Richard von Lenzano

Alle Jahre wieder

Alle Jahre wieder

(vorweihnachtliches Essay)

 
 
 
 
 
 
Ich notiere den 29.10.2011, es ist Samstag, 17:00 Uhr, und – ich mache mir die ersten Gedanken über den Rest des Jahres. In fast 8 Wochen haben wir bereits Jahreswechsel wobei ich mich ernsthaft Frage: Wo sind die ganzen vergangenen Monate geblieben?  Was ist mir von ihnen noch besonderes in Erinnerung geblieben?
Es ist nicht viel, was mir so ad-hoc einfällt.  Unsere Geburtstage, unser Urlaub in der Türkei, einige politische Weltereignisse, aber – das war es auch schon. Viel mehr ist im Unterbewusstsein momentan nicht abzurufen.
 
Es herrscht eine mentale Sperre, welche sich nicht bewegen lässt, weitere Erlebnisse preiszugeben. Meine Gedanken richten sich – gegen meinen Willen – in die Zukunft und stellen schon Überlegungen an, was alles im kommenden Jahr zu erwarten sei. Ich zwinge den Fokus auf das Jahresende und komme zum Entschluss, dass ich mich als nächstes um Weihnachten kümmern muss.
 
Da ich kein Freund von Weihnachtseinkäufen bin, ist das eines meiner großen Probleme in jedem vierten Quartal. Jedes Jahr nehme ich mir fest vor, alle, aber auch alle Geschenke rechtzeitig zu kaufen. Das war der Vorsatz und wie ist die Realität?   Viele meiner Bekannten haben das ganze Jahr über schon Schnäppchen von Aldi, Lidl und anderen zusammengetragen, um sie an Weihnachten verschenken zu können.
Und ich – ich habe wie üblich noch nichts. Gerate aber deswegen momentan nicht in Panik – es ist ja noch fast acht Wochen hin.
 
Mein erster Gedanke ist immer: Schenke Geld, dann hast du keine Probleme, und alle sind zufrieden!
Komme ich dann ein wenig zur Ruhe, purzeln die Gedanken: 
Wieso immer und immer wieder nur Geld! Hast du keine anderen Gedanken oder Ideen? Ist es nicht unpersönlich, ein paar Geldscheine im Umschlag zu verschenken?
Freuen würden sie sich ja, aber ist das eine „echte Freude“? Ist es Freude oder Dankbarkeit?
 
 
Hier müsste man schon ein wenig unterscheiden. Freude ist meist kurz und Dankbarkeit hält länger. Freude ist flüchtig aber Dankbarkeit ist tiefer und nachhaltiger.
Also – ich habe mich eben entschlossen kein Geld zu verschenken!
Habe mir aber dadurch einige Probleme eingehandelt – ich muss verstärkt nachdenken…
 
Schnell ist der Preisrahmen abgehakt, es ist ja zu Weihnachten und da knausert man nicht gerne.
In Gedanken gehe ich alle zu „Beschenkenden“ durch, versuche mich krampfhaft an Eigenarten und Hobbys zu erinnern, um einen Anhaltspunkt beim Einkauf zu haben.
Ich stelle fest, dass ich mich jetzt bereits mehr mit Weihnachten beschäftigt habe als in all den Vorjahren.
Noch habe ich keinen Verkauf getätigt aber in meinem Kopf bestehen bereits Strukturen, was ich dem einen oder anderen schenken sollte.
Wann hatte ich jemals in den letzten Jahren so intensiv über meine Verwandtschaft und über meine Freunde nachgedacht?
 
Primär hat sich bei mir jetzt festgesetzt, dass ich nicht einfach einkaufen, sondern dass ich allen zu Weihnachten eine Freude bereiten möchte.  Und – das habe ich gleich bei meinen letzten Gedankengängen im Speicher behalten:
 
Es kommt nicht auf den Wert oder die Größe eines Geschenkes an.
Es soll Freude bereiten und von Herzen kommen.
Dazu fällt mir ein kleines Gedicht ein,  welches ich bereits 1991 geschrieben habe:
 
 
 

Geschenke

 
Schenke nie um
wiederbeschenkt
zu werden, 
schenke von
Herzen und
mit Verstand –
 
Dann hat selbst das
kleinste Geschenk
einen unermesslichen
Wert.

 
 
 
 
Können uns diese wenigen Zeilen nicht so unheimlich viel sagen?
 
Das bedeutet für uns aber, dass wir wieder ein wenig zurückgehen müssen, wir sollten uns an die Zeiten erinnern, in denen es noch nicht alles im Überfluss gab.  Wer noch im - oder kurz nach dem Kriege - geboren wurde, wird sich an sehr ruhige wie auch „armselige“ Weihnachten erinnern können.
Der Kaufmannsladen war neu gestrichen und aufgefüllt und die Puppen bekamen neue Kleidchen. Auf dem Weihnachtsteller gab es selbstgebackene Plätzchen und ein wenig Schokolade. Das war es.
Wesentlich und für mich nie vergessend war, dass immer ein besonders leckeres Essen zu Weihnachten auf dem Tisch stand. Dafür wurde auch schon vorher kräftig gespart.
 
Heiligabend mussten wir Kinder aus dem Zimmer und konnten nicht mal spionieren, weil man einfach das Schlüsselloch von der anderen Seite zugehängt hatte.
Dann klingelte mein Vater und wir durften in unseren damaligen „Festgewändern“ das Wohnzimmer betreten.
Am Baum brannten die billigen weißen und tropfenden Nachkriegskerzen und der Schein spiegelte sich in den Augen meines Bruders und meiner Schwester wieder.
Der Weihnachtsbaum war bunt geschmückt, sah aber aus – wie ein Krüppel.  Mein Vater hatte ihn Heiligabend gegen Mittag auf dem Markt gekauft, weil er dann billiger war, entsprechend sah er auch aus.
Aber – wir hatten einen echten Weihnachtsbaum, der uns damals unheimlich viel bedeutete.
Es war ein richtiges Familienfest und wir alle, die gesamte Familie war zufrieden und glücklich.
 
Sind wir das heute auch noch?  Ist es nicht problematisch geworden, in dieser rasanten und schnelllebigen Zeit ein wenig Ruhe, Glück und Frieden zu finden?
 
 
Nach diesem Abriss, der sich in meinen Gedanken förmlich aufgedrängt hat, fange ich an, intensiv über gewisse Dinge nachzudenken.
Es kann doch nicht sein, dass „Schenken“ und „Wiederschenken“ die Hauptsache an Weihnachten ist!  War da nicht noch etwas anderes, das wir in der Schule oder im Kindergottesdienst einmal gelernt hatten.
 
Auch wer nicht sehr religiös ist, kann dem christlichen Weihnachtsfest sehr viel abgewinnen, denn - Weihnachten ist auch das Fest der Liebe. 
 
Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst?
 
So haben wir es einmal gelernt, aber, was ist daraus geworden? Sind wir zwischenzeitlich nicht schon viel zu selbstverliebt geworden? Können wir mit dem Begriff Demut noch etwas anfangen?
„Demut zur Natur oder Demut dem anderen gegenüber“?
 
Das sind so meine vorweihnachtlichen Gedankengänge, welche mich unaufhaltsam beschäftigen ohne auch auf jede Frage eine Antwort zu haben.
 
Somit schweifen meine Gedanken weiter in Richtung einer Klärung meines inneren Zwiespalts.
Ich nehme mir vor, jedem meiner Lieben ein kleines, aber sehr passendes und individuelles Geschenk zu machen, wo ich schon vorher vermuten kann, dass es ihnen gefallen wird.
 
Für mich selbst hege ich keinerlei Erwartungen, auch wenn es keine Geschenk gibt, ist es mir recht, wichtiger für mich ist, dass ich zu Weihnachten von all meinen Lieben umgeben bin, dann kommt auch richtige innere Freude und Wärme in mir auf.
 
Wir werden Heiligabend einen Weihnachtsgottesdienst in einer kleinen, für uns zuständigen Kapelle besuchen – wie jedes Jahr – und dort wird es für mich erst die richtige Besinnung und Atmosphäre für das kommende Fest geben.
 
Danach sind meine Gedanken frei und geordnet – sie bewegen sich wieder in geordneten Bahnen …
 
 
 
 

 
Richard von Lenzano
© 10/2011

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.10.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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