Ewald Frankenberg

Tagebuch (Chapter M)

Freitag, 21.10.2011

Das bedeutete natürlich wieder eine schlaflose Nacht.
Ausschlussverfahren. Wenn ich mir sicher bin, die richtige
Antwort zu haben, brauche ich keine anderen mehr
auszuschließen. Die Zeitung bestätigt meine Anamnese

     –Der Verdacht konnte nicht erhärtet werden.
                     Ex-Freund entlassen-


Das bedeutet im Klartext, Meikes Mörder läuft frei herum.
Was erwartest du denn? Meine Maxime lautet immer: im
Zweifel für den Angeklagten. Politisch wäre es bestimmt
besser, einen Verdächtigen einsitzen zu lassen, bis er sich
vielleicht erhängt. Die Bevölkerung wäre beruhigt, du
könntest wieder schlafen.

Was erwarte ich von einem Mörder? Ich denke immer, man
muss zu allem stehen können, das man tut und zu allem stehen,
das man getan hat, das geschehen ist, egal was und wie schlimm,
und man muss natürlich die Konsequenzen auf sich nehmen
und ertragen.

Ehrlichkeit ist eines meiner höchsten Ideale. Trittst du sie
mit Füßen? Bist du immer ehrlich gewesen im Zusammenhang
mit dieser Geschichte? Hast du alle Fragen ehrlich beantwortet?

Die, die im Ernst gestellt wurden: ja. Warum fragt keiner, ob
ich sie getötet habe? Immer dieses vorsichtige Drumherumkreisen
auch von Seiten der Ermittler. Bin ich überhaupt noch ehrlich zu
mir selbst?

Früher wurde einem bei schweren Verfehlungen immer die
Möglichkeit eines ehrenwerten Abganges geboten. Unauffällig
blieb eine Waffe mitten auf dem Tisch liegen. Das war ein Ausweg,
den ich immer auch als meinen Weg gesehen habe, sollte ich einmal
in die Verlegenheit geraten, einen Menschen getötet zu haben.

Und was machst du? Bist du erst in einer Geschichte drin, sieht
alles gleich ganz anders aus. Kennt man sich wirklich so schlecht,
dass man nicht vorhersehen kann, wie man sich tatsächlich verhält?
Ich habe jemanden getötet. Es tut mir leid, es lässt sich nicht mehr
ändern. Richtet mich. Kriegen sie dich? Du hoffst auf keine Spuren.
Du hoffst, du kommst durch. Du hoffst gar immer noch, dass das
alles nicht wahr ist. Nächste Fete steht Meike an der Theke, winkt
dir zu, ihr trinkt ein Bier zusammen.

Vielleicht hast du Glück. Muss jemand überhaupt bestraft werden,
der ohne Vorsatz, ungeplant, aus Versehen, unbewusst jemanden
tötet? Das Leben mit der Tat, ist das nicht Strafe genug? Eine
Wiederholung scheint ausgeschlossen. Ich weiß, durch meine Hände
wird in aller Zukunft keiner sterben. Sinkt die Hemmschwelle,
wenn man erst einmal getötet hat? Nein, im Gegenteil, man wird
vorsichtiger, hält Abstand, rührt keinen mehr an. Nicht einmal sich
selbst, obwohl man es sich als logische Folge fest vorgenommen hatte.

Ich lasse warmes Wasser in die Badewanne ein. Schau in den Spiegel.
Geht das noch? Magst du dich noch sehen? Ich sehe immer noch den
Menschen, mit dem ich groß geworden bin. Die kleinen Fehler und
Irrtümer im Leben, die ihn zu dem haben reifen lassen, der er ist.
Na klar, nicht vollkommen, aber doch irgendwie liebenswert, seine
Macken, seine Schrullen.

Was hat sich verändert? Die Augen lachen nicht mehr. Ringe unter
den Augen. Die Haare nicht mehr in Form. Aber nicht mehr liebenswert?
Mensch! Einhundertundachtzig Sekunden, die genau so wenig geplant
waren, wie all die Irrungen vorher; die genau so wenig ungeschehen
zu machen sind wie die Jahrzehnte vorher; die ausreichen, dir in den
Augen des Volkes alles menschliche zu nehmen, die dich zu einem
Monster machen. Keiner mehr, der fragt: wen liebst du? Nur noch
ausgestreckte Zeigefinger, die auf dich gerichtet sind. Schlagzeilen,
die auf dich gerichtet sind. Und alles schreit halb versteckt, halb offen:
tötet ihn. Kreuzige ihn.

Seid ihr besser, Mütter, Väter, Kinder die zu Autofahrern heranwachsen?
Zum Töten gehören immer zwei. Wer trägt mehr Schuld und wer trägt
mehr Leid? Der Tote hat es hinter sich. Ist es nicht ehrenwert für einen
Toten, sein Herz, seine Niere als Austausch für kranke Organe zu geben?
Ist es nicht ehrenwert für einen Toten, seine Unschuld für eine zerstörte
Unschuld zu geben, um Leid zu mindern?

Das Leid meiner Eltern, auf die sich auch Finger richten. Was denken
Mama und Papa? Papa wird auf Abstand gehen: so kenne ich den Jungen
nicht, das hat er nicht von mir. Mama nimmt mich in den Arm, während
in ihr die Frage nagt: was habe ich falsch gemacht? Frag mich, Mama,
dann kann ich dich von aller Schuld freisprechen. Frag mich, aber lass
mich nicht los! Nicht in das kalte Loch, das wartet.

Mein Badezimmer, jetzt schwadenverhangen, misst drei mal vier Meter.
Ich stelle eine Flasche Lieblingswein und ein Glas auf das Wannentablett,
fülle es. Drei mal vier Meter, die du dir zu zweit teilen müsstest.
Menschenunwürdig. Das gibt Mord und Totschlag. Ha Ha Ha.

Ich durchforste mein CD-Regal nach einem geeigneten Soundtrack für
mein warmes Bad. Fun House von den Stooges. Das Telefonklingeln
ignoriere ich. Das wird die Firma sein. Ich fehle unentschuldigt. Das
erste Mal. Undenkbar. Was ist richtig, was ist falsch? Zu viel Arbeit
bedeutet zu wenig Leben. Anerkennung von der falschen Seite. Habe
ich meine Persönlichkeit zu sehr durch berufliche Erfolge definiert?
Was, wenn ich mehr Zeit investiert hätte, den Menschen in mir zu
entwickeln? Erfolge im Leben, Liebe geben an die Frau, an unsere
Kinder. Lachen, spielen, leben.

Was wäre dann anders geworden? Du wärst vor zwei Wochen nicht
so zwanghaft unterwegs gewesen, die Lücke zu füllen, die fehlende
Wärme, fehlende Zärtlichkeit, fehlende Liebe in deinem Leben lässt,
und deren Füllstoff du immer in einem nackten Frauenkörper zu
finden glaubtest. Irrtum.

L.A. Blues ist das zu genaue Abbild des momentanen Zustandes in
meinem Kopf. Das kann ich mir jetzt nicht auch noch antun. Raus
damit aus dem Player. Die CD zerbricht in meiner Hand. Die Musik
hat eine zu zerstörerische Wirkung auf mich. Wer weiß, was daraus
alles entstehen kann, was da mit mir passieren kann!

Ich arrangiere das Rasierzeug neben dem Weinglas, lege eine neue
Klinge dazu, die alte rupft mehr, als dass sie schneidet. Das Klingeln
an der Tür ignoriere ich. Heute Abend vielleicht, jetzt habe ich keine
Lust auf Besuch. Ich muss mich ein wenig finden, neu ordnen. Ich drehe
die Heizung auf und ziehe mich aus.

Der Mensch an der Tür ist geduldig und von großer Ausdauer, deshalb
stelle ich die Klingel ab. Ein neuer Soundtrack. In Utero – Nirvana.
Aus dem Wasser seid ihr gekommen, ins Wasser sollt ihr zurück.
Lass mich nicht los, Mama! Ich drücke das Photo von Mama und Papa
an mich. Küsse es. Stelle es auf den Badewannenrand. Das Wasser
fühlt sich gut an, angenehme Temperatur. Aber es sieht so leer aus.
Schaumbad hinein. Viel Schaumbad hinein und aufschlagen. Das sieht
bedeutend ästhetischer aus. Und kuscheliger. Ich freue mich aufs
Bad, spüre jetzt schon die Ruhe, die sich allmählich in mir auszubreiten
beginnt. Die Fliesen sind kalt. Das flauschig rote Badetuch findet
einen neuen Platz auf dem Boden vor der Wanne. Einen Schluck Wein,
hm, lecker. Ein prüfender Blick in die Runde. Es geht noch heimeliger.
Ich trage meine Kerzenständer ins Bad, einen neben die Flasche,
einen aufs WC, zwei aufs Fensterbrett, zwei vor den Spiegel. Die
Kerzen angezündet. Die Jalousien heruntergelassen. Eine fast
andächtige Atmosphäre liegt im Bad. Der Störer vor der Tür scheint
bemerkt zu haben, dass die Klingel abgeschaltet ist und verlegt sich
aufs Klopfen. Ich programmiere –Lust for Life- in den Player und
stelle auf Repeat. 
     –Lass mich doch endlich in Ruhe, du störst-
flüstere ich in Richtung Tür, nehme mein Tagebuch vom Schreibtisch
und gehe ins Bad, steige ins Wasser, das Tagebuch zu dem Stillleben
aufs Tablett drapiert. Warm und weich umspült das Schaumwasser
meinen Körper, ich fühle mich leicht und unbeschwert, während der
Mensch vor der Tür langsam die Geduld verliert. Das Klopfen wird
drängender, unterstützt von einer rufenden Stimme:

          -Herr Berg, ich weiß, dass Sie da sind-

Meine Hände sind noch trocken, damit ich weiterschreiben kann.
Ich ziehe das Tablett in passende Position vor mich, genieße einen
Schluck Wein, während die Stimme erneut durch die Tür dröhnt:

          -Herr Frank Berg, hier ist die Polizei, machen Sie auf-

In der einen Hand habe ich euer Photo, Mama, Papa. Lasst mich nicht
los. Ich halte euch auch fest. Ich küsse euch. Lasst euch nichts einreden,
ich bin nicht wirklich böse. Redet euch nicht selbst etwas ein, ich sage
euch, ihr habt alles richtig gemacht. Mama, Papa, ich liebe euch.


                                                                             ©Ewald Frankenberg

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