Ewald Frankenberg

Demokratische Kraniche

Heute ist wieder Großflugtag. Ich höre sie schon, noch im
Bette liegend. Und es treibt mich an, raus zu kommen. Mit
dem Fernglas in der Hand wird der heute nicht mehr ganz
so blaue Himmel abgesucht. Was heißt hier überhaupt suchen,
der ganze Himmel ist voll riesiger, dunkler Einsen, da kann
man Garnichts übersehen.

Ich weiß auch nicht, was mich am Zug der Kraniche immer so
fasziniert. Vielleicht ein Fernweh, das mir innewohnt, es ist
für mich jedenfalls nicht der Wunsch, die Aussicht auf
norddeutsche Wintertristesse gegen Sonnengarantie zu
tauschen, dafür liebe ich den ständigen Wechsel der
Jahreszeiten viel zu sehr, freue mich auf jede von ihnen.

Aber immer wenn ich jetzt Kraniche sehe, werde ich auch an
eine Beobachtung erinnert, die ich vor Jahren machte und
damals gleich niederschrieb, ergänzt mit Gedanken, die sich
für mich aus dem Beobachteten ergaben.

Demokratische Kraniche                   26.12.2008

Winter 2008, zweiter Weihnachtstag, morgens, …, mittags,
für uns jedenfalls noch vor Frühstück, was keine unbedingte
zeitliche Eingrenzung bedeutet, im Grunde aber auch
vollkommen unerheblich ist. Interessant nur die Geräusche,
die zwar meinen tauben Ohren entgingen, aber gerade für so
etwas habe ja Birgitt. Zwar konnte auch sie nicht auf Anhieb
zuordnen, weil eigentlich vom Kalender her zum falschen
Zeitpunkt, aber es waren tatsächlich Kraniche.

Wie gesagt, mitten im Winter, so dass ich keine Vermutung
über die Flugrichtung wagte, allerdings hoffte, es würde
Richtung Norden gehen, würde es doch auf ein frühes
Winterende hindeuten. Wir hatten Anfang November eine
längere Frostperiode und ich hatte einen Sonntagnachmittag
mit dem Fernglas vor den Augen verbracht, weil sich der
blaue Himmel immer wieder schwarz färbte von Kranichen
die Richtung Süden zur Überwinterung unterwegs waren.

Dann folgten ein paar relativ milde Wochen, so dass nicht
unbedingt klar war, ob sich jetzt, nach einer erneuten
Frostnacht die zuvor Unentschlossenen doch noch auf den
Weg machten oder die aus dem Süden in dem Bewusstsein
eines milden Winters auf dem Weg zurück waren. Der freie
Blick auf den Himmel offenbarte dann tatsächlich eine Schar
Kraniche, aber keine Antwort auf meine Frage.

Statt der KNE (Kranich Norm Eins) gewahrte ich einen wilden
Haufen, der gerade eine Spirale um einen imaginären Mittelpunkt
wand, um daraus herauszuschleudern in Richtung Nord. Aber
bevor sich endgültig die KNE herausbilden konnte implodierte das
Gebilde zu einem wilden Rudel, das den einhundertundachtzig Grad
Richtungswechsel vornahm. Sie entschwanden aus meinem Blickfeld,
ich zog mir schnell etwas über, um sie draußen etwas länger
verfolgen zu können.

Ich öffnete die Tür zur Südseite, schaute zum Himmel und sie
kamen mir doch tatsächlich schon wieder entgegen, in ein Rudel
zusammenfallend, das dann weiter in Richtung Süden fliegt.
Dieses Schauspiel wiederholte sich noch zwei, dreimal, bis der
Tross, zwar unentschlossen, aber in der Grundtendenz Richtung
Süden aus unserem Blickfeld verschwand.

Mir stellte sich die Frage, was war das?

Sah ich einen wilden Haufen, in dem der Führer gestürzt wurde
und der neue Führer auch gleich seiner Autorität beraubt wurde,
oder wurde ich hier Zeuge einer Demokratisierung im Tierreich.
Man traf sich am Runden Tisch zu einer Wahlveranstaltung, die
Wahlsieger setzen die neue Richtung durch, wir erleben interne
Flügelkämpfe, Richtungswechsel, Misstrauensvotum, neue Ausrichtung,
es sieht alles nach Aufbruch und Veränderung aus, aber in der
Grundtendenz bleibt alles beim Alten, mal abgesehen davon, dass
gegenüber den Rotten mit klarer Ansage viele Wochen verschenkt wurden.

Wie geht es weiter, liegt der Untergang der Demokratie vor uns
oder haben diese demokratischen Tiere, ähnlich wie bei den
Menschen, das Glück, das sie wegen der Trägheit in der
Vorwärtsbewegung mit dem kürzesten Rückweg zu den
Futterplätzen gesegnet sind, diese besetzen können, ihren
Anhängern vorspielen können, nur die demokratische Wirtschaft
ist in der Lage, ihr Volk satt zu bekommen, seht die Anderen, wie
sie immer hinterherhinken und ihre Angehörigen hungern müssen,
weil sie nichts rechtes auf die Beine stellen.

Ein voller Magen ist jedenfalls gute Grundlage für konservative
Einstellungen und für ein Votum zum Erhalt des Erreichten und
gegen die Veränderung. Denn wir sehen deutlich: die andere Form
verlangt viel mehr Arbeit, ohne etwas zu erreichen oder Garantie
auf einen gefüllten Magen geben zu können.

                                                                 ©Ewald Frankenberg

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