Gerda Schmidt

Backanleitung für Anfänger

Hellmut hasste es, wenn seine Frau vor oder an den Feiertagen lange arbeiten musste. Er hatte am 2. Advent frei und legte er sich mit einem Buch auf das Sofa. Nach einer Stunde klingelte das Telefon. Seine Frau war am Apparat.
„Hallo Hellmut, leider muss ich heute den ganzen Tag arbeiten und kann mir nicht am Nachmittag frei nehmen.“
„Aber Sonja, deine Eltern kommen doch heute zum Adventsbesuch.“
„Ja, Schatz. Deshalb rufe ich auch an. Könntest du bitte noch schnell einen Kuchen backen? Das wäre lieb von dir“, flötete ihm seine Frau ins Ohr.
„Du weißt doch, dass ich in der Küche zwei linke Hände habe und überhaupt nicht backen kann“, brummte Hellmut zurück.
„Das ist doch gar kein Problem. Nimm dir das Böttcher-Backbuch zur Hand. Dort steht jeder Handgriff ganz genau drin. Damit ist es kinderleicht und selbst der unbegabteste Mensch kriegt damit eine Torte hin. Zutaten sind auch alle fertig vorhanden.“
„Na gut“, ließ sich Hellmut von Sonja überreden und willigte ein. Dann legte er auf und ging in die Küche.
 
Im Regal über der Spüle fand er gleich das genannte Buch. Er blätterte kurz durch die Seiten, bis er das gewünschte Rezept fand. Als erstes stand dort, was man zum Backen alles benötige. Angefangen vom Fettpinsel über den Kuchenschaber bis hin zum Backofen. Na ja, letzteres hätte er auch ohne Angabe vermutet. Dann suchte er die angegebenen Zutaten zusammen. Eier, Butter, Sahne und Hefe fand er im Kühlschrank. Das Mehl und den Zucker hatte er schon mal im Vorratsschrank gesehen. und Backpulver, als auch Vanillin holte er aus der Schublade mit den Gewürzen, wo er auch den Zimt und die Schokostreusel entdeckte. Er stellte alles nebeneinander auf den Tisch und kontrollierte, ob auch nichts fehlte.
Als nächstes heizte er, wie angegeben, den Backofen auf 180 Grad vor. In ihm sollte die Milch etwas angewärmt werden. Mit einem Handmixer mussten nun die Zutaten nach und nach zusammengerührt werden. Zuerst Eier und Butter schaumig schlagen. Das ging aber nicht so einfach, so dass er den Rührer auf volle Stufe stellen musste. Doch er sah trotzdem keinen Erfolg. Also schüttete er die Masse in einen Shaker und startete das Gerät. Leider hatte er vergessen den Deckel auf die Öffnung zu setzen, weshalb ein großer Teil des Inhalts an die Decke schoss.
 
„WOW, das hätte glatt ins Auge gehen können“, sagte Hellmut zu sich selbst und schätzte den Verlust der Backmasse auf etwa ein Drittel ab. Er ersetzte einfach die vermutete Menge und füllte sie nach. Die Decke wollte er später säubern. Als die Mischung wirklich schaumig geworden war, gab er sie, entsprechend der Anleitung, zurück in die Rührschüssel.
Nach etwas Zugabe vom Zucker, Zimt und Schokostreuseln wurde der Teig allerdings etwas klumpig. Irgendwie wollte der Rührer nicht so recht arbeiten.
 
Der folgende Schritt stellte sich als weitaus schwieriger heraus. Das Mehl ließ sich nicht ohne weiteres gleichmäßig unter die Eier-Buttermasse schlagen. Ständig wanderte das staubige Produkt an den beiden Metallstäben nach oben und dann in das Gerät hinein, bis es schlussendlich den Geist ganz aufgab. Als er nochmals im Backbuch nachlas, fand er auch den Fehler. Der Teig sollte mit der Hand geknetet werden. Außerdem hatte er die Milch und die Hefe vergessen. Schnell schüttete er die Flüssigkeit dazu und zerbröckelte das Treibmittel, worauf das ganze schon etwas anders aussah. Er begann nun zu kneten und zu drücken bis er keine Kraft mehr hatte. Es sollte zwar kein Marmorkuchen werden, aber trotzdem sah der Teig ein bisschen so aus.
 
Der nachfolgende Arbeitsschritt war wohl etwas zeitaufwendig. Kein Wunder, dass die Preise in den Konditoreien so hoch ausfielen. Der Teig sollte für 40 Minuten im Wasserbad bei ca. 35°C gehen. Hellmut lief deshalb ins Badezimmer und öffnete den Wasserhahn der Badewanne. Es dauerte gut eine Viertelstunde bis er die große Eckbadewanne gefüllt hatte. Dann zog er sich aus und legte sich samt Rührschüssel in die Wanne. Der warme Wasserdampf und das reglose Liegen machten ihn etwas müde, so dass er einschlief. Als er wieder erwachte sah er das Malheur. Der Teig war zu lange in der Wärme gewesen und über die Schüssel gequollen. Nun schwammen kleine Teigbollen wie Inseln in der Wanne herum. Teile der Schokostreusel waren geschmolzen und hatten sich herausgelöst. Wie kleine Brandmale hatten sich die Partikel auf seiner Haut abgesetzt und nur noch die Hälfte befand sich im Gefäß. Schnell stürmte Hellmut aus der Wanne. Er trocknete sich nur notdürftig ab und füllte den Teig in eine Backform. Dann steckte er sie in den Ofen. In etwa einer Stunde sollte der Kuchen fertig sein.
 
Während er die Küche aufräumte und die Badewanne reinigte, hörte er seine Frau hereinkommen.
„Hellmut, was ist denn hier los und was ist mit dem Kuchen?“ fragte Sonja ihn überrascht.
„Der Kuchen müsste in 50 Minuten fertig sein. Ich habe ihn gerade erst in die Röhre geschoben“, antwortete Hellmut sichtlich gestresst. „Ich wusste gar nicht, dass Backen so anstrengend ist.“
Als Sonja ihren Mann im Licht der Küchenlampe sah, erschrak sie.
„Was ist denn mit Deiner Haut passiert? Dein Gesicht und die Arme sind voll brauner Flecken, als ob du eine Seuche hättest und die Finger sind ja ganz schrumpelig.“
„Ach das sind sicher nur die Schokostreusel, die im Wasserbad geschmolzen sind. Die aufgeweichte Haut kommt vom langen Liegen in der Wanne. Wie hätte ich sonst ein Wasserbad für den Teig einlaufen lassen können. Die Schüssel wäre alleine umgefallen.“
Hellmut klärte Sonja auf, während sie in die Küche gingen. Erleichtert betrat sie den Raum. Dann sah sie die Teigmasse langsam von der Decke tropfen.
„Wie kommt denn die Butter an die Decke?“ Entsetzt schaute sie sich um.
„Ich hatte vergessen den Deckel auf dem Shaker zu schließen. Der Rührer war zu schwach, um die Butter mit den Eiern schaumig zu schlagen. Keine Sorge, ich putze das gleich weg und nächste Woche kaufe ich einen neuen Handmixer.“
Langsam überkam ihn das Gefühl, Sonja sei sauer auf ihn.
„Aber du hast ja auch die Knethaken benutzt, anstatt den Quirlen. Wieso hast du überhaupt die Schokostreusel verwendet, die kommen doch erst nach dem Backen auf den Kuchen. Außerdem solltest du nicht den Zimthefestriezel auf S. 136 backen, sondern nur die Fertigpackung für die Quarktorte auf S.36 anrühren.“ 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.10.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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