Eine wahre Geschichte
Es war wieder einmal alles total stressig: die verwüstete Bude, das Studium und dann dazu noch der Kater vom gestrigen feuchtfröhlichen Abend mit den Freunden. Das ging Basti dröhnend durch den Kopf, als sein Blick auf den Hamsterkäfig in der Ecke der Küche fiel.
“Mist, der stinkt schon wieder. Muss ich saubermachen. Keine Zeit. Jenny arbeitet, kommt in ein paar Stunden schon ….oh fuck!” Am liebsten hätte er sich wieder ins Bett gelegt und alles an sich abprallen lassen. Auch um diesen stolzen Kater in seinem Kopf zu kraulen.
Doch er hatte Jenny versprochen, sich um alles zu kümmern, damit sie, wenn sie abends müde von ihrer Arbeit kam, ein schönes gemütliches Zuhause vorfinden würde. Wenn es aufgeräumt und sauber wäre, wäre es ja auch gemütlich, nur wartete eine superwichtige Vorlesung in der Uni nicht auf ihn, wenn er nicht in der nächsten halben Stunde in die Puschen kommen würde. Gut, Prioritäten setzen, darum ging es zuerst - logischerweise. Leere Flaschen hinter die Tür, schmutzige Gläser ins Spülbecken, und, ach ja, der stinkende Hamsterkäfig!
Er hob den Deckel des Käfigs und sah Mauli in einer Ecke schlafend liegen. “Komm, kleiner Scheißer, Großreinemachen ist angesagt und zwar zackzack!” Mit dem Finger tippte er das kleine Fellbündel leicht an und erwartete eine sofortige Bissattacke. Doch nichts passierte. “Eyy, hallo, weg da, die Müllabfuhr kommt!” Mauli rührte sich nicht, auch nicht, als Basti ihn vorsichtig hochnahm und das reglose Tier auf seiner Hand forschend anschaute. “Nein, nicht doch, nein, Mauli, mach keinen Mist!” Entsetzt legte er Mauli wieder in den Käfig und setzte sich völlig entgeistert auf den Küchenhocker. Auch das noch, jetzt musste er erst einmal Jenny schonend beibringen, dass ihr Schmusetier das Zeitliche gesegnet hatte. Und dann musste er die winzige Leiche möglichst schnell und sauber entsorgen. Nur gut, dass man so nah an der Ruraue wohnte, dort konnte man dem kleinen Nager eine würdige ewige Ruhestätte bereiten. Aus Zeitnot würde er Jenny den Vollzug der zukünftigen Beerdigung schon jetzt mitteilen. Sofort rief er Jenny auf der Arbeitsstelle an und erzählte ihr das Geschehene so schonend, wie es ihm möglich war. Aber seine Möglichkeiten reichten bei weitem nicht aus. Nachdem sie mit dem Schluchzen aufhörte, bat sie Basti doch genau zu schildern, wie würdig Maulis Begräbnis vor sich gegangen war. Basti blickte auf das reglose Fellbündel im Käfig und bemühte seine ganze Fantasie. “Mach dir keine Sorgen, ich hab ihn an einer schönen Stelle an der Rur vergraben und ein Blümchen auf sein Grab gelegt. Ja, hab ihn auch tief genug begraben, damit ihn keine Katze ausgraben kann. Beruhige dich.” Jenny schluchzte: “Und das alles bei DEM Regen. Du musst völlig durchnässt und voller Schlamm sein!” Schniefend dankte sie Basti noch für seine rührende Fürsorge. “Dann bis heut abend, Schatz!”
Gut, das wäre erledigt, nun nur noch das Fantasierte Wirklichkeit werden lassen. Er wickelte Mauli in einige Streifen Klopapier und legte den winzigen Körper vorsichtig in eine kleine Pappschachtel. Das wäre also ein würdiger Sarg. Bei seinen liebevollen Bestattungstätigkeiten fiel sein Blick zufällig auf die Küchenuhr. Entsetzt wurde ihm klar, dass die Beerdigung erst stattfinden konnte, wenn er aus der Uni zurück käme und das wäre später als Jennys Ankunft, die ja erwartete, dass das Tier schon Stunden vorher mit allen Ehren bestattet worden wäre. Wohin also mit dem Kadaver so schnell? Basti schnappte sich seine Uni-Unterlagen und den kleinen Sarg und verließ fluchend die Wohnung. Als er die Treppen hinunter hetzte, hatte er eine blendende Idee: so ein Hamster ist doch ein reines Naturprodukt, sozusagen Öko, also kann man ihn wie Kartoffelschalen auch in der Öko-Tonne entsorgen. Damit wären alle Probleme gelöst und die ausgedachte Beerdigung nur "leicht" variiert. Unendlich erleichtert legte er schließlich die kleine Kiste in die Tonne, die in der Einfahrt zu der Werkstatt stand, über der er und Jenny wohnten. “Ruhe sanft, kleiner Scheißer!” wünschte er Mauli noch und spurtete in strömendem Regen zum Bus, den er so grade noch erwischte.
Unterdessen fegte Kevin, der neue Lehrling von Meister Kunze, gelangweilt die überdachte Einfahrt der Werkstatt und grübelte über einen Ausspruch seiner Freundin nach, dessen Bedeutung ihm jedoch auch in aller Zukunft hoffnungslos verborgen bleiben sollte.Als der Meister Kevin einen strengen Blick zuwarf, fegte er entschieden intensiver weiter, solange der Chef zu sehen war. Dann verfiel er wieder in seine ergebnislose Grübelei. Schließlich war die Einfahrt sauber und Kevin fegte den Schmutz auf eine Schaufel. “Meister, wohin soll ich den janzen Dreck denn tuen?” Meister Kunze begutachtete das Ergebnis der Fegerei und entgegnete:
“Tu et in de Ökotonne, dann isset fott!” Kevin schlurfte gelangweilt zur Tonne und öffnete den Deckel.
“Meister, Meister, der Müll bewecht sich, dat lebt dadrin!!!” Entsetzt ließ Kevin Schaufel und Besen fallen und rannte zu seinem Chef. Der schaute seinen Lehrling zweifelnd an, seufzte und folgte ihm zur Öko-Tonne. Beide blickten vorsichtig über den Rand. In einem Haufen von Kartoffelschalen, Karottengrün und Kohlblättern lag eine kleine Pappkiste, die an einer Seite völlig zerfressen war. Daneben saß, genüsslich ein Stück Möhren knabbernd, der vermeintlich verblichene Mauli und genoss jeden Bissen. Meister und Lehrling guckten sich verwundert an und überlegten, wie das Tierchen wohl da hinein gekommen war.
Meister Kunze konnte sich aber schnell daran erinnern, dass er Jenny vor ein paar Wochen in der Einfahrt mit einem Käfig gesehen hatte. Daraus schloss er, dass das wohl ein Haustier von Jenny und Basti sein musste, das bestimmt aus Versehen im Müll gelandet war. Meister Kunze rief sofort auf Jennys Arbeitsstelle an und fragte sie, ob sie eine Maus oder so etwas vermissen würde. Jenny war wie vom Donner gerührt und konnte ihren Ohren nicht trauen.
Über die nachfolgende Aussprache des Pärchens Basti und Jenny lässt sich folgendes sagen: es war für Basti mehr als etwas unangenehm, gelindegesagt. Dessen schämt er sich noch heute, obwohl Jenny ihm diese "Lüge" verziehen hat.
So kam es, dass die wirren Gedankengänge eines jungen Mannes ihn selbst in größte Verlegenheit stürzten, eine junge Frau erst unglücklich, dann glücklich, aber auch ein wenig nachdenklich machten, viele Leute zum Lachen brachten und zu guter Letzt einem Hamster ein zweites Leben schenkten. Als Moral von der Geschichte bleibt der gute Rat, sich über Haustiere und deren Schlafgewohnheiten beizeiten schlau zu machen ... und seine blühende Fantasie in Zaum zu halten.
© Helene Hages 2011/2018
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.10.2011.
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