Karl-Heinz Franzen

Wieso fragst Du mich das?

Dass Frauen während der Schwangerschaft ihre Essgewohnheiten zeitweise drastisch ändern, das ist doch, mein Lieber, unter uns Erwachsenen hinreichend bekannt. So war es nicht weiter verwunderlich, wenn meine Louisa in der rechten eine saure Gurke hielt und in der linken Hand ein Stück zuckersüße Vollmilchschokolade. Ja, sie biss zuerst rechts hinein, kaute ein wenig, biss dann links hinein, kaute ein wenig, beugte sich zu mir herüber, gab mir ein sauersüßes Küsschen, legte beides, die angebissene Gurke und die angebissene Schokolade zur Seite und rauchte zwei Züge aus meinem Zigarillo, trank einen Schluck aus meinem Glas Lübecker Rotspon, stand auf, ging in die Küche, riss die Kühlschranktür auf, es knisterte Verpackung, natürlich ein Stück Harzer Roller …

 

Ob mich das irgendwie nervte?

 

Sie kam wieder zu mir aufs Sofa zurück, nicht ohne mir vorher ein stinksauersüßes Küsschen auf die Lippen zu hauchen, Kugelschreiber und Zeitschrift zu nehmen, mein Kreuzworträtsel zu bekritteln, mit meiner Dose salziger Erdnüsse dann auf die Toilette zu verschwinden, Love me do von den Beatles zu brummeln, sich wieder zu mir auf das Sofa zu setzen …

 

Ob mich das irgendwie nervte?

 

Ja und nein. Ja, weil ich mir gar nicht vorstellen konnte, wie sie jetzt plötzlich aufspringen konnte, um den alten Hula-Hoop-Reifen aus dem Keller zu holen, den Kullerbauch und das arme Kleine darin, und was auch immer noch in ihrem Innenleben, kräftig durchzuschuckeln und strahlend und keuchend sich zu mir aufs Sofa zu schleudern und lauthals zu rufen: „Geht noch ganz gut, was?“

 

Nein, weil ich mich mit ihr freute auf das Kommende. Weil ich gerade Pläne schmiedete zur Anmeldung zum Fußballverein, wo schon ein jeder auf Tobias wartete, weil er sich als Straßenfußballer bereits unsterblichen Ruhm erspielt hatte mit seinen Dribblings und superharten, klar platzierten Schüssen aus jeder noch so schwierigen Situation. Nach seiner Karriere als Profifußballer würde er seine spielerisch erkämpften Millionen einerseits in Kulturprojekte für die Dritte Welt investieren und um andererseits seiner Familie, seiner superintelligenten und attraktiven Ehefrau, seinen drei Kindern, einen Sohn und zwei Töchter, oh, ich als stolzer Großvater, eine solide Zukunft zu bescheren.

 

Nein, weil ich vielleicht Vater einer zuckersüßen Tochter mit Namen Jennifer würde, die ich jeden Tag stundenlang in den Armen halten würde und in ihren duftigen Haaren schnupperte. Ich wäre immer für sie da. Ich brächte sie jeden Morgen in den Kindergarten, in die Schule an die Universität, ich säße in der ersten Reihe, wenn sie ihren Doktorhut …

 

„Ja, Liebling, ich hole dir sofort den Stuhl heran, damit Du Deine Beine ein wenig hochlegen kannst. Wie bitte? Ja, natürlich, Liebling, die Kaschmirdecke, die wir kürzlich in der Kaufhausauslage gesehen haben, die kaufe ich Dir sofort morgen Vormittag. Ja, bestimmt. Ich nehme mir zwei Stunden frei, natürlich. Heute legen wir noch diese hier, die hattest Du doch immer … Ja, gerne, den Thunfisch oder die Schweinesül … den Thunfisch, ok.“

 

Ob mich das irgendwie nervte? Ich verstehe Dich wirklich nicht. Wieso fragst Du mich das? Ach so!

 

Copyright by Frei Schnauze 
01. November 2011

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