Anke Boos

Unsichtbar

Vielleicht liegt es daran, daß man es nicht sieht.......

ICH jedenfalls habe es noch nicht gesehen.

Aber zumindest Anna Ritter muß es mal gesehen haben, denn sie schreibt in „Denkt Euch, ich habe das Christkind gesehen...“ von ihrem erstaunlichen Erlebnis.

Als ich mir im letzten Jahr auf der Homepage der hiesigen Tageszeitung in der Foto-Galerie all die wunderschön gemalten Bilder für den Weihnachtsmalwettbewerb angesehen habe, fielen mir neben festlich geschmückten Tannenbäumen, lustigen Schneemännern, Weihnachtskrippchen, einigen Engelchen und (ich glaube) einem einzigen „echten“ Nikolaus mit Bischhofsmütze und Stab unzählige Weihnachtsmänner auf.

Abgesehen davon, daß auch die Weihnachtsmann-Bilder von den Kindern wunderschön gemalt waren: ICH mag den Weihnachtsmann nicht.

Überhaupt nicht.

Er ist mir zu laut und zu polternd mit all seinen „Ho-Ho-Hos“ und seiner Schornsteinrutscherei und gar seinem galoppierenden und bimmelnden Rentier-Gespann. Und zu Amerikanisch. Nun, nach Amerika paßt er ja auch gut hin mit seinem Spektakel, denn die Amerikaner feiern Weihnachten bekanntermaßen eben laut und bunt.

OK, ich muß dem Weihnachtsmann zugute halten, daß er entgegen der inzwischen fast schon landläufigen Meinung KEINE Erfindung von Coca Cola ist. Alte Postkarten aus dem 19.Jahrhundert beweisen, daß es die Darstellung des dicklichen Weihnachtsmanns mit dem rot-weißen Mantel neben anderen Varianten schon im 19. Jahrhundert gab. Allerdings wurde dieser seit 1931 bis heute alljährlich von Coca Cola für eine Weihnachtswerbekampagne aufgegriffen und hat damit vermutlich zur weltweiten Verbreitung des Weihnachtsmanns in dieser, uns bekannten Form beigetragen.

Ich habe den freundlichen alten Mann mit dem weißen Bart, mit Sack und Rute auf nostalgischen Abbildungen zum Beispiel auch schon mit grünem oder auch cremeweißen Mantel gesehen, und es stand ihm ausgezeichnet.

Aber mit dem „amerikanischen“ Weihnachtsmannmit Knollnase und Pausbacken, wie er uns in unzähligen Dekofiguren, Werbespots, in Weihnachts-Fernsehfilmen, auf Geschenkpapier und Nikolaustüten (wo doch eigentlich ein „richtiger“ Nikolaus drauf gehört) und zum allem Überfluß als an Hauswänden hochkletternden geschmacklosen, lebensgroßen Figuren begegnet kann ich GAR nichts anfangen.

Bei uns zu Hause kam und kommt von je her das Christkind.

Google hat mich belehrt, daß diese Symbolfigur, zusammen mit dem Nikolaus, vorwiegend in katholisch geprägten Gegenden am Werke ist, während der Weihnachtsmann in verschiedenen Formen eher den evangelischen Menschen Geschenke bringt.

Offenbar verdrängt jedoch der Weihnachtsmann in den letzten Jahren das Christkind immer mehr vom „Markt“.

So wird unser Nesthäckchen, der 4-jährige Theo, in verschiedenen Spielzeug- und Süßigkeitenabteilungen auch hier, in einer eindeutig katholisch geprägten Gegend von mitfühlenden Passanten gerne mit den Worten verwirrt: "Das bringt Dir sicher der Weihnachtsmann!". Ich bestehe darauf: "Bei uns kommt das Christkind."

 

Auch wenn keiner der vielen am Malwettbewerb teilnehmden kleinen Künstlern ein Christkind gemalt hat. Es weiß ja eben auch keiner, wie so ein Christkind auszusehen hat.

Auf den wenigen Christkindabbildungen in (fast immer alten) Bilderbüchern ist das Christkind entweder ein Kind mit Flügeln (nicht zu verwechseln mit dem Christuskind) oder eine schöne Frau mit Flügeln.

Eins meiner liebsten Weihnachtsbücher in den frühen 70ern zeigt als Christkind ebenfalls eine junge Frau, ähnlich einer Disney-Prinzessin.

Das echte Christkind ist natürlich noch ein kleines bißchen strahlender, glänzender, funkelnder, goldener. Klar. Das weiß ja wohl jeder, wie so ein Christkind leuchtet.

Und vor allem ist es leise und geheimnisvoll.

Wenn in der besten Stube die Türen abgeschlossen und die Fenster zugehängt sind, ist das Christkind mit seinen Engelchen drinnen beschäftigt. Man wagt es nicht einmal, an der Tür zu horchen (man würde eh nichts hören, das Christkind arbeitet sozusagen lautlos, allenfalls ein paar Engelsgesänge würden einem zu Ohren kommen), das Christkind mag nämlich nicht gerne gestört werden.

Eine alte, alleinstehende Dame, von uns Tante D(...) genannt, erzählte mir in meiner Kindheit, daß sie wiederum als Kind auf Heiligabend krank auf dem Sofa im Weihnachtszimmer lag und sich fragte, wie denn wohl um himmelswillen das Christkind den Baum schmücken und die Geschenke drunter legen könne, wenn sie hier doch krank darniederläge und nicht aufstehen könne. Das Christkind sorgte jedoch dafür, daß das kranke Mädchen einschlief, so konnte es mit seinen Engeln schnell all die viele Arbeit tun, denn als das Kind aufwachte, war alles fertig geschmückt und die Geschenke lagen an Ort und Stelle.

DAS hätte ein polternder lauter Weihnachtsmann doch NIE geschafft.

Wie gesagt, bei uns sind die Stubentüren verschlossen, und wie das Christkind denn ins verschlossene Wohnzimmer gelangen kann, fragt man sich gar nicht erst, denn das gehört selbstverständlich zum Berufsgeheimnis des Christkinds. Es kommt jedenfalls nicht mit lautem „Ho-Ho-Ho“-Gebrüll durch den Schornstein, soviel steht fest.

Es ist eben sehr geheimnisvoll, das Christkind. Viel passender zur traditionellen deutschen Weihnacht, die ja auch eher still und leise ist. Oder sein sollte.

Jedenfalls stelle ich mir die Weihnachtszeit still und leise, geheimnsisvoll und voller Zauber vor.

Vielleicht gerade deshalb, weil man das Christkind eben nicht sieht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.11.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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