Hildegard Grygierek

Auf Lanzaro(u)te

Eine Woche dem deutschen Winter entkommen, das wäre doch mal was.
Nach dem Motto "Gedacht-Getan" startete der Flieger für uns "Kurzentschlossene" Ende Januar von Paderborn aus, Richtung Lanzarote.
Sonntagmorgen um fünf Uhr gingen wir bereits in die Luft -
ganz besonders über das Rumgenörgel der stabilen Frau vor uns. Entweder war es ihr zu eng, zu langweilig oder die Toilette lag zu weit entfernt. Dass ihr eine wirklich ausgeschlafenen Stewardess zur Verwunderung aller Mitreisenden zuerst das Frühstück reichte, schien ihr überhaupt nicht aufzufallen. Nur, die für das Plastikmesser viel zu harte Kruste des Brötchens. Während sie sich das Brötchen von ihrem Mann tranchieren ließ, traktierte sie ihn lauthals, sich bloß nicht an seiner Leberwurst zu vergreifen. Ich traute meiner Wahrnehmung nicht. Da reichten ihm doch aus allen Richtungen mitfühlende Männer ihre Leberwurstschälchen herüber. Ein Intermezzo erster Buiseness-class!!!
Superpünktlich -dank Rückenwind- auf Lanzarote angekommen, nahm uns "Heidi" die Reiseleiterin der Reisegesellschaft "Phönix" freundlich in Empfang. Schon etwas in die Jahre gekommen, begrüßte sie uns mit jugendlichem Charme und erklärte mit leicht angerauhter Stimme den Weg zum "Las Marinas" nach Costa Teguise. Gut dass wir den Leihwagen, der uns eine Woche lang zu den Sehenswürdigkeiten der Insel befördern sollte, bereits ab Flughafen gebucht hatten. Somit konnten wir auf Umwegen -mitten durch den Hauptstadtverkehr- zum Hotel gelangen.
Dort angekommen ging es mir dann gar nicht mehr so schlecht wie auf der Slalomfahrt unzähliger Kreisverkehrsausfahrten.
Mit aller Liebenswürdigkeit begrüßte uns die Rezeptionsdame, wobei sie uns einen deutschen Wortschwall mit spanischer Vertonung um die Ohren haute, der mich direkt stramm stehen ließ. Ich traute mich kaum von der Stelle als sie versuchte mit immer kräftiger werdender Stimme den Weg zum Apartment zu beschreiben. Mein Mann suchte längst das Weite, während ich immer noch regungslos an der Rezeption stand. "Willst Du nicht, oder kannst Du nicht", rief er zu mir rüber, bis ich endlich begriff, dass ich eh nichts begriff. Also folgte ich ihm auf Schritt und Tritt, um mich mit ihm gemeinsam auf den Erkundungspfad zur Herberge zu begeben.
Der Weg führte uns durch einen herrlich mit Phönixpalmen angelegten Innenhof direkt am Pool vorbei. Der erste Eindruck stand schon mal fest: "Ach wie schön" und der zweite: "Und wo geht's nun zum Apartment hin?" Wirklich spanisch bot sich uns ein Bild des Vertrauens, bzw. vertrauter Umgebung. Das heißt, eine behaglich wirkende Wohnanlage streckte sich in enorme Breite und in nicht gerade bescheidene Länge. Sicherlich der Grund dafür, warum sich mein Mann trotz aller Aufgeschlossenheit an der falschen Tür zu schaffen machte. Ist es da ein Wunder, dass der "Bewohner", welcher mich wegen seines langen Bartes an Robinson Crusoe erinnerte, nicht besonders freundlich auf den Einbruchversuch reagierte? Schließlich waren die Zimmertüren mit Riesen-Zahlen versehen, die wir aber vermutlich wegen fortschreitender Konzentrationsschwäche durch Müdigkeit einfach übersahen, bzw. immer wieder verdreht ablasen.
Aber dann endlich, praktisch nach dem dritten Anlauf des misslungenen Öffnungsversuchs durften wir uns einer wunderschönen Wohnung erfreuen. Sogleich packten wir unseren Koffer aus und "richteten" uns gemütlich ein - im Bad. In Null Komma Nichts waren Toilettenartikel gleichmäßig verteilt, auf die mein Mann auch im Urlaub niemals verzichten würde.
"Nur raus", dachte ich, "aus dem Bad und den Winterklamotten", streifte mir mein Lieblingssonnentop über und zog mir eine bequeme Flatterhose an. Auch Georg hatte sich fesch zurechtgemacht, kurze Hose, T-Shirt, ganz touristentypisch. Zur Abwechslung waren wir uns einig, zum nur wenige Kilometer entfernten Kaktusgarten zu fahren.
Wirklich toll so ein Leihwagen im Urlaub, nichts ist unmöglich, auch in einem Opel-Corsa. Vollklimatisiert, fast nagelneu, was will man mehr.
Nur noch Wasser und Meer- und davon gab es ja genug auf der einmalig schönen Insel.
Erst beim Verlassen der Ferienanlage merkte ich wie kalt es "draußen" war. Von wegen Hochsommertemperaturen, ich fror wie ein Schneider. Und Georg? Der meinte: "Ist doch klasse das Frühlingsklima, ein bischen frisch, aber gesund".
Von mir aus hätte es ruhig ungesund heiß sein können, denn selbst mit Strickjacke fror ich noch und der aufkommende Sturm mit gleichzeitigem Gedanken an meine Urlaubsgarderobe ging mir echt unter die Gänsehaut. Egal, eine Woche sollte ich "überleben" können, im kleinen Schwarzen mit Spaghettiträgern und Schläppchen - bei nahezu sechzehn Grad!
Männer sind doch da wesentlich abgehärteter - mit Jeans, Oberhemd oder Sweat-Shirt.
Meine schwarze Strickjacke tat auf jeden Fall ihr Bestes und "klebte" fast die ganze Woche über an mir.
Aber es gab auch andere Windschattenseiten, wo die Sonne wenigstens meine Arme so richtig schön braun werden ließ. Zum Beispiel am Hafen in Playa Blanca. Jeden Mittag verweilten wir dort ein Stündchen bei leckerem Cappucino oder wärmten uns mit einem Pott deutschen Jacobs Kaffee auf. Eine wirklich attraktive Promenade mit wunderschönen Panorama auf die Feuerberge machten die täglichen Spaziergänge zu einem unvergessenen Erlebnis.
Natürlich zählen (immer noch) unter den gewonnenen Eindrücken auch die Autotouren kreuz und quer durch die Insel. Keine Sehenswürdigkeit sollte sich unserer Besichtigungsgier entziehen, angefangen von Arrecife, der verkehrsreichen Hauptstadt, bis zum Tal der Hundert Palmen.
Ebenso musste die Schönheit jeder kleinsten Badebucht die Schnauze unseres geliehenen
Route-Runners küssen. Ganz so zärtlich fiel jedoch der Kuss mit einem Geröllhaufen beim Rückwärtssetzen nicht aus. Festgefahren!
Zum Glück ohne jeden Kratzer blieben wir an Ort und Stelle stehen. Nichts ging mehr, außer die Räder. Bis sich der stechende Gestank von heiß gewordenem Gummi verflüchtigt hatte, kam "unser" kleiner Corsa dank Georgs Erfahrung schnell wieder frei und wir noch mal mit einem Schrecken davon.
Ansonsten verlief der Urlaub ohne besondere Vorkommnisse, leider aber auch ohne den erhofften Sonnenuntergang. Unsere allabendliche Mühe, dem Naturschauspiel über die Autobahn nachzujagen, sollte nicht ein einziges Mal belohnt werden. Hoch auf dem Feuerberg angekommen hatte es der Himmel unglaublich eilig die Schotten dicht zu machen - und das jedesmal.
Nun ja, einen malerisch schöne Sonnenuntergang kann man auch im Deutschen Land bewundern -
nur zehn Minuten von meiner Haustür entfernt, geradewegs im Ackerland nahe des Gysenbergs.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.02.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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