du bist eine starke Frau und genau das werde ich tun, unbeirrt meinen Weg gehen!
Aber irgendwann werde ich ein Buch in schonungsloser Offenheit über unser Leben schreiben, dabei werden die Intrigen und Machenschaften Dritter nicht zu kurz kommen. Dieses Buch zu schreiben ist ein Wunsch meines geliebten Mannes gewesen! Und ich werde ihn erfüllen!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.09.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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