Samstag, 15. 10. 2011
Wie immer ist Mittagessen bei den Eltern angesagt. Als Gegenleistung
wird Rasen gemäht, Hof gefegt und ein paar ähnliche Kleinigkeiten und
Reparaturen erledigt. Mama kocht gern für ihre Kinder, Papa freut sich
über jede Hilfe, seitdem es ihm nicht mehr so gut von der Hand geht,
ich freue mich übers Essen und erhalte die Familienbande ohne großen
Einsatz, der mir nebenbei die Konversation, die Auseinandersetzung
erspart. Auf diese Weise verstehen wir uns blendend.
Auf dem Weg fährt man am Park vorbei. Er ist komplett mit Trassierband
abgesperrt. Der kleine Parkplatz anbei ist voll mit Polizeiwagen. Mein
erster Impuls ist anhalten, schauen, umkehren, abhauen. Dein Herz hatte
circa drei Aussetzer, der Hunger weicht einem flauen Gefühl in der
Bauchgegend und eigentlich müsstest du schnell an den nächsten Baum,
pinkeln. Oder solltest du dich gleich aufhängen?!
Direkt vor mir wird die Absperrung geöffnet und ein Leichenwagen auf
die Straße gewunken, um den Ort zu verlassen. Immer ein komisches
Gefühl, wenn ein Leichenwagen vor einem fährt. Eine Faust drückt schwer
auf meinen Magen, eine zweite hat mein Herz fest im Griff. Ich habe mein
Lenkrad fest im Griff, Blase und Darm voll unter Kontrolle. Die schwarze
Gardine im schwarzen Wagen bewegt sich wie schwarzes Haar im Wind. Im
Kreisverkehr drehe ich eine Extrarunde, um Autos zwischen mich und dieses
düstere Omen zu bringen. Ich bin nicht abergläubisch. Das Beste ist, den
Tagesablauf nach Plan fortzuführen. Das lenkt ab und gibt ein gutes Essen.
Der Appetit ist dir vergangen.
He. Schwarzes Auto. Schwarze Seele. Komm hoch. Was ist geschehen.
Nichts! Es war nichts. Es wird nichts. Der Rasen wird vielleicht das
letzte Mal gemäht von dir. Dieses Jahr. Mensch, keep cool. Dreimal
die flache Hand vor die Stirn geklatscht. Tatsächlich kommt etwas
Ordnung dahinter.
Tag Mama. Hej Dad. Alles klar? Wie geht’s? Mir geht’s gut. Blass?
Quatsch. Hatte die Woche etwas Probleme mit dem Darm. Immer
noch. Und schon sitzt du wieder allein auf dem Klo. Das Essen ist gut,
nur ich mag es nicht.
Die Verschwundene?
-Kanntest Du die? War ein Jahr jünger als Du. Ist eine Freundin
von der Nachbarstochter. War doch hier zur letzten Gebutstagsparty
deiner Schwester-
Nee, weiß ich nicht. Vielleicht war das ja auch kein besonders gutes
Photo. Ich will einfach nicht darüber reden. Ist es ein Fehler, wenn ich
nicht jedem auf die Nase binde, dass ich die letzte Stunde mit ihr
zusammen war?
Beim Rasenmähen plötzlich große Aufregung auf der Straße. Die Leute
stehen zusammen, meine Eltern darunter. Gibt’s was umsonst? Scheinheilig.
-Die Meike ist tot, ermordet-
-Nein- das war ich.
-Nein- das war die Nachbarstochter. Sie bricht zusammen.
-Nein- das war noch mal ich, -mit so was macht man keine Scherze-
Aber die Sache ist ernst. Ich habe den Leichenwagen gesehen. Soll ich
schon mal anmerken, dass sie betrunken war. Lass den Nachbarschaftsklatsch
unter sich, mäh den Rasen zu Ende und fahr.
-Deine Freundin? Tut mir leid- kann ich der Nachbarstochter noch
vermitteln als sie mit mehreren jungen Frauen das Haus verlässt.
Der Park ist immer noch abgesperrt. Menschen in weißen Overalls irren
zwischen den Büschen umher. Du kannst der Versuchung anzuhalten
widerstehen und fährst nach Hause. Jetzt wird’s ernst. Du bist allein.
Kannst denken. Musst jetzt denken. Ihr folgen. Wozu. Du bist allein.
Du musst noch mal essen, weil das von heute Mittag nicht drin bleibt.
Du machst den Panther, rennst im Kreis, weil du nicht still sitzen kannst.
Die Schläge mit der flachen Hand auf die Stirn reichen nicht mehr,
um noch Ordnung zu bringen. Erfolgreicher ist es, die Stirn gegen die
Tür zu hauen. Schlafen kannst du die Nacht wohl wieder vergessen.
©Ewald Frankenberg
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.10.2011.
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