Mittwoch, 19.10.2011
Ich schlafe gut und träume nicht. Nach der überstandenen
Konfrontation mit der Polizei bin ich auch ruhiger und gelassener.
Die Zeitung meldet, dass man vielen Hinweisen und Spuren folgt,
dass aber keine heiße Spur dabei ist. Ich weiß nicht, ein geschickter
Schauspieler kann die Ermittler sicher täuschen. Sie sind doch wohl
sehr auf die Reaktionen ihrer Gegenüber angewiesen, wenn es keine
direkten Zeugen der Tötung gibt. Ich war ihnen gegenüber offen,
habe alles gesagt, nicht den Eindruck erweckt, du hättest etwas
zu verbergen.
Was sollte das Rumgereite auf dem Thema Sex? Hätte ich ja gesagt,
wäre ich dann Tatverdächtiger Nummer eins? Aber das kann ja nicht,
wir hatten keinen Sex. Und wenn ich, nur weil ich es mir gewünscht
hätte, ja gesagt hätte, wäre ich einer Lüge zu überführen gewesen
und man hätte mir fortan kein Wort mehr geglaubt. Solche Überlegungen
sind sowieso müßig, das ist hier schließlich kein Spiel, sondern die brutale
Wirklichkeit.
Tatsache ist: die tote Frau im Park; Tatsache ist: wir sind zusammen
gesehen worden und ich muss davon ausgehen, dass in Tatortnähe auch
Spuren von mir gesichert wurden. Wohl keine Spuren mit Beweiskraft,
denn ich gebe ja unumwunden zu, dort gewesen zu sein und nehme damit
jedem Verdacht den Wind aus den Segeln. Überzeugend. Heute lässt
sich keiner bei mir sehen, um die Fragen zu stellen, die meiner Meinung
nach noch wichtig gewesen wären zu beantworten. Ich könnte aber auch
keine zufriedenstellenden Antworten bieten. Mit Sicherheit hat mich
keiner vor der Tat allein nach Haus kommen sehen. Die genauen Zeitabläufe
habe ich auch nicht im Kopf, so dass ich mit meinen vagen Aussagen hoffen
muss, durchzukommen. Mal ehrlich: wer minutiös präzise seine Zeitabläufe
auflisten kann, der hat doch bestimmt ein Alibi nötig, also wirken meine
Lücken doch eher unverdächtig.
-Hej, Killer-
-Hej, Arschloch-
Mir läuft es kalt den Rücken runter, als ich in der Firma so begrüßt werde.
Trotzdem konnte ich so cool kontern. Ein Besuch von der Polizei und du bist
gebrandmarkt. Dann auch noch mit einem solchen Stempel.
Sexualtat.
Hat sich das Verhalten der Leute mir gegenüber verändert nach dem
behördlichen Interview? Stecken sie hinter meinem Rücken die Köpfe
zusammen, höre ich hinter mir Flüstern, wenn ich vorbei bin? Ganz deutlich
spüre ich es in der Kantine in der Schlange vor der Essenausgabe. Der
Abstand zum Vordermann, und erst recht der Abstand zu der Frau hinter
mir ist deutlich vergrößert. Keine flüchtigen Berührungen mehr im
Vorbeigehen. Keine Blickkontakte mehr. Der Blick des Gegenübers
verdreht sofort zur Seite oder geht zu Boden. Wo bleibt da die gesetzlich
festgeschriebene Unschuldsvermutung? Ein Polizeiverhör reicht aus zur
Schuldvermutung.
Heh, sehe ich aus wie ein Mörder; hältst du mich für einen Mörder?
Was bildest du dir ein! Menschen sterben nun mal. Unfall, Herzversagen,
Gewalttat. Ihr wisst doch nichts. Ihr wart nicht dabei.
Mord steht in der Zeitung. Vergewaltigung. Was wollt ihr? Genau das wollt
ihr doch. Hier vorsichtig Abstand markieren. Angst vor mir? Und dann daheim:
den, der das getan hat, den kenne ich, der arbeitet bei uns, Kollege,
Kneipenbekanntschaft, schon Bier mit getrunken, mein Ex-Freund, ich hab
schon mit einem Mörder geschlafen.
Was bildet ihr euch ein? Nur weil es in der Zeitung steht! Nur weil einmal
die Polizei da war. Ich muss wieder auf die Toilette. Du regst dich zu sehr auf.
Bleib ruhig.
Arbeiten macht keinen Spaß mehr. Die Freunde besuchen. Aber von einem
Freund erwarte ich, dass er direkt fragt: –hast Du damit zu tun?- Wie würde
ich dann reagieren? Ja sagen. Scherzen. Abwehren. Lügen. Die Freundschaft
aufkündigen. Nein. Ich will mit der Frage nicht konfrontiert werden. Auch
für mich gilt mir gegenüber die Unschuldsvermutung, bis der Richter die
Schuld feststellt.
©Ewald Frankenberg
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.10.2011.
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