Helene Hages

Die magische Fahrt

Im Jahre 2002 war schließlich sein Alptraum wahr geworden, denn jetzt hatte die alte Karre, sein rollendes Feuchtbiotop, den Geist aufgegeben und nun musste ein neues Auto her. Ohne jede Diskussion, denn das gute alte Fahrzeug hätte nur zu einem horrenden Liebhaberpreis wieder zum Leben erweckt werden können. Und soweit reichte weder sein Kontostand noch sein Gefühl, das bei weitem nicht mit dem eines Liebhabers zu vergleichen war. Da kam der freudige Gedanke an eine windschnittige Karosserie, einen makellosen Lack, an den Geruch von neuem Auto und vor allem an ein nigelnagelneues Navigationssystem dem Liebhabergefühl schon sehr viel näher.
Ganz verträumt streichelte er zum letzten, allerdings auch zum ersten Mal den Kotflügel seines alten Wagens ehe dieser in der Schrottpresse verschwand und nach kurzer Zeit mit Höllenlärm in Form eines handlichen Kubus die Hinrichtungsmaschine wieder verließ.

Mit dem Bus fuhr er weg von diesem traurigen Ort und war in seinem Kopf schon auf der Autobahn mit 160 Sachen Richtung „Sonst - wohin" unterwegs, während ein Computer seiner Seeligkeit korrekte Anweisungen erteilte, wie er dorthin gelangen könnte. So etwas wollte er als Vielfahrer schon immer haben.

Zuhause wurde die Zeitung gewälzt, die nicht viel zu der Erfüllung seines Traumes beitrug. Ganz anders das Internet ...ein Füllhorn für Kaufwillige. Autos, eines schöner, größer, glänzender und leider auch teurer als das andere. Ihm wurde etwas übel und schwindelig vor lauter Verführungskünsten der Webseiten. Ein Aspirin wäre wohl jetzt das Beste, so dachte er, als ihm ein Angebot wie mit Blinklichtern markiert in die Augen sprang.

Das war es : ein Jahr alt, silbermetallic, Airbags, ABS und ...ein Navigationssystem! Bezahlbar dank eines günstigen Leasingvertrages war´s auch noch, er konnte sein Glück nicht fassen.

Zum Telefonhörer gegriffen, den Anbieter gesprochen, mit ihm verhandelt und einen Besichtigungstermin vereinbart, all das geschah völlig automatisch und wie selbstverständlich. Erschöpft legte er den Hörer auf und lehnte sich zufrieden grinsend zurück. Nun musste nur noch alles so sein wie im Angebot beschrieben, dann würde sein Traum wahr werden.
Auf der Zugfahrt zum Anbieter ließ er sich noch einmal alles durch den Kopf gehen und stellte fest, dass er völlig überzeugt war das Richtige zu tun. Ein Hauch Schicksal schien ihn zu streifen, denn er erschauerte unter einer unerklärlichen Gänsehaut.
Die Probefahrt begeisterte ihn lückenlos, auch das Navigationssystem funktionierte einwandfrei. Der Handel war perfekt. Nach einem Essen mit dem Verkäufer besetzte er nun im wahrsten Sinne des Wortes seinen neuen Wagen und strich erst einmal fast zärtlich über das Lenkrad. Dann ging es los nach Hause. Lächelnd stellte er sich vor, wie wohl die Jungs und seine Frau auf das schnittige Fahrzeug mit all diesem Komfort reagieren würden. Mit Hilfe seines Pfadfinders war es ein Klacks von dieser fremden Stadt den Weg nach Hause zu finden.-
Die Jungs hüpften um den Wagen laut johlend herum und quengelten um eine Probefahrt. Er legte seinen Arm um seine staunende Frau und betrachtete selbstzufrieden lächelnd die Szene. Im Wagen waren die Söhne unerwartet still, denn sie lauschten aufmerksam der Stimme des Navigationssystems. Da fiel ihm auf, dass es sich um eine sehr angenehme weiche, aber klare Frauenstimme handelte. Noch zufriedener beendete er die Runde und jagte die zwei, die im neuen Auto übernachten wollten, aus seinem Wagen heraus.
Am nächsten Tag begann er beschwingt seine Arbeit, für die sein Wagen unverzichtbar war. Die Zeit verging wie im Flug, und eh er es sich versah, war der Tag herum und Lili, so hatten die Jungs die Stimme aus dem Computer genannt, leitete ihn schlafwandlerisch sicher nach Hause.
Die Tage, Wochen flogen dahin. Er musste weit und lange fahren, um seine Aufträge zu erledigen. Doch er war glücklich und zufrieden, saß er in seinem Wagen, lauschte Lilis Stimme und folgte ihr aufs Wort. Mittlerweile gab er ihr scherzhaft Antwort, bezweifelte ihre selbstsicheren Wegbeschreibungen, lächelte vor sich hin, wohl wissend, dass er nur in seiner Einsamkeit hinter dem Steuer mit dem Navigationssystem spielte. Doch mit der Zeit, nachdem einige Aufträge schief gegangen waren, brauchte er Lili, die ihm zusammen mit den tröstenden Worten seiner Frau über das Handy neuen Mut und Schwung verlieh. Zuweilen meinte er in Lilis Stimme Zuneigung zu erlauschen, schüttelte aber den Kopf und tippte sich an die Stirn, sagte sich, er sei ein dummer Narr und lachte.

Dann kam die Sache mit Sandelmann & Sohn. Ein großer, ein sehr großer Auftrag. Er besorgte sich das Material, ging bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten und ...scheiterte. Der Auftrag wurde unerklärlicherweise zurückgezogen, das Geld war weg ...seine Existenz am Abgrund.
Niedergeschlagen setzte er sich in sein geparktes Auto, seufzte schwer, legte den Kopf auf das Lenkrad und weinte das erste Mal seit seiner Kindheit. In seinem Kopf formten sich düstere Gedanken.
„Joachim!"
Er hörte auf zu weinen und schaute sich erstaunt um. Da war niemand. Es war dunkel, der Parkplatz leer, er war allein in seinem Auto.
„Joachim, mein Lieber!"
Das war doch Lilis Stimme. An seinem Verstand zweifelnd überprüfte er das Zündschloss, das Navigationsgerät...
„Du träumst nicht, ich bin´ s, Lili."
Joachim schaltete das Navigationsgerät an und wieder aus. Lili lachte. Das hatte sie noch nie getan. Er schluckte schwer
„Das ist unmöglich, das gibt es nicht!"
stammelte er.
„Ja, das gibt es nicht. Stimmt. Und doch ist es so."
Lili lachte wieder ihr perlendes Lachen.
„ Nimm es doch einfach so hin."
Ihre Stimme klang aufmunternd, fast meinte er ein sanftes Schulterklopfen zu spüren. Er räusperte sich und lehnte sich im Sitz zurück.
„Mm, also, und nun? Hab ich jetzt ein sprechendes Auto und kann damit im Zirkus auftreten, und dann damit meine Brötchen verdienen?"
entfuhr es ihm bitter.
„Nein, niemand sonst kann hören, dass ich mit dir spreche, und es ist auch nur diese eine Mal, dass Du mit mir reden kannst."
Leichte Traurigkeit schwang in Lilis Worten mit. Joachim begann vor Verblüffung zu lachen, laut und immer lauter. Tränen liefen seine Wangen hinunter und er rang nach Luft. Lili lachte mit ihm.
„Ja, Lili, was wird nun? Steigst du jetzt aus dem Kasten heraus und wir brennen durch?"
kicherte er unbeherrscht.
„Verführerischer Gedanke, mein Lieber, aber das ist nicht das, wozu ich da bin. Meine Aufgabe ist es, dir deinen Weg zu zeigen, weißt du noch?"
Lilis Stimme klang fast zärtlich.
„Wer bist du? Diese Stimme gehört doch zu einer realen Frau!"
empört setzte Joachim sich auf und überprüfte das Armaturenbrett auf versteckte Mikrofone und ähnlichem.
„Ich liebe solche Spielchen nicht!"
stellte er mit harter Stimme klar.
„ Das ist kein Spiel, nur eine neue Chance."
erwiderte Lili sanft.
„Starte den Wagen und folge meinen Worten, bitte."
Joachim zuckte die Schultern von sich selbst als Kandidat fürs Irrenhaus überzeugt, tat, wie Lili ihm geheißen und ließ sich von ihrer ruhigen, lieben Stimme wie immer durch die Strassen leiten. Wie immer, nur nicht ganz so sachlich, weil sie hier und da ein „mein Lieber" oder ein „bitte" und „ich danke dir" einfließen ließ.
„Nach 200 Metern den linken Spuren folgen ,...mein lieber Joachim."
säuselte sie. Er tat wie ihm geheißen, folgte ihr wie immer aufs Wort. Zwischen den Anweisungen plauderten sie ein wenig und Lili brachte ihn oft zum Lachen. Seine Verzweiflung wich einer seltsamen Art von Fröhlichkeit je länger sie fuhren. Schließlich bemerkte er, dass ihm die Umgebung selbst im Dunkeln bekannt vorkam. Lili hatte ihn kilometerweit im Kreis herumgeführt, und sie landeten wieder genau auf jenem Parkplatz, auf dem Joachims seltsames Abenteuer begonnen hatte.
„Schalte bitte den Motor aus, Joachim."
forderte Lili ihn auf. Als der Wagen stillstand, fragte Joachim sich, warum sie ihn an diesen unglückseligen Ort zurückgebracht hatte.
„Ich verlasse dich nun, mein liebster Joachim. Ich bin immer hier für dich, und doch unerreichbar. Lebe wohl!"

Das Geräusch eines gehauchten Kusses war das Letzte, was Joachim von Lili hörte. Dann erlosch das Display des Navigationssystems. Fast panisch drückte Joachim alle Knöpfe, um diese Stimme wieder zu hören, und richtig, der Computer gelangte zu neuem Leben.
„Lili, bleib bitte, was soll ich denn jetzt tun? Bitte, Lili!!!"
Er umklammerte das Gerät.
„Bitte geben Sie den Bestimmungsort ein."
Ja, das war Lili, aber so wie sonst, sachlich und geschäftsmäßig. Die Lili mit dem zärtlichen Unterton in der Stimme war verschwunden.
Völlig verwirrt saß Joachim in seinem Sitz und starrte durch die Windschutzscheibe in die Nacht. Er erschreckte fast zu Tode, als jemand an sein Fenster klopfte.

„Oh, welches Glück, dass ich Sie noch erwischt habe, Herr Keller, könnten sie bitte noch einmal zu uns ins Büro kommen, wir haben einen Fehler bezüglich Ihres Auftrages entdeckt."
Der völlig außer sich geratene Prokurist der Firma Sandelmann & Sohn flehte ihn fast an, ihm zu folgen.
„Wenn Sie schon abgereist wären, hätte ich schweren Herzens den zweiten Bewerber beauftragen müssen, aber so wendet sich für uns doch noch alles zum Guten. Was für ein Glück, Herr Keller. Ich dachte schon, Sie wären auf und davon."
Erleichtert wischte sich der Prokurist den Schweiß von der Stirn.
„Ich weiß, was eine endgültige Absage für Sie bedeutet hätte, Herr Keller. Ich war auch einmal selbstständig.- Leider habe ich diese lange Zeit, die sie warten mussten, gebraucht, um die Herrn vom Aufsichtsrat zu überzeugen. Meine Güte, ein Glück, dass Sie nichts Unüberlegtes getan haben."
Die Worte sprudelten nur so aus des Mannes Mund und Joachim konnte vor Erleichterung ein breites Grinsen nicht vermeiden.
Der Auftrag war unter Dach und Fach. Joachim gelangte mit Lilis Hilfe wieder sicher und ohne Umwege nach Hause.
Aber er vergaß nie die nächtliche Odyssee auf Lilis Geheiß, die ihm vielleicht nicht nur den Job gerettet hatte.

ã 2003/2011 Helene Hages



 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.10.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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