Hermann Röttger

Wo alle Züge enden

„Sieh´ dir diese Leute an“, könnte er sagen, wenn ihm jemand zuhören würde. „Sie schauen auf mich und glauben, was sie sehen, denn es fällt ihnen nicht schwer, von einer halbleeren Schnapsflasche auf den Menschen zu schließen, der aus dieser Flasche trinkt. Schnapsflasche oder nicht, sie haben Recht. Ich will dich - und mich - jetzt nicht mit der Geschichte langweilen, wie es dazu kam, das ich hier sitze - nur soviel sei gesagt, das es eine gewöhnliche Geschichte ist, die Art von Geschichte, die niemals aufgeschrieben wird, weil sie keine Kapitel und Überschriften hat, es sei denn im Herzen desjenigen, der sie besitzt.“
            „Doch ich will nicht über mich reden (obwohl ich wahrscheinlich genau das tun werde - das tue ich immer, sei mir nicht böse deswegen)“, könnte er weiter sagen, „sondern über diesen Ort und über die Leute, die hier ein- und aussteigen, am Beginn, am Ende oder auf ihrer Reise zu einem mir unbekannten Ziel. Ich liebe diesen Bahnhof, und weißt du auch warum ? Weil man mich hier meistens sitzen läßt und nur selten verjagt, meinst du ? Oder weil es hier relativ warm ist, vor allem unten in der Bahnhofsmission, wo ich täglich ein - und ausgehe und wo man meinen Namen kennt ? Weil hier noch andere sind, abhängig wie ich und immer auf der Suche nach der nächsten Flasche, wenn sie nicht gerade aus einer trinken ? Du irrst dich, wenn du das glaubst - ich schätze den Bahnhof aus all diesen Gründen, aber ich liebe ihn, weil er beständig  ist, weil es ihn schon gab, als ein wesentlich jüngerer als der, den du jetzt vor dir siehst, hier ein - und ausstieg wie jene, die mich jetzt anschauen und nur die Flasche in meiner Hand sehen. Ich liebe ihn, weil es die gleichen Eisenträger sind, die das Dach bilden, zu dem der Junge von einst aufsah, als er mit seinen Eltern eine unbedeutende Reise antrat, die für ihn jedoch ein Abenteuer war, das ewig zu währen schien. Dieser Junge schaute auf das Dach und stellte sich vor, wie es wohl sein würde, dort oben zu stehen und auf die zur Spielzeugwelt geschrumpfte Stadt zu blicken, die jetzt ohne es zu wissen ihm gehörte, auf die am Horizont verschwindenden Züge, die seinen Träumen entgegenfuhren und niemals zurückkehren würden an diesen Ort, der seine Zukunft war. Denn ein Teil von ihm blieb immer hier, bis es schließlich keine Reisen mehr gab, und wenn ich heute hinaufschaue, sehe ich noch immer das gleiche Dach, das aber nicht mehr dasselbe ist und will nicht mehr hinaufsteigen, weil ich weiß, das ich dem Wind dort oben nicht standhalten könnte, jetzt, da meine Träume Erfahrungen sind.“
            „Schau´sie dir an“, könnte er nach einer kurzen Pause hinzufügen. „Ich kann nicht mehr wie sie ein - und aussteigen, und das ist vielleicht der Grund, warum ich sie so gerne dabei beobachte, auch wenn es mich schmerzt, sie zu sehen, weil sie mir zeigen, wie es sein könnte. Sie fahren zu unbekannten Orten, während ich hier nur sitze und in Gedanken mit ihnen reise, und vielleicht war ich schon dort, an ihrem Ziel, vielleicht kenne ich mich dort bestens aus,  aber sie wissen das nicht, vermuten es nicht einmal, und das gehört zu den Dingen, die mich wirklich traurig machen. Das und die Art, wie sie mich anschauen, ohne mich zu sehen. Es gibt Zeiten, wo mir das gleichgültig ist, und wieder andere, wo ich darüber sogar lachen kann, aber manchmal geht es mir so, das ich aufspringen und mich in ihren Weg stellen möchte, und ich tue es dann nur deshalb nicht, da ich Angst habe, das sie einfach durch mich hindurch gehen könnten, nicht aus Bosheit, sondern weil sie mich vielleicht wirklich nicht sehen können, weil ich in ihrer Welt bereits tot bin. Ich weiß, das sich das lächerlich anhört, wenn nicht sogar krank, aber es ist nicht der Alkohol, der diese Krankheit verursacht; er isoliert sie nur und fördert sie zu Tage. Es wird eine Zeit kommen, wo auch meine Flasche gegen diese Bilder nichts mehr ausrichten kann, und das wird die Stunde des letzten Zuges sein, in den ich dann mit Freuden einsteigen und Platz nehmen werde neben ihnen, die dann auch nur noch zweiter Klasse reisen zu jenem Ort, wo alle Züge enden.“
            Dies alles könnte er sagen, aber es währe nicht sein Mund, der diese Worte formen, nicht sein Verstand, der sie hervorbringen würde.
            Doch da ist niemand, der ihm zuhört, und deshalb spricht er Teile davon in den leeren Raum hinein, wie er es häufig tut, sinnlos plappernd und unverständlich. Und wenn ich ihn demnächst sehen werde, auf den Bahnhöfen und an den Bushaltestellen, vor den Trinkhallen und in Parkanlagen sitzend, werde ich ihn nicht mehr wiedererkennen und achtlos vorübergehen.
 

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