Hans Werner

Fremdes Glück

Schon oft haben sich Menschen die Frage gestellt, was es heißt, glücklich zu leben, und immer möchte ich ihnen antworten, lebt bewusst, seid aufmerksam bei allen Dingen, ahnt in den Kleinigkeiten das Geheimnis, lasst eure Phantasie walten. Und immer werdet ihr sehen, dass sich das Leben vor euch auftut wie ein bunter Teppich, dass es euch aufnimmt, als ob ihr alle Sonntagskinder wäret, und dass es euch Reichtümer beschert, von denen ihr keine Ahnung hattet. So, gütigster Leser, ist es auch mir ergangen, als ich mit meinen Musikern einen dreitägigen Ausflug ins Moselgebiet antrat. Freilich ahnte ich schon, dass eine traumhaft schöne Landschaft auf uns warten würde, aber welcher Art die Erlebnisse sein würden, die auf mich zukamen, das konnte ich nicht ahnen.

Wir fuhren durchs Rheintal, und ich sah mit innerer Andacht die vielen Burgen, die Zeugen alter, ruhmreicher Geschichte, in mir klangen und tönten die vielen Lieder, in denen der Rhein durch die Jahrhunderte besungen worden ist, und ich schaute auf die vielen Weinberge, die sich in unwegsamem Gelände zum Himmel erhoben, und dachte an den harten, zähen Fleiß, den die Winzer aufbringen müssen, um uns den köstlichen Trunk zu bereiten.

Und da war die Loreley. Eine Jungfrau sitzet, dort oben wunderbar. Ich lauschte innerlich den Versen Heines, hörte die Melodie, das schönste Volkslied deutscher Zunge, dann dachte ich an die vielen Fischer, die voller Sorge um ihr Schifflein diesen Felsen umschifft haben, und ich dachte an die vielen jungen Menschen, die im Herzen Weh leiden, weil sie jemanden lieben, der ihnen nicht geneigt ist. Und da kamen wir denn an, am Ort unserer Bestimmung, einem kleinen, malerischen Dorf an der Mosel, Bruttig mit Namen, das uns für zwei Tage beherbergen sollte. Heugierig besah ich mir die Häuser in dem mir ungewohnten Naturstein, fröhliche Menschen lugten aus den Fenstern, als wir, ein langer Zug von fünfzig Personen, zu der Klause empor schritten. Es nahm den üblichen Ablauf: Quartierverteilung, Einzug in die Zimmer, erste, wohltuende Erfrischung nach der Reise, Anziehen, Abendessen, und dann versammelte man sich im großen Saal zum Unterhaltungsabend, und jedermann fragte sich, auf welche Art er wohl nun unterhalten werden sollte, diesen Abend lang.

Die Tanzmusik setzte ein, fremdes Volk sammelte sich im Saal, außer uns war noch eine andere Reisegruppe da, und es mochten sich wohl auch junge Menschen aus dem Ort eingefunden haben, die gerne tanzten. Ich beobachtete mit einer gewissen inneren Sehnsucht die Tanzenden und dachte an meine Freundin, die ich zu Hause lassen musste, und es kam mir so recht schmerzlich zum Bewusstsein, dass ich allein war, dass ich niemand hatte, dem ich mein Gefühl weihen konnte, dass meine Sehnsucht nach Schönheit und Jugend nirgends Halt fand. Denn auch das Gefühl, welches ich meiner Freundin entgegenbrachte, drohte manchmal zu versiegen, und dann wusste ich oft nicht mehr recht, ob ich sie eigentlich gernhatte oder nicht.

Geneigter Leser, vielleicht hast auch du schon einmal jene innere Unsicherheit gespürt, wenn man nicht weiß, ob man liebt oder nicht. Aus Erfahrung wusste ich, dass ich sehr wohl in Begeisterung kommen konnte, aber das waren meistens fernstehende Menschen, schöne Menschen, die mir irgendwie unerreichbar waren, und bei denen ich dann doch versuchte, irgendeine kleine trügerische Annäherung an sie zu erhaschen.

Als ich so in Gedanken versunken war, erblickte ich plötzlich eine Dame in einem wunderbar anliegenden und doch frei fallenden Samtkleid, die sich mit einer unbeschreiblichen Eleganz auf der Tanzfläche bewegte. Ich traute meinen Augen nicht, denn was ich sah, befriedigte voll und ganz meinen ästhetischen Sinn: hier zeigte sich mir vollkommene Schönheit, wie ich sie noch nie gesehen hatte, und sie bewegte sich anmutig zur Musik, es war vollendeter Tanz, nirgends gab es eine Unebenheit in der Bewegung, alles war gelebte Musik. Die Dame war ganz in schwarz. Der schwarze Samt glänzte manchmal leicht und gab ein seltsames Widerspiel zu dem lebhaft springenden Blick der dunklen Augen, dem harmonisch geschwungenen dunklen Haar, dem überaus edlen Gesicht, dem unbeschreiblichen Mund, dem vornehm matten Teint der Haut, und ich konnte mich kaum fassen vor innerem Getroffensein, vor ästhetischer Begeisterung, aber auch vor menschlicher Rührung. Ich spürte, wie es da in mir plötzlich unheimlich warm wurde, und ich wusste nun mit einem Mal ganz unmittelbar: das ist es, was hast Du gesucht hast, hier möchtest du lieben, und ... darfst es nicht.

Meine Freundin kam mir in den Sinn, und sie wollte mir mit einem Male gar nicht mehr gefallen mit ihrem zu großen Mund, ihren krummen Beinen und ihrer schleppenden Sprechweise. Am liebsten hätte ich mich irgendwo ausgeweint, denn ich wollte doch immer nur das Rechte, wollte nie jemand enttäuschen, wollte halten, was ich versprochen, und dennoch konnte ich mir ein Gefühl nicht vorlügen, das nun, an anderer Stelle, so unvermittelt bei einem phantastischen Augenblickserlebnis in Wallung geriet.

Mit wem tanzte die schöne Dame? Mit einem Herrn, der in keiner Weise ihrer blendenden Erscheinung standhielt! Ich sah auf ihn mit innerem Grimm, denn, ohne dass er etwas dafür konnte, störte er mein Erlebnis, war mir ein Dorn im Auge. Ich wurde auf mich selbst böse, dass ich plötzlich, ohne eigentlichen Grund, so ungnädig gegen den Herrn eingestellt war. Es war, als ob in mir ein innerer Mechanismus in Bewegung gekommen wäre, der jede vernünftige Überlegung ausschaltete.

Mit meinem Freund Franz saß ich am Tisch bei zwei anderen Mädchen aus dem Ort, und wir unterhielten uns über die verschiedensten Dinge. Immer wieder ruhte mein Blick auf der schönen Dame und dabei meinte ich, ich würde etwas Verbotenes tun. Aber gerade deshalb wurde mir das Schauen zu einem so hohen Vergnügen. Musik, Anmut in der Bewegung, Schönheit in der Gestalt, und ein kleiner Schalk im Gesicht, das alles gewahrte ich immer wieder aufs neu an dem angebeteten Fräulein. Und der Herr tanzte oft mit ihr. Ob er es wohl musste, um fremden Bewerbern keine Gelegenheit zu geben?

Ach, ich hatte ja gar keine Ahnung, mit welchen Opfern dieser Herr vielleicht um sein Glück kämpfen musste! Haben denn nicht alle Männer Augen im Kopf?! Aber sicher vereinigt dieser Herr hohe Vorzüge in seiner Person, denn sonst hätte doch dieses bildhübsche Mädchen seine Gunst nicht ihm zugewendet. Oder sollte Geld, oder sonst irgendein Einfluss eine Rolle spielen? Nicht auszudenken wäre ein solcher Sachverhalt! Man darf solche Schönheit nicht schänden mit Geld! Man darf es nicht! Schönheit ist die Brücke zwischen der Welt des Geistes und der sinnlich wahrnehmbaren Welt. Schönheit hat eine hohe Mission auf Erden, sie lehrt den geistigen Menschen wieder glauben, selbst wenn er allen Kinderglauben verloren hat!

Da, was war das? Geschah das aus Zufall, oder hatte ein guter Gott mit eine Gelegenheit bereitet? Die beiden blieben sitzen, der Tanz war schon im Gange. Ich weiß nicht, woher ich den Mut hernahm, aufzustehen und an den Tisch zu gehen, mich zu verbeugen und voll innerer Erregung Dame und Herrn gleichzeitig zu fragen, ob ein Tänzchen genehmigt sei. Ich hätte es sehr in der Ordnung befunden, wenn man mich abgelehnt hätte, ich kein Glück gehabt hätte. Denn mir kam dieses Ansinnen, mit dieser Dame zu tanzen, als wirkliche Vermessenheit vor. Was war ich denn?! Nun ja, ich hatte studiert, hatte einen rechten Beruf, wenn auch erst Studienreferendar. Ich war sehr musikalisch und verfügte über eine gewisse literarische Bildung. Aber war ich schön? Durfte ich mich an die Seite jener Dame stellen? Und doch, wenn ich mich mit dem Herrn verglich, dann fühlte ich mich irgendwie dazu berechtigt. Denn es war mir schlichtweg undenkbar, dass dieser Herr in gleicher Weise den Augenblick zu empfinden vermochte, wie ich es tat. Und war meine Bitte an das Glück nicht bescheiden? War es nicht nur ein Augenblick, eine kurze, trügerische Annäherung an das Glück, was ich ersehnte? !

Ich wusste nicht, wie mir geschah, als sich die Dame erhob und mit mir zur Tanzfläche schritt. Geneigter Leser, kannst Du Dir vorstellen, wie mir war, als ich den Arm dieses Götterkindes berührte. Der Samt brannte mir in den Fingern, und das nahe Gesicht machte meinen Mund förmlich verrückt. Doch da begann der Tanz. Ich kann nicht sehr gut tanzen, doch bin ich einigermaßen taktsicher. Aber wohltuend empfand ich an meinen eigenen Gliedern die melodische Eleganz der Bewegung. Mit diesem Gefühl hätte ich mich ins Bett legen und einschlafen wollen. Ich sprach die Dame an und sagte ihr, dass sie musikalisch sein müsse, wohl auch gar verschiedene Instrumente spiele, und sie bejahte dies alles. Sie käme aus dem Dorf, zu Hause arbeite sie im elterlichen Geschäft und ihr Verlobter sei ein Meister der Musik. Beruflich betreibe auch er irgendeine Unternehmung.

Das Gespräch war in Gang gekommen, meine Zunge verlor ihre Scheu, und ich machte keinen Hehl aus meiner Begeisterung, die ich für meine Partnerin empfand. "Eine Novelle möchte ich schreiben". Und ich fragte sie, ob sie Thomas Mann, meinen Lieblingsschriftsteller, kenne. Und da leuchteten Ihre Augen kurz auf, und ich erkannte, dass ich etwas ganz Persönliches getroffen haben musste. Bei dem Gefühl, dass ich nun eine verschwindend kleine, aber doch eine reale Beziehung zu der Dame hergestellt hatte, begann mein Herz zu jubeln. Eine Novelle wollte ich schreiben, eine Dichtung über die flüchtige Begegnung des Geistes mit der Schönheit. Aber ihren Namen müsste ich dazu wissen. Rita, sagte sie mir, halb schmollend. Von einem spanischen Namen komme dieser Name. Und die ganzen Beziehungen im Werk Thomas Manns zwischen dem südlichen Feuer und Temperament und der nördlichen Geistesklarheit kamen mir in Sinn. Ich fasste das Mädchen fester um die Taille und ließ mich von dem spanischen Namen zu einer schnelleren Bewegung inspirieren. Und wie sie mitging! Wie sie folgte! Wie ihr Gesicht lachte! Wie es mir zublickte!

Doch, die Tour war zu Ende. Der Gott der Rechtschaffenheit, der Ordnung hatte dafür gesorgt, dass das Spiel zwischen Schönheit und Geist nicht zu weit getrieben würde. Die Augenblicksbegegnung war zu Ende. Wir gingen an unsere Plätze, ich bedankte mich, und versank in endloses Träumen und Sinnen. Immer wieder schaute ich auf Rita, manchmal, doch ganz sparsam, lächelte sie mir zu, denn sie durfte ihrem Partner keinen Kummer bereiten. Oh, er hatte es nicht leicht! Einmal musste er sogar einen Tanz ablehnen, den ein fremder Herr seiner Dame angeboten hatte! Armer Mensch, du hast dich auf ein schweres Unternehmen eingelassen! Dein Winzergeschäft muss ständig blühen, du musst viel Geld haben, und dir darf nie die Phantasie ausgehen! Freilich wird dich Rita sehr lieben, man sah es.

Aber wird sie nicht viel öfter standhaft bleiben müssen, als andere, gewöhnliche Mädchen!? Wird ihr Treue nicht viel schwerer gemacht werden, da sie von der Schönheit geküsst wurde?! Ja, Rita, gib deinem Bräutigam einen Kuss und tröste ihn, mache ihn sicher, nimm von ihm die Ungewissheit. Du musst es mehr tun, als andere Mädchen, denn er hat die Neigung zur Eifersucht. Ich habe es gesehen! Noch öfters blieben die beiden am Tische sitzen. Doch ich hütete mich, es noch einmal zu probieren. Ich wollte den einmaligen Eindruck nicht verlöschen. Ich wollte in meinem Herzen bewahren, was mein Gefühl erleben durfte, und wollte still sein und glücklich dafür danken. Und dann nahm ich mir vor, zu schreiben, ein kleines Werk zu schaffen, und es vielleicht meiner angebeteten Rita zukommen zu lassen. Wenn sie es nur liest und ihrem einmaligen Tanzpartner ab und zu einen guten Gedanken widmet, dann möchte ich schon zufrieden sein!

(Nachsatz)

Verehrtes Frl. …
Da ist nun die versprochene Novelle. Vielleicht gefällt sie Ihnen. Ich würde so gerne ein persönliches Zeichen von Ihnen als Erinnerung haben. Ich möchte Sie herzlich bitten, mir vielleicht kurz zu antworten, und mir den Erhalt meiner Geschichte zu bestätigen. Dann hätte ich Ihre Schriftzüge, ein persönliches Zeichen, das mich immer an Sie erinnern soll.
(Meine Post blieb unbeantwortet.)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.10.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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