Tonia Drudo

Das Testament in der Thermoskanne

Gemälde – Thermoskanne – geheimnisvoll – Testament – Fossil

Mit einem geheimnisvollen Blick packte der Notar das Testament des kürzlich verstorbenen Lord Westlake – welcher zum Ende hin von den Leuten nur noch „das alte Fossil“ genannt wurde – aus der Thermoskanne aus. Jetzt ging es um alles – wem hatte der Lord wohl das kostbare Gemälde vermacht?

Postkarte – verwirrt – Sand – Glühwürmchen – Taschenrechner

Lord Westlake war die letzten Monate vor seinem Tod sehr verwirrt gewesen, was die Testamentseröffnung noch spannender machte. Mögliche Erben waren der langjährige Butler der Lords, die Enkelin und der habgierige Neffe, der schon während der Notar das Testament verlas wild auf seinem Taschenrechner tippte, um auszurechnen, welchen Gewinn er mit den Gemälde machen könnte. Als der Notar das Testament aus der Thermoskanne holte, fielen auch eine Postkarte aus Bora Bora und etwas Sand aus der Thermoskanne. Der Notar beachtete aber erst nur das Testament und begann zu lesen: „Hiermit vermache ich meine Sammlung getrockneter Glühwürmchen meinem Neffen Hugo.“

Geschenk – Schlafanzug – Kürbis – charmant – Laterne

Hugo wurde blass. Schon sah er sich als armer Schlucker mit nur einem Schlafanzug bekleidet durch die schmutzigen Gassen Londons irren. Als er sich vorstellte, wie er als letzte Mahlzeit eine Kürbissuppe von einer mitleiden Seele vor drei Tagen bekommen hatte, rann ihm eine Träne über die Wange. Dann sah er die Enkelin, eine charmante junge Frau, an. „Ich geb dir die Sammlung als Geschenk!“, rief er enthusiastisch aus. „Dann sparst du dir nachts eine Laterne!“ Verwirrt erwiderte die Enkelin: „Hallo, die Glühwürmchen sind getrocknet! Das heißt, sie leuchten nicht mehr…!“

Whisky – Schmuggler – Teppichklopfer – heiraten – gekünstelt

Der Notar fuhr fort mit der Testamentverlesung. „Damit mein Neffe aber nicht komplett leer ausgeht vermache ich ihm zusätzlich meinen antiken Teppichklopfer aus dem Jahr 1843.“ Gekünstelt sagte Hugo: „Das ist aber nett von meinem lieben Onkel, er wusste schon immer wie sehr ich daran hänge.“
„Meine Whisky-Sammlung vermache ich meinem treuen und langjährigen Butler James. Wenn er es richtig anstellt, kann er den Whisky als Schmuggler gut nach Russland verkaufen und hat damit ausgesorgt.“ James sagte nur trocken: „Seine arme Lordschaft war wirklich sehr verwirrt am Ende seiner Lebzeit.“ Die Enkelin musste grinsen. Ihr Großvater hatte ihr sogar eine Woche vor seinem Tod noch mitgeteilt, dass er bald heiraten werde.

Klaviernoten – Krone – Tutu – Duschgel –Fernbedienung

Während nun James noch über seinen geerbten Whisky nachdachte – naja, er könnte ihn tatsächlich über die Grenze schmuggeln, wenn er ihn vielleicht in Duschgel-Flaschen umfüllte – klingelte es an der Tür. Mit einer Fernbedienung öffnete der Notar die Tür. Hereingetänzelt kam eine überschminkte Frau mittleren Alters. Sie trug ein blassrosa Tutu und balancierte auf dem Kopf einer Burger King-Krone. „Ah, guten Tag Lady Dunsmore. Dann sind wir ja nun komplett.“ An die anderen gewandt sagte der Notar: „Darf ich vorstellen: Lady Dunsmore, Verlobte des verstorbenen Lord Westlake. My Lady, ich soll Ihnen auch ein Liebeslied, komponiert von Seiner Lordschaft, überreichen. Hier sind die Klaviernoten.“ Während der Rest der Familie erblasste, drehte Lady Dunsmore entzückt eine Pirouette.

Wasserfall – Lava – übellaunig – zerschlagen – Versprechen

Die Familie konnte es nicht fassen, das alte Fossil hatte also wirklich vorgehabt zu heiraten! Nun hatten sich die Träume des habgierigen Neffen Hugo endgültig zerschlagen. Er wird ihr natürlich das Gemälde vermacht haben, dachte er sich und übellaunig verließ er den Raum. Während Lady Dunsmore weiter ihre Pirouetten drehte und weitere Ballettübungen zum besten gab, las der Notar das Testament weiter vor: „Meiner über alles geliebten Verlobten Henriette habe ich das Versprechen gegeben sie zu heiraten. Dieses Versprechen konnte ich leider nicht einhalten. Was ich ihr vererbe kann der beiliegenden Postkarte entnommen werden.“ Der Notar griff zu der Postkarte aus Bora Bora und las vor: „Ich vermache dir mein Ferienhaus auf Bora Bora mit dazugehörigem Wasserfall und angrenzendem Vulkan. P.S. Der Vulkan ist nicht mehr aktiv, du brauchst dir also keine Sorgen um die Lava zu machen.“
Aber wem hatte er denn jetzt das Gemälde vermacht?

Eidechse – Magentropfen –Tränen – Freudensprung – Geschenkpapier

Lady Dunsmore schien das Gemälde nicht sonderlich zu interessieren. Sie legte kaum eine Pause zwischen ihren unentwegten Freudensprüngen ein; bloß um einmal kurz zu quietschen: „Bora Bora! Dort gibt es Eidechsen! Ich liebeEidechsen!“ Jetzt wurde es der Enkelin wirklich zu viel und sie hatte das Gefühl Magengeschwüre zu bekommen, weshalb sie Magentropfen einnahm. Der Notar atmete tief durch und las laut (um Lady Dunsmores Quietschen zu übertönen) den Rest des Testaments vor: „Mein kostbares Gemälde habe ich verkauft und den Erlös in Geschenkpapier gesteckt, welches zwischen meiner Familie gleichmäßig aufgeteilt werden soll, damit sie bis an ihr Lebensende mit Geschenkpapier versorgt sind…“ Hier brach der Notar die Verkündigung ab und brach in Tränen aus. „Ich hab mir auch immer Geschenkpapier gewünscht…!!!“
Und so endet diese Geschichte recht traurig. Ein Rätsel bleibt: Wie heißt eigentlich die charmante Enkelin?

Zur Erklärung dieser Geschichte:

Es war ein Spiel meiner Freundin und mir um etwas unsere Kreativität
herauszufordern. :)

Es ging so, dass der eine dem anderen jeweils 5 Wörter genannt hat,
womit der andere eine Geschichte daraus bilden musste. Und dies ist
nun dabei herausgekommen.

Es macht übrigens sehr viel Spaß - probiert es selbst einmal aus!

Übrigens haben wir einen "Schreibclub" als Freundinnen gegründet.
Wenn ihr also Lust auf mehr habt, schaut mal unter:

http://ichmichich.wordpress.com/
Tonia Drudo, Anmerkung zur Geschichte

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Tonia Drudo).
Der Beitrag wurde von Tonia Drudo auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.10.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  Tonia Drudo als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Initiation und Liebe in Zaubermärchen: Eine Brücke zu dem alten Wissen von Jürgen Wagner



9 europäische Initiationsmärchen über die Einweihung in wesentliche Aspekte des Lebens, vorgestellt und ausgelegt

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Humor" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Tonia Drudo

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Sprachschwierigkeiten als Ausländer - meine Erfahrungen von Tonia Drudo (Multi Kulti)
Sex ist eigentlich... von Christiane Mielck-Retzdorff (Humor)
Rettende Begegnung von Christa Astl (Autobiografisches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen