Marcel Hartlage

Per Anhalter

Es war ja irgendwie klar, dass absolut nichts klappte, wenn es mal klappen sollte.
Josh stand zitternd am Straßenrand und beobachtete den leeren Asphalt vor seinen Füßen. Beißende Kälte kroch unter seine Daunenjacke und umklammerte ihn wie ein eisiger Hauch. Es war ein bitterer, kalter Oktober; ein solcher Oktober, indem die Bäume merkwürdig kahl und krank aussahen, indem die vom Herbst goldgefärbten Blätter spröde und alt aussahen; ein Oktober, indem alles irgendwie blass und fröstelnd aussah, während peitschende Windböen, die von der Antarktis selbst zu kommen schienen, durch das Blätterdach des Waldes wehten. Sogar der Asphalt der Straße, auf den Josh seit einer Ewigkeit starrte, wirkte, als hätte man ihn mit einem weißen, transparenten Pinsel angemalt.
Weil du den Bus verpasst hast, sagte eine Stimme in seinem Kopf zu ihm. Weil du fünf Minuten zu lange gebraucht hast.
Und wenn schon! War es seine Idee gewesen, so spontan und unvorbereitet seine Mutter besuchen zu kommen? Natürlich nicht, denn sie war es gewesen, die angerufen hatte. Sie hatte ihn gebeten, doch bitte vorbeizukommen, weil sie sich doch so alleine fühlte, seit sein Vater, der die Flasche seiner Familie bevorzugt hatte, gestorben war; seit sie ihn auf dem Dachboden gefunden hatte, den Strick um seinen Hals gebunden, sein Gesicht kalt und weiß wie das Oktoberwetter, heute, gewesen war.
Das war vor zwei Wochen gewesen, und sie kam einfach nicht darüber hinweg. Er nahm es seiner Mutter ja nicht übel, natürlich nicht, aber eine gewisse Grenze musste das ganze doch haben, oder nicht? Irgendwann war auch seine Geduld am Ende.
Und so hatte er den Bus genommen und war den weiten Weg von New York hierher nach Maine gefahren. Der Bus war am günstigsten gewesen, und für einen Studenten war jedes Mittel recht, Geld zu sparen, wenn eine Investition unvermeidbar zu sein schien (und wenn man das Geld nicht für allerlei anderen, sinnlosen Krams ausgegeben hatte).
Und jetzt stand er hier an der Straße und begutachtete den Asphalt. Vor zwei Tagen war er hier im Dorf angekommen, und er hatte sich rührend um seine Mutter gekümmert. Aber anscheinend fünf Minuten zu viel. Fünf verdammte Minuten! Hätte er ihr Haus eher verlassen, hätte er ihn noch erwischt.
In dieser Gegend kannte er niemanden. Sein Vater und seine Mutter waren hier vor einem Jahr hergezogen, eine Zeit, in der er längst aus dem Haus gewesen war. Seine Mutter (die jeden Abend Tabletten nehmen musste und schon zwei Nervenzusammenbrüche innerhalb weniger Tage hatte) hatte keinen Führerschein mehr. Er war auf sich gestellt. Und so blieben ihm nur zwei Möglichkeiten, die ihm logisch erschienen. Die Erste war, auf den Bus morgen früh zu warten, die zweite, per Anhalter nach New York City zu gelangen.
Bald musste er wieder auf dem Campus sein.
Deswegen hatte er sich für die Zweite entschieden.
Das ist verdammt bescheuert, fuhr es Josh durch den Kopf. Irgendwie war es das. Sinnlos und verdammt bescheuert.
Aber was sollte er machen?
Das Geräusch eines herannahenden Motors weckte ihn aus seinen Gedanken. Gelbliches Scheinwerferlicht viel vor ihm auf den Asphalt. Kurze Zeit später tauchte ein Ford um die Kurve auf.
Symbolisch und mit einem mitleiderregenden Blick (hoffte Josh jedenfalls) streckte er den Daumen aus. Sein ganzer Arm tat ihm schon weh, seine Finger waren blau, die Nägel weiß wie Schnee.
Der Ford raste an ihm vorbei.
Sein Arm sank nach unten. Eisiger Wind kam ihm seitlich entgegen, presste sich erneut unter seine Kleidung und durchflutete seinen Körper. Er zitterte.
Es war jetzt kurz nach fünf. Es war noch nicht dunkel, aber es war blass und kalt, und irgendwie sah der Himmel nach Schnee aus. Das ganze erinnerte Josh an ein heruntergekommenes Industriegebiet irgendwo in einer Großstadt, mit schwarzem Rauch aus riesigen Fabrikschornsteinen, mit von Stacheldraht abgesperrten Gebieten, in denen irgendwelcher Metallschrott lag, während dahinter die großen und leeren Flächen von alten Fabrikgeländen standen; während keine Menschenseele zu sehen war, dafür aber Raben an dem Kadaver eines toten Fuchses irgendwo in einem Kanal mit gelbgrauem Wasser herumnagten.
Verdammt bescheuert, dachte Josh noch einmal.
Ein weiteres Auto fuhr um die Kurve.
Der wievielte Versuch war das jetzt? Der zehnte? Zwölfte? Zwanzigste? Die Menschen in dieser Gegend waren nicht immer die freundlichsten, und ganz sicher waren sie auch nicht die hilfsbereitesten. Ganz besonders nicht gegenüber einem Jungen, den sie weder kannten, noch vertrauten.
Dann geh doch wieder zurück, sagte wieder diese Stimme in seinem Kopf. Geh zurück zu Mami, damit sie sich weiter ausheulen kann und vielleicht noch einen Nervenzusammenbruch bekommt. Alle guten Dinge sind drei, oder?
Josh streckte erneut den Arm aus und hob den Daumen.
Das Auto wurde langsamer.
Überrascht, und ein wenig irritiert, starrte Josh dem langsam werdenden, schwarzen Plymouth entgegen. Die roten Bremslichter waren auf dem gräulichen Asphalt zu sehen, als würden sie sich in einer Eisschicht spiegeln. Die Scheiben waren schwarz, sodass Josh nicht erkennen konnte, wer am Steuer saß.
Der Plymouth hielt direkt vor seinen Füßen; der Motor brummte vor sich hin.
Er öffnete die Tür, noch ehe ihm recht bewusst wurde, dass er es tat.
Ist das ein Traum? Man, du bist noch nie per Anhalter bei irgendwem mitgefahren. Und ist das Ganze nicht auch irgendwie unheimlich? Der Kerl könnte genauso gut ein Irrer sein, oder etwa nicht?
Vielleicht hat er eine Pistole und richtet sie jetzt gerade auf dich, damit er dann deine Geldbörse …
»Na, mein Junge?«, sagte der Mann am Steuer. Er schaute Josh mit zwei freundlichen, blauen Augen an. Josh erster Eindruck war, dass der Kerl etwas über die Fünfzig war. Schwarzes Haar bedeckte seine Ohren und viel schräg über seine Stirn. Das Gesicht war braungebrannt, kaum Falten waren zu sehen, die Lippen und Nase wirkten beachtlich klein. Seine Wangenknochen waren breit, und ließen sein gesamten Antlitz (so fand Josh) freundlich und irgendwie … großstadtmäßig aussehen.
»Hallo Sir«, sagte Josh. Er schluckte. »Könnten sie mich vielleicht ein Stückchen mitnehmen? Aber auch nur, wenn es Ihnen keine Umstände macht – «
Der Mann winkte ab. »Nur rein, mein Junge. Wo soll’s den hingehen?«
»Ich … also … ich muss zurück nach New York. Das heißt, Sie müssen mich nicht bis nach New York bringen, nur … «
»Unsinn«, sagte der Mann freundlich. »Das trifft sich recht gut. Ich muss auch nach New York, mein Junge.«
»Wirklich?« Josh fiel ein Stein vom Herzen. Irgendwie mochte er den Mann. »Und es macht Ihnen auch nichts aus?«
Der Mann schüttelte den Kopf. »Nur rein mit dir.«
Josh schwang sich auf den Beifahrersitz und schloss die Tür. Das erste, was ihm auffiel, war der Geruch von Tabak, der in seine Nase drang. Der Innenraum des Plymouths sah jedoch vollkommen sauber und gepflegt aus. Josh hasste Unordentlichkeit; wahrscheinlich fand er den Mann deshalb umso sympathischer.
»Mach’s dir ruhig bequem, bis wir da sind, mein Junge.« Der Mann fuhr langsam wieder auf die Spur der Straße zurück. »Nenn mich einfach Elvid, falls du eine Frage hast, mein Junge.«
»Josh McCancy«. Sie gaben sich die Hand. Josh fand, dass Elvid einen kräftigen Händedruck besaß. Und irgendwie waren seine Hände … warm gewesen. »Vielen Dank, dass Sie mich mitnehmen.«
»Absolut kein Problem.« Jack schaute auf die Straße, während er sprach. »Ich meine, warum auch nicht, oder? Du musst nach New York, ich muss nach New York. Passt doch, oder?«
»Ja, Sir.«
»Und was machst du hier, mein Junge? Familie besucht?«
Josh spürte, wie sein Magen sich verkrampfte. Dann nickte er.
»Na, das gefällt mir«, sagte Elvid und trommelte mit seinen Fingerspitzen auf dem Lenkrad herum. »Jungs in deinem Alter verziehen sich für gewöhnlich und wollen anschließend nichts mehr von ihrer Familie hören. Ich sollte nicht meckern, ich war nichts besseres, aber du, mein Junge, du scheinst ein anständiger Kerl zu sein.«
»Danke, Sir.«
Elvid winkte wieder ab.
Eine kurze Pause entstand. Josh schaute aus dem Fenster; durch die schwarzen Scheibenfolien sah die vorbeirasende Waldlandschaft aus, als hätte man einen dunklen Schleier über sie gelegt. Aber irgendwie fand er es auch schön.
»Und was machen Sie in New York?«, fragte er dann plötzlich Elvid.
»Oh«, sagte Elvid und lächelte. »Geschäfte. Ich bin viel beschäftigt, musst du wissen. Mal hier, mal da. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie mein Zuhause überhaupt aussieht.« Er lachte laut auf und spuckte dabei auf sein Lenkrad. Josh fand den Kerl irgendwie witzig.
Wie ein Vater, denn du nie hattest.
Er schüttelte seinen Kopf.
»Und du mein Junge?«, fragte er. »Du siehst jung und sportlich aus. Was treibst du so in New York?«
»Ich studiere.«
»Ach du grüne Neune!« Elvid trommelte wild mit seiner linken Hand auf dem Armaturenbrett herum. »Es freut mich wirklich zu hören, dass es noch so Jungen wie dich gibt. Und, was studierst du?«
»Architektur«, sagte Josh.
»Herrje!« Er spuckte wieder auf sein Lenkrad. »Hätten meine Kinder jemals studiert, hätte ich lieber mich als sie vom Gebäude gestoßen, wenn du verstehst was ich meine?«
»Sicher, Sir« Josh verstand überhaupt nichts, aber er fand, dass das keine Rolle spielte.
»Jaja, aber so ist das. Es freut mich zu hören, dass es da draußen immer noch Menschen gibt, die etwas erreichen wollen.« Seine Miene verfinsterte sich plötzlich. »Zuviel Böses geschieht dort draußen. Und mit der Bösartigkeit kommt auch die Einsamkeit, wenn du verstehst, was ich meine?«
»J – Ja, Sir.«
Josh schaute wieder nach draußen, schaute sich die vorbeirasende Waldlandschaft an, die irgendwie tot und kalt war.
Eine lange Zeit sagte keiner von ihnen etwas. Eine lange Zeit war das einzige Geräusch das des Motors und der fahrenden Autos auf der Landstraße.
Irgendwann begann es zu dämmern.
»Hau dich ruhig aufs Ohr, wenn du müde bist.«, sagte Elvid. »Bis New York dauert’s noch ein Weilchen.«
»Oh ich … ich bleibe lieber wach.«
»Unsinn.«, sagte Elvid. »Schlaf ein wenig, mein Junge.«
»Ich weiß nicht, ob …«
Aber dann schwieg Josh plötzlich. Er sah in die Augen dieses Mannes, der dort am Steuer seines Plymouth saß, vermutlich stark rauchte aber trotzdem auf Sauberkeit im Innenraum achtete – in diese Augen blickte Josh, als es draußen stockdunkel war, nur ein vereister Wald um sie herum existierte und diese Augen doch irgendwie … funkelten.
Als würden ihre Pupillen brennen.
Irgendwann verlor Josh dann sein Gefühl von Zeit. Benommen lehnte er sich zurück, schloss die Augen, hörte das Brummen des Motors, hörte das Zischen, wenn ihnen ein Auto entgegen kam und war plötzlich hundemüde.
Er schlief ein, auf dem Beifahrersitz in einem fremden Auto neben einem fremden Mann, dem er noch nie zuvor in seinem Leben begegnet war.
 
Und irgendwie war ihm plötzlich warm. Um ehrlich zu sein – ihm war sogar richtig heiß.
Josh öffnete seine Augen, und ich nächsten Augenblick und in der Sekunde der schockierenden Resignation, wusste er, dass er nicht mehr im Auto war. Er stand an einem Felsvorsprung, so schwarz und massiv, dass er wie ein schwarzes Loch aussah.
Er schwitzte.  Ihm war unerträglich heiß.
Verdammt, wo bin ich hier?
Und dann sagte ihm sein Verstand, er solle nach unten schauen. Er schritt langsam auf den Rand der Klippe zu, einem Abgrund entgegen. Dass er umgeben war von endlosen schwarzen Felsen, so schwarz wie das endlose Weltall, nahm er gar nicht war, weil es ihm natürlich vorkam.
Als wäre alles an seinem Platz. Ja, so konnte man das sagen.
Dann blickte er hinab, und blanke Panik ergriff ihn wie ein Dämon.
Er sah hinab in einen feurigen, Lava spuckenden Abgrund, endlos tief und endlos nahe, mit schwarzen spitzen Felsen, mit Lavaströmen, die von den Schluchten vielen. Er sah Feuer, überall Feuer, alles brannte, sogar die Schwärze um ihn herum, alles steckte in Flammen. Und dann spürte Josh, wie er den Boden unter den Füßen verlor, wie der massive Fels brach und er nach unten viel. Das traumatische Gefühl des freien Falls ergriff ihn, dass Gefühl, als würde man in einen Abgrund fallen, es ergriff ihn, als würde er
 
träumen.
Er schrie auf, schnappte nach Luft, flog mit dem Kopf nach vorne und wäre beinahe gegen das Armaturenbrett des Plymouths geknallt.
Ein Traum …
Ja aber …
»Weißt du mein Junge«, sagte Elvid und Josh fuhr erschrocken zusammen. »Leid und Trauer sind nicht immer berechtigt.«
»W-wie … wie bitte?«
Gott, er schwitze. Langsam kroch die Kälte durch seinen Körper. In seinem Kopf wirbelte es.
»Leiden ist nicht immer berechtigt.«, sagte Elvid und schaute ohne jeglichen Gesichtsausdruck auf die dunkle Straße vor ihnen. »Hätte das nur deine Mutter gewusst.«
In jenem Augenblick, als Elvid (Hey, der gute alte Elvid, Mensch, Elvid, wie geht’s dir den so, alter Kumpel?) diesen Satz sprach, da klinkten alle Regungen, Gefühle und Gedanken in Josh Körper für eine Sekunde aus. Und erst dann, nach binnen einer Sekunde überfiel ihn Misstrauen – aber vielmehr Angst – oh ja, eine beschissene, große Angst.
»Ich weiß nicht, wovon Sie – «
Elvid lachte. Er lachte, und irgendwie war dieses Lachen dunkel und tief.
»Ich befürchte, deine Mutter trauert umsonst.«
»Was erzählen Sie mir da?«
»Mein Junge«, sagte der Mann dort hinterm Steuer. »Ich werde dir jetzt mal was sagen. Weißt du, manchmal kommt für einen Menschen einfach der Moment, indem es Zeit ist, Abschied zu nehmen. Viele machen das auf eine ganz unterschiedliche Art und Weise. Trauer spiegelt sich eine Zeit lang nach der Beerdigung in den Gemütern der Angehörigen wieder. Eine Woche, ein Monat, ein Jahr. Und desto besser der Mensch war, der von ihnen gegangen ist, desto mehr ist diese Trauer auch berechtigt.«
»Was – ?«
»Und wenn der Mensch, der von ihnen gegangen ist, kein so fröhliches Gemüt aufweisen konnte, so weilte die Trauer nicht allzulange. Und das, mein lieber Junge, regelt der Verstand des Menschen von ganz alleine. Die Frist der Trauer.«
Josh verstand nicht. Er schwitze, ihm war kalt, ihm war heiß. In seinem Kopf drehte sich alles, und er spürte noch immer das Kribbeln, wie wenn man das Gefühl hatte, tief zu fallen.
»Tatsache ist, mein Junge, das die Frist bei deiner Mutter abläuft.«
Was?
Josh schwieg. Er brachte kein Wort zustande.
Elvids Gesicht, so viel ihm auf, wirkte hinter dem Armaturenbrett und den beleuchteten Anzeigen wie eine Fratze des Wahnsinns, wie eine typische Figur aus einem Horrorfilm; die Gesichtszüge von unten beleuchtet, die Schatten schwarz über das Gesicht fallend. Und diese Augen … sie waren so kalt ... so heiß und ausdruckslos gleichzeitig.
Elvid …
»Was meinen Sie mit dieser Frist?«, fragte Josh.
»Nicht jeder Mensch, mein Junge, verdient es, dass um ihn getrauert wird. Manche Menschen sind schlicht und einfach … zu Böse.«
Ein Auto fuhr vorbei. Im Scheinwerferlicht sah Elvids Mimik wie ein gefrorener Stahlblock aus.
»Wollen Sie damit sagen, dass mein Vater Böse war?«
»Dein Vater, mein Junge, hat ein Doppelleben geführt.«
»Was?«
»Auf der einen Seite war er der geliebte Ehemann, der tagsüber die Rolle des Vaters und des Gatten spielte. Auf der anderen Seite, wenn der Mond am Himmel schien, so ließ er seine Maske fallen und zeigte sein wahres Gesicht.«
Josh schwieg. Er bemerkte nicht den Schweiß, der sich an seiner Kleidung festgesaugt hatte.
»Nachts, mein Junge, war dein Vater einer der gefährlichsten Verbrecher des New Yorker Untergrundes. Er trank, nahm Drogen, ruinierte das Leben anderer und mordete.«
Josh schwieg noch immer.
»Und immer, wenn du in der Nacht die Haustür hörtest, so war es dein Vater, und nicht deine Fantasy, der nach draußen und dann zur nächsten U-Bahn ging.«
»Halten Sie an.«
»Bist du schließlich groß wurdest. Bis du auf eigenen Beinen standest. Bis deine Eltern in dieses kleine Dorf umzogen.«
»Ich sagte, Sie sollen anhalten.«
»Und zu jener Zeit überfiel ihn schließlich all das, was er sich in New York aufgebaut hatte. Es kam auf ihn zurück.«
»Sie sollen – «
»Die Drogen, der Alkohol. Die Alpträume, in denen er die Gesichter der Menschen sah, die er kaltblütig umgebracht hatte.«
»Elvid – «
»Ganze Familien hat er abgeschlachtet, des Geldes wegen.«
»Elvid, Sie sollen – «
»SCHWEIG, WENN ICH SPRECHE!«, schrie Elvid, ohne den Blick von der Straße zu richten, ohne, dass sein Blick sich veränderte. Nur der Mund riss beim Sprechen so weit auseinander wie der Kiefer eines Hais. Und Josh verstummte. Binnen einer Millisekunde. Etwas kroch an seinem Körper, und es war fas Gefühl der Furcht, der klappernden, beißenden Furcht.
»Tatsache ist«, sprach Elvid normal weiter. »Dass dein Vater es nicht mehr ertrug und sich selbst umbrachte. Und du, mein Junge … würdest du einen Menschen, der trank, sich zu dröhnte, zockte und Familien tötete, nicht auch lieber Tot sehen wollen? Würdest du um ihn trauern wollen?«
»Ich glaube Ihnen nicht.«, sagte Josh.
»Oh, aber das solltest du. Es geschehen täglich solche Verbrechen. Die Polizei arbeitet schlampig. Auch wenn dein Vater ein Unhold war, so hatte er es doch geschafft, seine wahre Identität zu verbergen. Aber nicht vor mir.«
Und plötzlich sah Josh ein Funkeln in diesen Augen. Ein blitzen, das helle Entfachen einer brennenden Flamme.
»Woher wissen Sie all das?«
Oh, und diese Furcht. Wie sie an ihm nagte.
»Ich weiß es einfach, mein Junge.«
»Und warum erzählen Sie mir das?«
»Weil es falsch ist, deine Mutter in Trauer zurückzulassen. Sie stärkt die Seele deines toten Vaters, und genau das ist es, was nicht passieren darf.«
»Was?«
»Deswegen gibt es die Frist der Trauer.«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Die Trauer deiner Mutter stärkt die Seele deines Vaters. Wenn eine Seele, die in die Hölle verbannt wurde, gestärkt wird, kann sie irgendwann wieder auferstehen.«
»Auferstehen?«
»Zu einem Dämon.«
Ein weiteres Auto raste vorbei. Josh bekam es nicht mit.
»Sie erzählen Blödsinn.«
»Das tue ich niemals
»Haben Sie mich deshalb mitgenommen? Um mir eine Predigt über die Frist der Trauer und über Dämonen, die aus der Hölle auferstehen, zu erzählen? Was wollen Sie? Geld?«
»Ich will, dass deine Mutter nicht mehr trauert. Der Menschheit wegen.«
»Der Menschheit – Wissen Sie was, Elvid?« Josh wusste nicht warum, aber in ihm kochte die Wut. Sie brannte mit einem Male wie ein schwarzer Abgrund mit Lava. »Ich weiß nicht, woher sie diese Informationen haben, woher sie meine Familie kennen und warum Sie diese Geschichten erzählen – ich weiß jedoch, dass Sie nicht ganz klar in der Birne sind und einen Arzt brauchen.«
Elvid lachte.
Der Wagen beschleunigte.
In der Ferne sah Josh die Scheinwerfer eines Trucks.
»Wenn du wirklich glaubst, mein Junge, ich sei verrückt, dann tu das. Ich verlange trotzdem, dass du tust, was ich dir sage.«
»Weshalb?«
Elvids Mundwinkel formten sich zu einem Lächeln. Zu einem Grinsen, dass Josh eine Gänsehaut über den Rücken fuhren ließ.
Die Scheinwerfer kamen näher.
Viel näher.
Zu schnell näher.
»Fahren Sie langsamer!«, brüllte Josh, der erst jetzt begriff, in welch einer Situation er sich befand. »Langsamer, um Gottes willen!«
»Glaubst du an Gott, mein Junge?«
»Fahren Sie langsamer!«
»Denn wenn du es tust – «
»LANGSAMER!«
» – dann glaubst du auch an den Teufel.«
Und dann erhellte Scheinwerferlicht den Innenraum des Plymouth; Josh bekam nur noch mit, wie ihn binnen einer Sekunde ein Schrecken überfuhr und ihm bewusst wurde – von der einen auf der anderen Sekunde – das er sterben würde. Irgendwo hörte er Glas zerbrechen und Metall aufeinander krachen, das Barsten der Armaturen und das Knirschen und Brechen seiner Knochen.
Dann war da nur noch Dunkelheit, die nur ein Augenzwinkern, und doch eine Ewigkeit dauerte. Und dann sah er Licht, und plötzlich merkte er, dass er
 
Am Straßenrand stand, und den Daumen ausstreckte. Das Auto fuhr vorbei, ohne, dass der Fahrer ihn auch nur eines Blickes würdigte. Der Himmel war grau, und die Luft war kalt. Die ganze Gegend erinnerte Josh an ein stillgelegtes Industriegebiet im Spätherbst.
Dann dämmerte es in seinem Hirn, und Bilder wurden vor sein geistiges Auge geschossen, als hätte man so mir nichts dir nichts den Fernseher angeschaltet.
Er sah den schwarzen Innenraum, die dunkle Waldstraße. Er roch Tabak, sah Scheinwerferlicht und –
Sein Gesicht.
Elvids Gesicht.
Josh hockte sich hin, sackte zusammen, während ihm Tränen aus den Augen rannen, ohne, dass er es bemerkte, ohne zu wissen, warum sie überhaupt vielen. Er übergab sich. Kalter Wind packte ihn. Er begann zu zittern.
Vielleicht sollte er ein wenig Recherchieren.
In den Akten der New Yorker Polizei nachsehen.
Aber vor allen Dingen würde er als Erstes seine Mutter beruhigen.
Denn irgendwie war ihre Trauer doch vollkommen sinnlos.
Denn irgendwie hatte er jetzt ein komplett anderes Bild von seinem Vater.
Und irgendwie schaffte es Josh, nach ein paar Minuten aufzustehen und die Straße zu verlassen. Er würde sie beruhigen, ihr Tee kochen, für sie da sein und sie ablenken. Sie sollte auf andere Gedanken kommen, denn ihre Trauer war sinnlos.
Und während er eines späten, kalten Oktobernachmittages Richtung Dorf ging, da viel ihm ein, wie gut er einst im Knobeln gewesen war, und so nahm er sich den Namen Elvid geistlich noch einmal genauer unter der Lupe vor. 

Wer Stephen Kings "Faire Verlängerung" (im Buch "Zwischen Nacht Und Dunkel") gelesen hat, wird hier sicher eine gewisse
Ähnlichkeit feststellen können. Ursprünglich war der Plan, eine Figur in der Form des Jack the Ripper einzuführen, doch
da ich zu diesem Zeitpunkt gerade die oben erwähnte Geschichte gelesen hatte und mir ein Herrn Elvid thematisch auf
einmal viel besser erschien, dachte ich mir, ich übernehme jenes Anagramm - und in gewisser auch die Figur - schamlos,
nicht zuletzt, um eine kleine Hommage an den Altmeister zu liefern. Dies, finde ich, sollte fairerweise erwähnt werden.
Marcel Hartlage, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.10.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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