Andreas Dany

Eine Weihnachtsgeschichte 2



Es war ganz still in unserem kleinen Wagen. Der frischgefallene Schnee bedeckte längst die Scheiben von unserem Auto. Unser feuchter Atem hatte sich wie eine Gardine von innen auf das kalte Glas gelegt. Keiner von uns sagte ein Wort, jeder war mit seinen Gedanken bei unserem verlorenen Weihnachtsfest. Ich glaube es tat deshalb besonders weh, weil wir uns alle schon seit Wochen auf dieses ganz besondere Weihnachtsfest gefreut hatten. Jetzt gab sich jeder einzelne von uns Mühe, seine Enttäuschung nicht vor den anderen zu zeigen, um es für sie nicht noch schlimmer zu machen. Einmütig saßen wir Kinder aneinander gekuschelt auf der Rücksitzbank. Ein Bild mit Seltenheitswert!
Da näherte sich aus dem Wald ein Motorengeräusch. Das war aber kein Auto, nein, so klingt ein Trecker. Martin und ich stiegen aus. Ein kleiner grüner Trecker kam tuckernd aus dem Waldweg. Der Alte saß am Lenkrad, und mein Vater hockte neben ihm auf dem Radkasten. Er sprang herunter, der Alte wendete sein Fahrzeug und Vater befestigte ein dickes Seil an der Abschlepp-Öse von unserem kaputten Auto. Unaufgefordert wischten Martin und ich mit den Ärmeln unserer Jacken den Schnee von den Scheiben.
Schnell stiegen wir wieder ein. Papa setzte sich hinter das Lenkrad, kurbelte die Scheibe herunter, stellte die Warnblinkleuchte aus und rief „ Ok, es kann losgehen!“. Es gab einen scharfen Ruck und der Wagen setzte sich in Bewegung. Dem Trecker schien die zusätzliche Belastung nichts auszumachen. Ohne Mühe zog er unser vollbesetztes Auto durch den Wald. Nach etwa einem Kilometer fuhren wir durch ein großes, schmiedeeisernes Tor. Ein paar hundert Meter weiter schleppte uns der Trecker direkt in eine große Scheune deren Torflügel weit geöffnet waren.
Das Motorgeräusch verstummte. Der Alte kletterte vom Trecker und wir stiegen aus dem Wagen. „Wir nehmen das Gepäck gleich mit ins Haus, Herr Binger hat uns freundlicherweise angeboten bei ihm zu übernachten. Heute kommen wir sowieso nicht mehr weiter.“ Offensichtlich hatten sich mein Vater und dieser Herr Binger eine Lösung für unser Problem ausgedacht. Wir sahen uns traurig an, irgendwie hatten wir noch einen Hoffnungsschimmer gehabt, heute doch noch zu unserer Pension nach Willingen zu kommen. Jetzt hatten wir zwar ein warmes Dach über dem Kopf, aber das Weihnachtsfest, auf das wir uns alle so sehr gefreut hatten, war wohl endgültig gestorben.
Gina war die erste die ihre Stimme wiederfand. Halb ängstlich und halb weinend fragte sie:„ Und Weihnachten? Was ist jetzt mit Weihnachten?“ Mein Vater wollte ihr antworten, aber die brummige Stimme von Herrn Binger meldete sich zu Wort: „ Kind, Weihnachten ist überall!“ dabei strich er ihr beruhigend über ihren Kopf. „ Aber jetzt bringen wir erst mal das Gepäck ins Haus.“
Mit unseren Taschen unter dem Arm stolperten wir in die große Diele des Gutshauses. Dort erwarteten uns eine ältere Frau und Ben, der Gina so stürmisch begrüßte, dass sie gleich umfiel. Statt sich zu beschweren, gackerte sie aber sofort los und liebkoste das große Tier. Herr Binger stellte uns vor: „ Das ist meine Haushälterin, Frau Klein. Mechthild, das sind unsere Überraschungsgäste!“ Herr Binger hatte sie wohl schon vorgewarnt, als er den Hund ins Haus gebracht und den Trecker geholt hatte. Frau Klein, die alles andere, aber nicht klein war, strahlte über ihr gerötetes, freundliches Gesicht. Sie schien sich über unser Erscheinen richtig zu freuen, schüttelte uns allen die Hand und plapperte dabei munter drauflos: „Hast du Töne, wen bringt uns das Christkind denn heute mit? Stellt eure Taschen schon mal nach oben in den Flur, wir müssen die Betten noch beziehen.“ Zu Herrn Binger gewandt sagte sie„ Tja Heinrich, nun brauchen wir doch noch einen Baum!“
Ginas Miene hellte sich merklich auf, denn wie wir anderen, hatte auch sie sofort bemerkt, dass es in diesem Haus nicht gerade weihnachtlich aussah. Der Alte brummte etwas, das sich wie: „ Auch das noch“, anhörte, zog sich aber ohne weitere Einwände sofort wieder seine schweren Stiefel und seine Jacke an. „Ich helfe Ihnen“, Martin stand schon neben Ihm „ Ich auch“, rief ich sofort, obwohl ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte wo man um diese Zeit noch einen Tannenbaum kaufen konnte, noch dazu in dieser Einöde! Wir hatten unser „ Jetzt bloß nicht wegschicken“ Gesicht aufgesetzt. Das gebrummelte:„ Na gut“ klang schöner als ein Weihnachtslied von den Fischer-Chören.
Gemeinsam mit Herrn Binger gingen wir wieder hinaus in die Kälte. Mittlerweile lag der Schnee schon fast knietief, und wir waren beide froh, schon auf der Fahrt unsere Winterstiefel angezogen zu haben. Aus der Scheune holten wir einen großen Schlitten, eine Bügelsäge und eine Petroleumlampe. Martin zog den Schlitten, ich hatte stolz die Bügelsäge geschultert und Herr Binger stapfte mit der Petroleumlampe voraus. Wir sprachen kein Wort und es war wunderschön dem knirschenden Geräusch unserer Schritte im frischen Schnee zu lauschen. Im Gänsemarsch zogen wir in eine nahegelegene Schonung bis Herr Binger stehenblieb und leise sagte: „ So, ihr sucht den Baum aus, dann hab ich keine Schuld, wenn er nachher schief ist.“„Aber das ist doch sicher verboten!“, Martin schaute Herrn Binger etwas ängstlich an, der aber lächelte und beruhigte ihn:„ Nicht wenn einem der Wald gehört!“ „ Und warum sprechen wir dann so leise?“, fragte ich ihn flüsternd. „ Weil man in der Natur keinen unnötigen Krach macht, das erschreckt die Tiere im Wald!“ Das leuchtete uns beiden Stadtkindern natürlich ein, und so bewegten wir uns noch leiser und vorsichtiger.
Unsere ersten beiden Vorschläge wurden von Herrn Binger nicht angenommen. „ Ne, viel zu klein den sieht man im Wohnzimmer ja gar nicht, da krieg ich Ärger mit Mechthild.“, brummelte er. Aber dann suchten wir eine schöne große Tanne aus. Der Baum war bestimmt 3 Meter hoch und hätte bei uns zu Hause noch nicht einmal durch die Haustür gepasst. Ich durfte die Lampe halten, die erstaunlich viel Licht verbreitete und Martin und Herr Binger sägten. Es dauerte keine fünf Minuten und der große Baum lag im frisch gefallenen Schnee. Mit vereinten Kräften zogen wir ihn zu dem Schlitten und legten ihn darauf. Herr Binger schlang einen Spanngurt, den er aus seiner Jackentasche zog, um den Baum damit er nicht herunterfiel. „Ihr zieht, ich schiebe!“, ordnete er an. Man konnte unsere Spuren vom Hinweg gerade noch erkennen, obwohl schon viel Schnee darauf gefallen war. Aber schon bald sah man die Lichter des Gutshauses durch die Bäume schimmern. Wir zogen den Schlitten bis zur Scheune und schleppten die Tanne hinein. In der Scheune nagelten wir Kanthölzer an den Stamm des Baumes, damit man ihn später hinstellen konnte. Ich hatte mich schon gefragt, wo es denn so einen großen Tannenbaumständer gab. Sorgfältig schüttelten wir den Schnee von den Zweigen und trugen unsere Beute stolz ins Haus.
Vater stand an der Tür und half uns den Weihnachtsbaum in das Wohnzimmer zu schleppen. Dort hatte Frau Klein in der Zwischenzeit schon eine große Decke auf dem Boden ausgebreitet, auf den wir den Baum jetzt abstellten. Frau Klein und Mutter standen in einigem Abstand davor und wir mussten den Baum noch ein paar Mal drehen, bis die beiden zufrieden waren.
„Ihr Männer schmückt den Baum, wir Frauen gehen in die Küche!“, war die klare Ansage von Frau Klein. Damit verließen beide die Stube. Zuhause hatten wir Kinder noch nie den Baum schmücken dürfen. Früher hatte ich noch geglaubt das Christkind würde das Weihnachtszimmer vorbereiten, aber jetzt wusste ich natürlich, dass das meine Eltern taten.
Martin und ich waren mit Feuereifer bei der Sache und schon bald war der Baum mit bunten Glaskugeln, wunderschönen Strohsternen, Lametta und einem großen goldenen Stern auf der Spitze geschmückt. Als wir die Arbeit erledigt hatten bewunderten wir gemeinsam unser Werk. Der Baum sah nicht nur umwerfend aus, seit er in der warmen Stube stand, verströmte er auch noch einen tollen Duft! „Das ist der schönste Baum, den ich je gesehen habe!“, Martin sprach aus, was ich auch schon gedacht hatte. Wir beide platzen fast vor lauter Stolz!
Die Tür ging auf und Mama und Frau Klein kamen herein. Beide bestaunten unseren Baum. Frau Klein lächelte Herrn Binger zufrieden an und sagte: „ Schön Horst, das habt ihr richtig schön gemacht! 
Während Martin meinem Vater die roten Wachskerzen anreichte, die dieser sogleich auf den Zweigen des Baumes verteilte bauten Herr Binger und ich die Krippe auf. Dann traten wir einen Schritt zurück und betrachteten unser Werk. Obwohl die Kerzen ja noch nicht brannten war der ganze Raum in eine andere Stimmung getaucht. Jetzt war Weihnachten! „So, alles was jünger als 20 ist, raus!“, die Stimme von unserem Gastgeber holte uns in die Wirklichkeit zurück. Beim Verlassen der Wohnstube warfen wir noch einen Blick über die Schulter und als sich Martins und mein Blick trafen wusste ich, dass er genauso stolz wie ich war.
Auch Frau Klein und meine Mutter waren nicht untätig gewesen. Aus der Küche zog ein köstlicher Duft durch das Haus. Neugierig wagten wir einen Blick durch die halbgeöffnete Tür. Die Küche war riesig. In der Mitte stand ein schwerer Eichentisch, auf dem jetzt allerlei Gusseiserne Töpfe und Pfannen standen. Wir sahen Rührschüsseln und Hackbretter mit geschnittenem Gemüse. Gerade wollten wir etwas vom Tisch stibitzen, da entdeckte Frau Klein uns und rief: „Raus hier, ihr Lausebengels, ab nach oben, waschen und umziehen!“, dabei drückte sie aber jedem einen schönen roten Apfel in die Hand. Wir stoben die breite Holztreppe nach oben und wurden sogleich von meiner Mutter in Empfang genommen: „Marsch in die Wanne, wir wollen noch in die Christmette!“ Schnell hatten wir uns ausgezogen und tauchten in das heiße Wasser der Wanne. In diesem Haus schien alles eine Nummer größer zu sein, als wir es gewohnt waren. In dieser Wanne hätte man fast schwimmen können. Viel zu schnell war meine Mutter wieder im Raum und trieb uns zur Eile an: „Hopp, hopp, wir wollen los! Mutter hatte uns schon Kleidung zurechtgelegt und wir zogen uns rasch an. 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.11.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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