Rüdiger Nazar

Wofür ? Warum ?

Seit dem 30 Januar 1972 war hier die Hölle los.
Es war ein Sonntag...ein Sonntag der eigentlich recht ruhig begann...
sah man von den einzelnen Schüssen in der Nacht ab.
Wir liefen umher...ohne rechtes Ziel...obwohl wir klare Befehle hatten.
Es drang zu und durch...das die Katholiken eine Demonstration veranstalten  wollten...
hier mitten in Londonderry.
Londonderry ist eine irische Grafschaft in Nordirland...und liegt zwischen Lough Foyle...Lough Neagh...
und dem Fluss Bann.
Wir die Briten nennen diese Ortschaft seit 1920 so...die Iren sagen Derry...auf irisch...Doire...was soviel wie
Eichenhain heißt.
Im Westen liegt eine wunderschöne Berglandschaft...der Sperrin Mountain.
Protestanten und Katholiken bekämpfen sich hier schon seit dem Mittelalter...es ist kaum zu glauben und sehr traurig.
Überall ist die Gegend von der IRA durchzogen und kontrolliert...der Irish Republican Army.
Diese Paramilitärische Einheit hat sich seit eh und je zum Ziele gesetzt...eine völlige Unabhängigkeit von ganz Irland
gegen England durchzusetzen...und sei es auch mit roher Gewalt und Terror.
Die IRA nennt sich auf irisch...Oglaigh na hEireann.
Vor einem Jahr trat ich der britischen Army bei...durchlief viele Schulungen und Einzelkämpferausbildungen...
heute...da war ich 20 Jahre alt.
Ich heiße...Paul  Bridge...und komme aus einem kleinen Dorf in der Nähe von London.
Den Namen des Ortes  möchte ich aus Sicherheitsgründen nicht nennen...und auch mein Name ist ein Pseudonym.
Damals gab es eine Aufnahmeprüfung bei einer Sondereinheit...der SAS...Sea Air Service...und ich wurde nach strengen Prüfungen angenommen...ich war so stolz.
Ich bin jetzt schon  drei Monate hier stationiert. Am Rande der Stadt haben wir unsere Unterkünfte.
Heute am 30 Januar fahren wir Streife in Derry...so als Beobachter und Eingreiftruppe...wenn die Demonstration der Katholiken vielleicht ausarten sollte.
Auf der Strasse scheint das Leben seinen gewohnten Gang zu gehen...Menschen laufen geschäftig hin und her...sie kaufen in den kleinen idyllischen Geschäften ein.
Wir sitzen mit fünf Mann im Landrover...der langsam durch die Strassen fährt...unsere Waffen...sind geladen und schussbereit.
Mir ist absolut nicht wohl zumute...Schweißperlen laufen unaufhörlich von meiner Stirn...ich schwitze.
Ist es vielleicht Angst ? Die Stimmung unter uns ist geladen und gespannt...wie eine Sehne des Bogens...die zu reißen droht.
Unser Vorgesetzter... ein Freund von mir...wir machen Abends die Kneipen unsicher...lacht schallend los.
Nun scheißt euch bloß nicht in die Uniform...Ladys...als plötzlich
ein lauter Knall zu hören ist...eine Feuersäule die sich von der Motorhaube des Rover emporstreckt....blendet uns alle.
Der Fahrer...ein Landscorporal tritt voll in die Eisen...der Wagen steht wie vom Blitz getroffen.
Blitzartig entfliehen wir  der Karosse...umkreisen den Wagen...knieend...hocken wir mit unseren Sturmgewehren im Anschlag. Nichts geschieht. Dann eine weiterer Lichtblitz der auf uns zurast...es sind selbstgefertigte Molotowcocktails.  Einfach herzustellen. Eine Glasflasche mit Benzin oder irgend einem anderen brennbaren Stoff gefüllt...am Flaschenhals ein Stück Stoff..und angezündet ...und geworfen....verherrende Wirkug.
Unser  Chef...so nennen wir ihn...hat erkannt...aus welcher Richtung das Geschoss kam.
Er drückt den Abzug des Gewehres voll durch...eine glühende Feuersalve...zischt in Richtung eines Fensters.
Ein lauter Aufschrei...dann ist es ruhig.
Als nach einige Minuten nichts mehr geschieht...stürmen wir das Haus...die Türe wird eingeschlagen.
Nahe dem Fenster...von frischen Molotowcocktails umringt...liegt eine Person...zusammengekrümmt.
Es ist eine junge Frau...nein eigentlich eine jugendliche...vielleicht so siebzehn oder zwanzig Jahre alt.
Verdammte IRA schreit unser Chef und tritt ihr brutal in die Rippen.
Sie rührt sich nicht...sie ist tot.
Mir läuft es beim Anblick dieses verkrümmt daliegenden Körpers...blutüberströmt...eiskalt den Rücken runter.
Wir setzen unsere Patroullienfahrt fort.
Stunden vergehen...und die ersten katholischen Demonstranten treffen ein. Demotransparente und Fahnen wehen ihnen voraus...free Irland for ever...out with the british Terror.
Wir stellen unseren Rover am Strassenrand und beobachten das Geschehen.
Ich würde sie alle über die Klinge springen lassen sagt unser Chef...alle...dieses katholische Pack.
Ich glaubte nicht was er da von sich gab. Waren wir doch nur  als Schutztruppe für den Ernstfall hier.
Ich kannte die Geschichte von Irland...die Jahrhunderte lange Unterdrückung durch das United Kingdom....und ich verspürte eine gewisse Sympathie und Verständnis für dieses Volk...eine  Abscheu gegen mein eigenes.
Es ist ein so schönes Land...Schafsherden...blühende Felder und Wälder...und die romantische Musik des irischen Dudelsackes...in ihren Lieder klang immer Wehmut und Trauer mit.
Die Strassen füllten sich mit Demonstranten....alles lief ruhig und gesittet ab. OK..natürlich waren einige Protestrufe zu hören...ein katholischer Sprecher sollte den Beginn der Demo einleiten.
Heute ist Sonntag sagte unser Chef...Sonntag den 30 Januar 1972...und schrieb es gleichzeitig in seinen Tagesbericht ein.
Leute...ich habe so ein komisches Gefühl...sagte er...DURCHLADEN...Schaltung auf DAUERFEUER...und meinen Befehl abwarten.
Die Demonstartion war im vollen Gange...der Redelsführer hatte seine Rede beendet...und die Massen kamen in Bewegung. Langsam zogen sie durch die Strassen von Londonderry. Die Anwohner schlossen ihre Fenster und ihre Haustüren...keiner war mehr zu sehen...es war totenstill...wie die Ruhe vor einem Sturm.
Ich saß da...und gebe zu...ich zitterte vor Aufregeung und Erwartung...was wohl geschehen würde.
Plötzlich schossen aus allen Strassenseiten englische Truppen hervor...unsere Kollegen...eine Fallschirmspringereinheit. Keine Ahnung woher sie auf einmal kamen.
Es hatte den Anschein... wie eine geplante Aktion der Heeresleitung.
Bitte sofort diese Demonstration auflösen und beenden...tönte es aus einem Lautsprecher...sonst sehen wir uns gezwungen...von der Schusswaffe gebrauch zu machen.
Das die Katholiken sich darauf nicht einließen...war wohl vorauszusehen...und sie marschierten tapfer und lautlos weiter...
als ein Befehl durch die Strassen schallte...FIRE...!
Die Masse strömte nach allen Seiten auseinander...schreiend...und wütend schimpfend. Hatten sie doch eine gewaltlose Demo veranstaltet.
Ich saß da mit großen Augen...und zitterte wie Espenlaub...meine Nerven waren dem zerbersten nahe.
Geschieht ihnen recht so...lachte unser Chef los...und ich...ich bekam so eine Wut...nein einen Haß auf ihn.
Das Resultat dieser friedlichen Demonstration waren 13 Tote...natürlich unbewaffnet...meistens noch sehr junge Leute.
Dieser Tag wurde als der...bloody Sunday bekannt...der blutige Sonntag...ein Makel für das United Kingdom.
Ich konnte Nachts in der Unterkunft nicht schlafen. Diese schrecklichen Bilder der tot daliegenden von Blut überströmten Körper...ließen meine Tränen laufen.
Was soll das denn ? lachte der Chef...der sich einen Wiskey in den Rachen schüttete. Bist wohl zart beseited du Schwächling. Bist dann wohl in der falschen Einheit...gehe lieber zum Damenbalett...und lachte schallend los.
Am liebsten wäre ich ihm an die Guirgel gegangen.
Am nächsten Morgen...die meisten meiner Kameraden waren noch vom Vorabend betrunken...wurden wir für eine
Patroullie eingeteilt...die ins Bergland führte...in die Sperrin Mountains. Hier vermutete man Gruppen von IRA Leuten. Man... war das eine bildschöne Gegend.
Wir liefen über weite Ebende...völlig mit Heidekraut überwuchert...wunderschönen kleinen Seen...und wir...die Sturmgewehre durchgeladen.
Plötzlich lief etwas hinter den Büschen davon. Unser Chef...schrie HALT...aber die Gestalt lief. Er drückte voll durch...eine Salve...ratterte durch die Ruhe....ein Aufschrei...dann wieder Ruhe.
Wir fanden einen verwundeten Mann...vielleicht so dreißig oder so.
Wer bist du? was machst du hier. Der Mann bekam keine Luft und schwieg...der Schmerz der Verwundung...ein Schuss im Schenkel war wohl zu groß.
Bastard schrie unser Chef...IRA...was? Wo sind deine Leute ? Wo habt ihr euch versteckt ?...ihr Ausgeburt der Hölle.
Der Mann zitterte am ganzen Körper...aber er schwieg.
Er lag winselnd am Boden...und unser Vorgesetzter...stieß ihm den Lauf des Sturmgewehres in den Mund.
Lutsch meinen Schwanz sagte er lachend...und bewegte den kalten Stahl des Laufes hin und her im Munde des daliegenden.
Wenn du nicht  redest...drücke ich ab...darauf kannst du dich verlassen. Ich war total schockiert...was machte er da
dieser Idiot. Vermutlich nur eine Einschüchterrung...damit der Mann redete.
Dann stieß er den Lauf so weit in den Rachen...das der Mann Blut spuckte.
Das reichte mir. Ich ging auf ihn zu. Chef...was soll das ? lass das sein....hör`damit sofort auf...sonst !
Er drehte sich langsam zu mir um...sein fiebriger Blick erschreckte mich zu tode...was sonst `?
Ich schluckte...sonst...sonst ziehe ich dich vor`s Militärgericht.
Was ? Du Arsch...ich bin dein Vorgesetzter...was erlaubst du dir eigentlich?
Den Satz kaum ausgesprochen drückte er einfach ab.
Der Mann zuckte nur einmal...sein halber Kopf war weggeschossen...Blut...so viel Blut...ich übergab mich.
Es schoss mir unwillkürlich durch den Kopf. Beim nächsten Feuergefecht...müßte man diesem Schwein einfach von hinten einen Schuss in den Kopf verpassen...keiner würde es merken...woher der Schuss kam.
In der Stadt erfuhren wir...wir nahmen die Leiche natürlich mit...daß dieser Mann...dieser Tote überhaupt nichts sagen konnte...er war der Sohn eines Bauern und seit Geburt an stumm.
Abends gerieten wir in einen Strassenkampf...mitten in Derry...ein Kamerad von uns fiel...es war schrecklich.
Unser Chef führte sich wieder wie eine Sau auf...schoss auf alles was sich bewegte...auch auf Frauen und Kinder....dann...
riss er die Arme hoch...über den Kopf...fiel schreiend nach hinten über. Eine Kugel hatte ihn tödlich  getroffen.
Und verdammt noch mal...ich habe es ihm gewünscht...aber ich war es nicht...Gott sei mein Zeuge.
Als wir seinen Leichnam in den Rover legten......legte ein Kamerad von mir...seine Hand auf meine Schulter...und knippste mir ein Auge...du hättest es so wie so nicht gekonnt.
Eine Woche später quittierte ich meinen Dienst bei der Army.


                                                                                            Rüdiger Nazar
                                                                                         melvin6@gmx.de
                                                                                           04.October 2011























 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.10.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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