Sherin Pojar

Zeitreise

Ich hätte mich gerne von dir verabschiedet, doch dazu haben wir keine Zeit mehr gefunden. Damals. Vielleicht war es gut, vielleicht aber auch nicht, wer kann das schon sagen nach so langer Zeit.

Ich war damals so jung gewesen, hatte keine Ahnung von der Wirklichkeit. Alles was ich wollte war zu leben und frei zu sein.
Alles begann damit, dass ich neu in die Stadt kam. Es regnete an diesem Abend, mein Auto war auf der Landstraße liegen geblieben und ich musste zu Fuß die 20 km bis zur nächsten Ortschaft laufen. Als ich dann irgendwann um Mitternacht die ersten Häuser sah, war ich hundemüde, erschöpft und vollkommen durchnässt. Ich lief bis zur nächsten Pension und klopfte an die Tür. Doch auch nach ein paar Minuten schien niemand mein Klopfen zuhören. Ich wollte mich schon wieder auf den Weg machen, da kamst du mit dem Schlüssel in der Hand, einem Bademantel um den Körper geschlungen und öffnetest die Tür. Du batest mich herein, machtest mir eine heiße Schokolade und batest mich dir zu erzählen was passiert war. Doch ich war zu erschöpft, um dir alles zu erzählen. So erfuhrst du nur was offensichtlich war. Ich hatte kein Geld bei mir, ich musste es wohl auf dem Weg verloren haben, doch du kümmertest dich nicht darum. Du botest mir an oben in einem der Gästezimmer zu übernachten. Und obwohl ich keine Ahnung hatte wer du warst, nahm ich dein Angebot an.

Am nächsten Morgen ließt du mir Frühstück ans Bett bringen. Ich wusste nicht warum du es tatest, aber ich war noch zu erschöpft, um mir irgendwelche Gedanken darüber zu machen. Ich war einfach nur froh ein Dach über dem Kopf zu haben. Später dann kamst du zu mir nach oben und sagtest mir, dass du mein Auto hättest holen lassen, dass du es zu einem guten Freund gebracht hättest, der eine Werkstatt hätte und ich doch nach dem Frühstück dort vorbeischauen sollte.
Als ich eine Stunde später bei deinem Freund vorbeischaute, teilte der mir mit, dass mein Auto bis auf weiteres nicht zu gebrauchen sei, um es einmal höflich auszudrücken.

Nun da war ich also. In einer fremden Stadt, ohne Geld, ohne Job und bis auf weiteres erst mal ohne fernere Zukunft. Aber ich wusste irgendwie würde ich mich durchschlagen. So wie ich es schon immer getan hatte. Mein Leben bisher war ein einziger Witz gewesen, war es eigentlich auch damals noch. Ich war mit 18 bei meinen Eltern ausgezogen, und seither von einer Stadt zur anderen gezogen, hatte mal hier einen Job, mal da. Irgendwie kam ich immer zurecht, auch wenn es nicht immer ganz leicht war. Ein paar Tage bevor es mich dann in deine Stadt verschlug, hatte ich gerade meinen letzten Job als Bardame in einem kleinen Kaff geschmissen, hatte meine Sachen gepackt und bin davon. Einfach abzuhauen war meine leichteste Übung, denn noch nie hatte es jemand gegeben, der mich vermissen könnte.

Bist zu dem Tag an dem ich dich traf, war ich immer rastlos gewesen, konnte mich so glaubte ich immer nur auf mich selbst verlassen und auf niemanden sonst. Ich glaubte allein auf der Welt zu sein, glaubte, dass es niemand gab der mich verstand, denn bisher hatte mich noch niemand wirklich verstanden. Meine Eltern nicht, meine Freunde nicht und auch die Leute mit denen ich arbeitete oder nach Feierabend abhang nicht.

Doch nun gut, ich würde wohl bis auf weiteres hier bleiben müssen, so viel war klar. Ich brauchte also einen Job, denn ohne Geld würde es schwer werden zu überleben. Außerdem wollte ich dir das Geld für die Übernachtung und das Frühstück zurückzahlen. Ich hasste es einfach bei jemandem Schulden zu haben, auch bei dir. Es bot sich geradezu fabelhaft an, dass gegenüber der Werkstatt ein Feinkosthändler eine Verkäuferin suchte.

Als ich einen Job hatte, brauchte ich nun noch ein Zimmer, eine Übernachtungsmöglichkeit. Ich wollte nicht bei dir in der Pension bleiben, denn ich hatte dir schon viel zu viel zu verdanken. Ich wollte nicht von dir abhängig sein. Doch zunächst müsste ich irgendwo anfangen mit suchen. Ich ging also wieder zurück zu deiner Pension, setzte mich unten ins Café und ließ mir die Stadtzeitung geben. Ich wurde schnell fündig. Doch du wolltest mich nicht gehen lassen. Schließlich überredetest du mich doch für einen Monat erst mal bei dir unterzukommen. Du meintest wenn ich dann noch länger bleiben müsse, könnten wir immer noch was Festes suchen. Mir war nicht ganz wohl bei der Sache, doch du warst so charmant, dass ich einfach nicht nein sagen konnte.
Und so zog ich bei dir ein und verstieß damit zum ersten Mal gegen meine eigenen Regeln.

Es stellte sich heraus, dass mein ständiger Wunsch nach Freiheit und Abgeschiedenheit für unser Zusammenleben ein ziemliches Problem waren. Du warst der Typ von Mensch, der immer versucht für alle da zu sein, der immer gut drauf ist und sich nie aus der Ruhe bringen lässt. Und auch vor mir machtest du keinen Halt. Du versuchtest ständig mit mir zu reden, wolltest mir ein guter Freund sein, wolltest einfach für mich da sein. Doch ich verschloss mich davor, wie ich es schon immer getan hatte. Bisher schien es immer der leichteste Weg, den Menschen aus dem Weg zu gehen. Zog man das lang genug durch, gaben die meisten von selbst wieder auf. Und dann hatte ich wieder meine Ruhe, war wieder mir selbst überlassen. Im Laufe der Jahre hatte ich gelernt, dass das der beste Weg war um sich Ärger vom Hals zu halten, der beste Weg nicht verletzt zu werden.
Doch du gabst nicht auf. Du ließt dich einfach nicht abschütteln, egal wie sehr ich mich abschottete und wie gemein ich dich auch behandelte.
Und umso mehr Zeit verging, desto mehr lernte ich dich zu mögen. Und umso mehr ich dich mochte, umso mehr misstraute ich dir und deiner gnadenlosen Freundlichkeit.

Es war an einem Sonntag morgen als meine bisher noch schlummernde Paranoia lebendig wurde. Ich schlief noch, der gestrige Abend war lang gewesen. Um 5 Uhr morgens waren wir endlich eingeschlafen. Um ehrlich zu sein, es war ein schöner Abend gewesen auch wenn ich es dir gegenüber nie zugegeben hätte. Wir hatten uns über Gott und die Welt unterhalten und wahrscheinlich weil ich mich so wohl gefühlt hatte, gab ich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit meine ablehnende Haltung auf und war einfach nur ich selbst. Nach sechs Stunden überwältigte uns dann aber doch der Schlaf.
Es war ein Gefühl was mich schließlich wieder weckte. Das schöne und besänftigende Gefühl einer liebevollen Hand auf meinem Arm. Ich schlug die Augen auf und schaute in deine blauen Augen. Seltsam vorher war mir ihr strahlender Glanz nie aufgefallen. Ich lag auf der Couch wie ich erst jetzt bemerkte, eine kuschelige Decke umhüllte meinen Körper. Vermutlich hattest du mich gestern Abend noch hier her getragen nachdem ich eingeschlafen war. Während ich noch meinen Gedanken ordnete, wünschtest du mir einen wunderschönen Morgen und fragtest mich ob ich immer so schnell aufwachen würde. Ohne mir weiter Gedanken darüber zu machen, bejahte ich und versuchte deinem gnadenlosen Blick auszuweichen.
Erst später am Tag, dachte ich nochmals über das Geschehene nach und umso mehr Gedanken ich mir machte desto elender fühlte ich mich. Was sollte das? Irgendwann bekam ich Panik. Nicht vor dir oder deiner Freundlichkeit, sondern vor mir selbst. Denn nicht die Art und Weise wie du mich geweckt hattest, beunruhigte mich, sondern, dass es mir gefallen hatte.

Als ich gegen Nachmittag in deine Wohnung kam, hatte ich meinen Entschluss schon gefasst. In Windeseile packte ich meine Sachen zusammen, legte den Zweitschlüssel auf den Tisch und schloss die Tür hinter mir. Als ich das Haus mit meinen Koffern in der Hand verlassen wollte, warst du gerade auf den Weg in deinen wohlverdienten Feierabend. Du schautest mich verwirrt und fragend an, doch ich lief einfach weiter, ließ die Tür hinter mir ins Schloss fallen.

Sieben Jahre sind seit diesem Tag vergangen und ich bin in der Zwischenzeit erwachsen geworden. Doch obwohl so viel Zeit vergangen ist und ich mich verändert habe, habe ich während dieser ganzen Zeit nie aufgehört an dich zu denken. Ein paar Mal habe ich sogar daran gedacht, dich zu kontaktieren, aber der Mut hat mich immer wieder verlassen. Und obwohl ich dich einzig und allein ein paar Wochen meines Lebens kennen lernen durfte, ist es mir als würde ich dich mein ganzes Leben lang gekannt haben.
Und nun da ich wieder da bin, muss ich erfahren, dass du fort bist und es keine Möglichkeit gibt, dass du wieder kommst. Nun werde ich wohl nie die Antwort auf die Frage bekommen vor der ich damals geflohen bin. Was wolltest du von mir?

Ich weiß nicht wie die Antwort ausgesehen hätte, werde es wohl auch nie erfahren. Vielleicht ist das gut, vielleicht aber auch nicht, wer weiß das schon.
Sarah wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. Es war stockfinster und der Regen peitschte ihr ins Gesicht. Ohne darauf zu achten trat sie näher heran und fuhr mit den Fingern über die steinerne Inschrift.

„Ich danke dir, für alles“, flüsterte sie, drückte einen Kuss auf ihre Hand und berührte den Grabstein. Plötzlich fuhr ihr der Wind durch ihre Haare und ihr war, als ob etwas über ihren Arm streichen würde. Ein Lächeln trat auf ihr Gesicht. Nun kannte sie seine Antwort.

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Genau als ich aus der Tür trat, fuhr in gemütlichem Tempo mein Mercedes an mir vorbei. Mit meinem Hund auf dem Fahrersitz. Er sah wirklich lässig und souverän aus, fast wartete ich darauf, dass er grüßend die Pfote hob. Ich denke, ich habe in meinem ganzen Leben niemals verwirrter und dämlicher aus der Wäsche geguckt.

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