Andreas Dany

Herz zu vermieten 4

Gemeinsam essen macht Appetit
 

„ Oh nein,!“, entfuhr es Julia Bellmer als sie in der Küche ihrer Wohnung stand um das Abendbrot zu richten. „ Was ist denn Mama?“, fragte Ole, der unbemerkt die Küche betreten hatte. Er trug bereits seinen Schlafanzug und begann ohne eine Aufforderung den Tisch zu decken. „ Was meinst du?“, hatte sie etwa laut gesprochen? Seit Sie in den Fahrradkeller betreten hatte, stand sie völlig neben sich. Sie hatte den freundlichen Fremden aus dem Supermarkt natürlich sofort wiedererkannt, seitdem versuchte sie ihre Gefühle in den Griff zu bekommen. Nur wollte ihr das nicht so recht gelingen. „ Was ist denn nun Mama, haben wir nicht genug Brot? Ich hab kaum Hunger, ich brauch nur eine halbe Scheibe!“, versicherte Ole, der Angst hatte, dass seine Mutter den freundlichen Nachbarn wieder ausladen würde. „ Nein, nein, ich war nur etwas in Gedanken. Es wird schon alles reichen.“, zerstreute Frau Bellmer die Befürchtungen Ihres Sohnes. „ Was wird reichen?“ auch Tom erschien jetzt im Schlafanzug in der Küche. Er schaute über den Tisch und fragte: „Was soll ich noch decken?“ „ Mach doch bitte noch ein Glas Gewürzgurken auf. Warum habt ihr eigentlich schon den Schlafanzug an? Ich habe doch noch gar nichts gesagt.“, wunderte sich Frau Bellmer. Normalerweise musste sie ihre Kinder mehrmals dazu auffordern sich bettfertig zu machen. Sie wertete das Verhalten ihrer Kinder als klares Zeichen für ein schlechtes Gewissen. Tom, der auf diese Weise seiner Mutter demonstrieren wollte, wie lieb er sein konnte, ging auf die Frage gar nicht erst ein. Er war stolz, dass er ein Glas öffnen konnte, bei dem seine Mutter Probleme hatte, er fühlte sich dann schon sehr stark und erwachsen. Er holte ein Glas Gurken aus dem Vorratsschrank, schlug auf den Glasboden und öffnete das Glas. Sorgfältig fischte er einige Gurken mit einer Gabel aus dem Glas und füllte sie in eine Glasschüssel, die er sogleich auf den Tisch stellte. „Der ist total nett, der Andreas!“, sagte er beiläufig. „Andreas? Du meinst wohl Herr Schwarzer?“, korrigierte seine Mutter ihn. „Er hat gesagt, wir sollen Andreas sagen, dann fühlt er sich jünger!“, krähte Ole dazwischen. Bei Frau Bellmer schrillten alle Alarmglocken, war das etwa ein Pädophiler, der sich da geschickt an ihre Kinder heranmachte? Während sie noch vor Sekunden kaum ihre Blümchenaugen hätte verbergen können wäre sie jetzt ohne weiteres in der Lage ihn sofort und ansatzlos umzubringen. Sie verwarf den Gedanken zwar sofort wieder aber Ihre kleinen Racker waren ihr heilig. Heute wollten die beiden sich offensichtlich von Ihrer besten Seite zeigen. Erstaunt und erfreut beobachtete sie wie beide sorgfältig den Tisch deckten. Solche Einmütigkeit zeigten sie eher selten, meistens dann, wenn sie etwas ausgefressen hatten. Liebevoll betrachtete sie ihre beiden Söhne, die ihr oft so viele Sorgen machten. Aber in Augenblicken wie diesem wurde ihr klar wie sehr sie an ihnen hing.
In diesem Moment läutete die Wohnungsklingel. Beide Kinder stürmten sofort zur Tür. Sie hatten die Tür schon aufgerissen als Frau Bellmer den Flur betrat. „Guten Abend, - Herr Schwarz, richtig?“, freundlich streckte sie ihrem Gast die Hand entgegen. Andreas, der in der einen Hand einen Fahrradhelm und in der Anderen eine Flasche Rotwein hielt, nahm schnell sein Gepäck in die Linke und gab ihr seine rechte Hand: „Ja, richtig, Schwarz, Andreas Schwarz, wenn Sie nichts dagegen haben aber einfach Andreas, Frau Bellmer.“ „Ok, dann aber Julia, ich will mich schließlich auch jünger fühlen!“, rutschte es Julia Bellmer heraus. „He, woher kennen Sie - kennst du – meinen Spruch?“, entfuhr es Andreas. Julia war das Blut etwas in den Kopf geschossen, sie war schon lange nicht mehr so spontan gewesen. Kommen Sie, äh, komm doch erst mal rein. Oh, ist das etwa der teure Rotwein, den du heute Morgen bei mir gekauft hast?“ „Ja“, antworte Andreas lachend: „Aber ich habe ja Preisnachlass bekommen!“
     Tom schloss die Wohnungstür hinter Andreas und fragte seine Mutter: „ Du kennst Andreas schon?“. „Julia strich ihm über den Kopf: „Ja, er war heute Morgen im Markt und ich habe einen Fehler beim Kassieren gemacht. Er sollte für den Wein 566 Euro bezahlen!“ „566 Euro? So teuren Wein gibt es doch gar nicht!“, platzte Ole heraus. „Es gibt schon Wein der so teuer ist, aber den haben wir sicher nicht im Supermarkt.“, klärte Julia ihren Sohn auf. Gemeinsam gingen sie in das Wohnzimmer. „Oh, wer hat denn den Tisch so schön gedeckt?“, fragte Andreas. „Ich und Tom!“, rief Ole stolz. „Tom und ich!“, korrigierte Julia ihren Sohn. „Nein, du hast doch das Brot geschnitten, ich und Tom haben den Tisch gedeckt!“, die Entrüstung war Ole ins Gesicht geschrieben. Julia und Andreas mussten laut lachen. „Natürlich habt ihr beide den Tisch gedeckt, du solltest dich nur nicht an erster Stelle nennen. Setzt euch doch schon, ich hole noch rasch die Gläser“, Julia Bellmer hatte schon lange nicht mehr so gute Laune gehabt. Dieser Andreas Schwarzer hatte offenbar die Gabe, Gute Laune zu verbreiten. Schnell holte Sie zwei Weingläser aus dem Wohnzimmerschrank und drückte Andreas den Korkenzieher in die Hand: „Magst du die Flasche gleich öffnen?“. „Gerne, ich hatte gar nicht damit gerechnet heute ein so tolles Abendbrot zu bekommen! Sogar Gewürzgurken habt ihr, mögt ihr die auch so gerne wie ich?“, fragte er die Kinder. „Ja, aber die gibt es auch nicht immer!“, antwortete Ole. „Ich glaube heute ist mein Glückstag, Abendessen Gurken, Wein und nette Gesellschaft, besser geht es ja gar nicht!“
Gemeinsam begannen sie mit dem Essen. Zwischen den Bissen erzählten Andreas und die Kinder die ganze Geschichte vom Nachmittag. Als die Sprache auf das abgebaute Rücklicht kam schaute Julia ihren Sohn sehr böse an, aber bevor sie etwas sagen konnte wandte Andreas ein: „Ich bin sicher, dass Tom das Rücklicht wieder zurückgebracht hätte. Und gelogen habe ja eigentlich nur ich. Das war sicher nicht richtig, aber dieser Herr Waldheumer und seine Frau haben sich aufgeführt als hätten die Beiden die Bank von England ausgeraubt. Das kann man doch auch anders regeln!“ „Und was war das mit dem Schmerz und dem Rechtsanwalt?“, fragte Julia Bellmer neugierig. Sie konnte das Verhalten ihres Sohnes zwar nicht gutheißen, stimmte Andreas aber innerlich zu, dass die Waldheumers eigentlich nur nach Gründen suchten um ihre Kinder schlecht zu machen. „Der Syndikus unserer Firma heißt Dr. Hans Peter Schmärz, allerdings mit „a Umlaut“ und ohne „t“, trotzdem habe ich ihn bei Rechtsstreitigkeiten lieber auf meiner Seite! „Und wo habt ihr jetzt das Rücklicht herbekommen?“, fragte sie. „Ich hab den Kram bei meinem Fahrradhändler bestellt. Radfahren ist mein Hobby, der Mann verdient ein Vermögen an mir, da tut er mir gerne mal einen Gefallen!“ „Mein Fahrrad ist wie neu!, sprudelte es aus Toms Mund heraus: „Nabendynamo, neue Kette, Licht, Bremsen, alles Piko bello.“ Julia Bellmer bekam einen Schreck, sie wusste schon jetzt kaum wie sie finanziell über die Runden kommen sollte und das was Tom aufgezählt hatte hörte sich sehr teuer an. „Wie viel Geld bekommen sie denn dafür?, fragte sie ängstlich. „Das ist schon in Ordnung, Tom hat sich bereiterklärt die Kosten abzuarbeiten. Er putzt mein Fahrrad, wir haben also beide etwas davon!“, antwortete Andras schnell. Natürlich war ihm die Reaktion von Julia Bellmer aufgefallen. Dass sie nicht im Geld schwamm konnte er sich an seinen fünf Fingern abzählen. Alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, Kassiererin im Supermarkt, da konnte man keine Reichtümer ansammeln, egal wie sparsam man lebte. Dass die Bellmers nicht auf großem Fuß lebten war nicht schwer zu erkennen. Die Wohnung der Bellmers war zwar sauber und aufgeräumt aber die Einrichtung war einfach und die Möbelstücke hatten sicher schon etliche Jahre auf dem Buckel. „Das können wir doch nicht annehmen, wir kennen sie doch gar nicht!“, wehrte Julia halbherzig ab. Wenn sie ehrlich war fiel ihr aber ein kleiner Stein vom Herzen. „Erstens waren wir beim „du“, zweitens mache ich das gern und drittens tut mir das nicht weh!“, fast hätte Andreas noch „Basta“ hinterhergeschoben, das verkniff er sich aber gerade noch. „Danke!“, mehr konnte und wollte Julia jetzt nicht sagen. Dieser Andreas Schwarzer war einfach zu nett. Irgendwo musste die Sache doch einen Haken haben! Warum sollte ein solcher Mann gerade ihr über den Weg laufen, sie hatte schließlich eine Option auf „Nieten“!!
„Hat noch jemand Hunger?“, fragte sie in die Runde. Ein dreistimmiges: „Nein, danke“, war die Antwort. Ohne dass sie jemanden darum bitten musste, halfen alle Drei beim Abräumen. Tom ließ Wasser in die Spüle laufen um das Geschirr gleich abzuwaschen. „Lass doch, das mach ich nachher.“, versuchte sie ihn zu bremsen. „Ich trockne ab!“, sagte Andreas schnell. „Zusammen geht es doch viel schneller!“ Erika gab den Widerstand auf  wischte den Tisch ab und räumte die Lebensmittel und das Geschirr, das Andreas und Ole abtrockneten in die Schränke. Sie genoss die Stimmung die der unverhoffte Besuch verbreitete. Können wir noch etwas zusammen spielen?“, fragte Tom erwartungsvoll. Nach dem Abendbrot spielte Erika mit den Kindern meist noch etwas, bevor diese zu Bett gingen. „Haben sie, hast du noch etwas Zeit?“, fragte Erika den Gast. „Gerne, eigentlich wollte ich zwar noch ein bisschen arbeiten, aber gespielt habe ich schon lange nicht mehr.
Schnell war das Geschirr abgewaschen und die Vier setzten sich wieder an den Wohnzimmertisch. Tom holte ein „Mensch ärgere dich nicht“ Spiel aus dem Schrank und schon bald waren alle von dem Spiel gefangen. Sie warfen sich gegenseitig heraus, flachsten herum und vergaßen völlig die Zeit. Als das Spiel beendet war schaute Erika auf die Uhr: „Halb Neun! Jetzt aber ganz schnell Zähneputzen und ins Bett!“ „ Ooch, morgen ist doch Samstag, da können wir doch ausschlafen! “murrten die Kinder. „Schon so spät? Wo ist denn nur die Zeit geblieben? Ich muss auch los!“, Andreas stand auf. „Tschüss Ole, Tom, komm doch bitte noch kurz her“, während Ole schon ins Bad flitzte um sich die Zähne zu putzen, stellte Andreas noch schnell die Begurtung des Helms auf Toms Größe ein. „Viel Glück bei der Fahrradprüfung Montag!“, rief er dem Jungen hinterher, der ohne den Helm abzunehmen auch ins Bad eilte um sich ebenfalls die Zähne zu putzen. „Tschüss Julia, das war ein wunderschöner Abend für mich. Vielen Dank, so wohl habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.“, Andreas hatte die Türklinke bereits in der Hand. Julia sah ihn an und drückte ihn spontan kurz. Erstaunt merkte sie, wie er sich etwas sträubte, sofort gab sie ihn frei: „Wir müssen uns bedanken, das war ein schöner Abend. Gute Nacht!“, sagte sie, immer noch etwas verwirrt über seine Reaktion auf ihre kurze Umarmung. „Ja, euch auch eine Gute Nacht!“, damit war er auch schon im dunklen Hausflur verschwunden und Julia hörte kurz darauf seine Wohnungstür ins Schloss fallen. Behutsam zog sie auch ihre Wohnungstür ins Schloss und lehnte sich gegen die geschlossene Tür. Wie im Zeitraffer zog der Abend in ihren Gedanken an ihr vorbei. Ein Abend so wie sie ihn sich schon oft in ihren Träumen vorgestellt hatte. Nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommen und im Kreis der Familie Kraft tanken. „Sagst du uns noch Gute Nacht?“, Oles Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie atmete tief durch und ging in das Kinderzimmer.
Die Jungs lagen in ihren Stockbetten. Das Licht hatten sie schon gelöscht. Auf den Stühlen lagen die Anziehsachen für den nächsten Tag. Tom hatte den Helm sorgfältig auf seine Sachen gelegt.
Julia setzte sich auf die Bettkante von Oles Bett. Liebevoll zog sie seine Bettdecke zurecht und gab ihm einen Kuss. „Gute Nacht mein Schatz, träum was Schönes!“ „Das war ein schöner Tag!“, flüsterte Ole schläfrig, zog die Nase hoch und nuschelte „Gute Nacht Mama, der Andreas ist echt nett!“. Julia zog die Augenbrauen hoch, atmete tief ein und sagte „Ja, mein Schatz!“. Sie stand auf und lehnte sich zu ihrem Großen an die Bettkante. „Dir auch eine Gute Nacht!“. Tom setzte sich auf und gab seiner Mutter einen Kuss. „Darf ich die Fahrradteile behalten? Ich arbeite alles ab!“ „Ja, wenn Andreas das so gesagt hat, ist das glaube ich in Ordnung. Aber wenn du wieder mal ein Problem hast, sprich bitte vorher mit mir. Es war nicht richtig das Rücklicht von einem fremden Fahrrad abzubauen, auch wenn du es zurückgeben wolltest! Aber jetzt schlaf schnell zu, damit du morgen fit bist.“ „Mama, morgen ist doch Samstag. Laden wir Andreas bald wieder mal ein?“, fragte er erwartungsvoll: „Du findest ihn doch auch nett, oder?“ Julia lächelte ihren Großen an: „Ja, ich finde Andreas auch nett und wenn er will, würde ich mich genauso freuen wenn er uns mal wieder besucht.“, damit verließ sie das Kinderzimmer und schloss leise die Tür hinter sich.
Sie ging ins Bad und betrachtete sich im Spiegel. Müde sah sie aus, ihre Haare waren etwas stumpf und um die Augen zeigten sich ein paar kleine Fältchen. Hatte Andreas deshalb so gezögert als sie ihn umarmen wollte? Gut sie war keine zwanzig mehr aber hässlich war sie nun auch wieder nicht. Sie gab etwas Zahnpasta auf ihre Zahnbürste und putzte sorgfältig ihre Zähne. Auf ihr Gebiss war sie sehr stolz. Weiß und ebenmäßig waren ihre Zähne. Dafür hatte sie als Teenager auch leiden müssen. Fast drei Jahre hatte sie eine Zahnklammer tragen müssen, damit ihre Zähne so schön gleichmäßig waren wie jetzt. Sorgfältig stellte sie die Zahnbürste in den Becher und ging in ihr Schlafzimmer. Schnell zog sie sich aus, warf im Spiegel noch einen prüfenden Blick auf ihre Figur und sagte halblaut zu sich selbst: „ Gar nicht so schlecht für 26, aber etwas mehr Sport würde dir guttun, Julia, dein Bauch wird schlaff.“ Bevor Julia ihr zweites Kind  bekam, hatte sie in einem Fitnesscenter als Airobic-Lehrerin gearbeitet, aber auch heute noch ging sie gerne laufen, meistens am Wochenende, wenn die Kinder noch in ihren Betten lagen, aber jetzt, im Winter konnte sie sich oft nicht dazu aufraffen. Der Job im Supermarkt, die Kinder und die ewigen Sorgen um das liebe Geld machten es ihr auch nicht einfacher auf sich zu achten.
Sie streifte ihr Nachthemd über und kuschelte sich in ihr Bett. Andreas – der Mann geisterte in ihrem Kopf umher, mehr als ihr lieb war. „ Scheiß – Männer, kennst du einen, kennst du alle!“, flüsterte sie sich zu und drehte sich auf die Seite.
Auch Andreas ging Julia nicht aus dem Kopf. Diese schöne junge Frau mit den aufgeweckten Jungs, die jetzt wohl keine zwei Meter über ihm in ihrem Bett lag. Er machte sich bettfertig und ging in sein neues Schlafzimmer. Seine Sekretärin hatte diese Wohnung wie immer perfekt nach seinen Wünschen eingerichtet. Schon oft hatte sie ihm eine Wohnung in einer Wohnanlage eingerichtet, die seine Firma übernehmen wollte. Stets kümmerte er sich selbst um die Anmietung, immer trat er als Privatperson auf. Das gab ihm die Möglichkeit sich selbst ein Bild von der Qualität der Immobilie, der Wohnqualität und der Mieterstruktur zu machen. Oft hatte er nach kurzer Zeit seine Übernahmepläne aufgegeben, weil er Probleme bei der Umstrukturierung sah, oder weil ihn die Wohnqualität einfach nicht überzeugte. Aber noch nie hatte er es bereut, wenn er sich zum Kauf einer Anlage entschied. Das war für ihn der Schlüssel zum Erfolg.
Dieser Ehrgeiz und dieser Hang zur Perfektion waren andererseits auch für das Scheitern seiner Ehe verantwortlich. Nur selten war er zu Hause, zu selten hatte er sich um seine Frau gekümmert. Stets entschuldigte er sich damit, mit dem verdienten Geld ihren aufwändigen Lebensstil zu finanzieren.
Seine Frau hatte sich auf diese Situation eingestellt. Sie hatte Reisen unternommen und sich ihre Anerkennung bei anderen Menschen gesucht – und gefunden. Ihre Liebe zueinander war dabei aber auf der Strecke geblieben.
Wie viele andere Männer hatte er die Zeichen, die sie ihm gegeben hatte nicht bemerkt. Er war viel zu sehr mit seinem eigenen beruflichen Erfolg beschäftigt als das er diese Zeichen hätte bemerken können.
Immer wieder hatte er sich vorgenommen etwas zu ändern, aber außer den gemeinsamen Urlauben hatte er nichts verändert. Und selbst im Urlaub war er für seine Firma stets ansprechbar. Wenn Melanie, seine Frau, noch mit Bekannten zusammen saß, hatte er sich zurückgezogen um Mails zu beantworten, oder Probleme telefonisch zu lösen. Darin war er gut, aber eine Zweierbeziehung zu pflegen, darin war er eine echte Niete! Vielleicht wäre alles anders gekommen wenn sie Kinder gehabt hätten, Kinder, die er sich sehr so sehr wünschte, aber hätte er dann mehr Zeit mit der Familie verbracht? Er musste sich eingestehen, dass in seinem Leben nur Platz für seine Firma war. Wieder und wieder stieg das Bild in ihm hoch. Der Polizist, der zu ihm ins Büro gekommen war und ihm mitgeteilt hatte das Melanie bei einem Autounfall in Frankreich ums Leben gekommen war. Ihr Porsche war mit hoher Geschwindigkeit von der Straße abgekommen und hatte sich mehrmals überschlagen, bis ein Baum ihn bremste. Sie hatte nicht einmal selbst am Steuer gesessen, ein junger Mann hatte den Wagen gelenkt. Er kannte ihn nicht, würde ihn auch nie kennenlernen. Beide waren sofort tot. Er gab nicht ihm die Schuld, sondern sich selbst. Andreas hätte es merken müssen, er hätte Melanie ein echter Lebenspartner sein müsse, nicht nur ihr Geldgeber. Doch das schlimmste für ihn war die Aussage des Arztes, dass seine Frau schwanger gewesen war, im dritten Monat. Drei Monate zuvor hatten sie eine Kreuzfahrt in der Karibik gemacht, er war sich also ziemlich sicher, dass er nicht nur seine Frau, sondern seine ganze Familie verloren hatte. Zwei Jahre war es jetzt her, dass er seine große Liebe zu Grabe getragen hatte, Zwei Jahre in denen er sich noch mehr in die Arbeit gestürzt hatte. Seine Firma war gewachsen die Zahl der Angestellten hatte sich mehr als verdoppelt. Er hatte vor allem im Osten diverse Wohnanlagen übernommen, privatisiert, erneuert und war finanziell besser gestellt als je zuvor. Das Geschäft florierte. Aber was hatte er davon? Zu Weihnachten flüchtete er immer für zwei Wochen in die Berge um Ski zu laufen und mit seinem Gleitschirm zu fliegen. Hier in den Bergen merkte er immer wieder wie groß er wirklich war: winzig und unbedeutend Er vermied es Freundschaften zu schließen, egal ob Männer oder Frauen, er ließ keinen Menschen zu nah an sich heran, zu tief waren die Wunden, zu schmerzhaft die Erinnerung an Melanie. Gefühlsmäßig war er ein kompletter Versager. Warum ging ihm das gerade jetzt so durch den Kopf?
Er hatte sich auf diese neue Aufgabe gefreut. Hier in dieser Wohnanlage war er aufgewachsen, hatte er seine Kindheit verbracht. Damals war er mit seinen Eltern und seinen zwei Brüdern in die damals neu gebaute Krupp-Werkssiedlung eingezogen. Er hatte auf den Grünflächen Fußball gespielt, hatte sich in den Büschen versteckt und mit seinem Freund Hans-Peter Krämer Pläne für die Zukunft gemacht. Von seinem Jugendfreund hatte er schon seit Jahren nichts mehr gehört. Der Kontakt war schon vor langer Zeit abgebrochen, als er nach der Scheidung seiner Eltern mit seiner Mutter nach Norddeutschland umgezogen war.
All diese Dinge gingen ihm jetzt durch den Kopf. Vielleicht kamen diese Erinnerungen deshalb in ihm hoch, weil er durch Julias Kinder an seine eigene Kindheit erinnert wurde. Auch er war damals ein sehr lebhaftes Kind gewesen. Die Geräuschentwicklung, die er dabei verursachte, wurde nicht von allen Hausbewohnern toleriert. Oft gab es Ärger mit den Nachbarn. Über diese Gedanken fiel er in einen tiefen Schlaf.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.10.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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