Angela Wolter

Anna ist nicht eingeladen (Teil 1)

Die Schwiegermutter hatte den Kaffeetisch für vier Damen gedeckt. Auf der Terrasse; wie es sich gehört, mitten im August.
Anna war unsicher. War sie eingeladen oder nicht? Nach der Anzahl der Gedecke zu urteilen, war sie es natürlich nicht. Wo um alles in der Welt sollte sie sich dann wohl aufhalten? Jedenfalls nicht auf der Terrasse.
Anna verfluchte die Evakuierung. Vor noch vier Wochen besaß sie eine wunderschöne Wohnung am Elbdeich. Ohne Schwiegermutter.
Die Freundinnen ihrer Schwiegermutter gingen sie schließlich nichts  an. Obwohl eine von ihnen noch vier Jahre jünger war als Anna.
Soll ich drinnen bleiben und fernsehen? dachte Anna. Begrüßen muß ich die Damen doch wohl?
Was ist wenn sie mich fragen, warum ich nicht mit Kaffee trinke
„Ich bin nicht eingeladen.“
Für die Schwiegermutter wäre das doch peinlich, die gerade Evakuierte, nicht am gemütlichen Kaffee trinken teilhaben zu lassen.
Anna könnte lügen. Einen ihrer Grundsätze verletzen.
„Ich habe keinen Kaffeedurst!“
Das würde die Damen brüskieren, aber die Schwiegermutter erfreuen.
„Anna bildet sich wohl sonst was ein! Arme Irma-Ingrid, geschlagen mit so einer undankbaren Schwiegertochter.
Das Handy klingelte. Die Erlösung?
Annas Eltern riefen an:
„Oma ist im Krankenhaus. Sie ist schwach und hat Fieber. Aber es ist keine Gefahr. Du brauchst nicht her zu kommen.“
„Was hat Oma denn?“ Anna war sehr besorgt
„Das wissen die noch nicht. Es werden erst einmal Untersuchungen gemacht.
„ Wir fahren auch  nicht hin.“
Annas Besorgnis wuchs. Die arme, kleine Oma.
„Ich komme sofort!“
„Nein, das brauchst du nicht!“
„Ist gut.“ diesmal log Anna.
 
Mit einer Todesmiene ging sie zur Schwiegermutter.
„Oma ist im Krankenhaus. Ich fahre sofort hin.“
Die Schwiegermutter erwiderte die Miene gebührlich. So, als wäre es ihre Oma. Sicher, sie kann den Damen nachher was erzählen. Annas Abwesenheit hätte wohl möglich einen tot sicheren Grund. Irma -Ingrid hatte die garantierte Aufmerksamkeit aller anwesenden Damen. Ein schwerer Krankheitsfall in der Familie war kaum zu überbieten.
 
Anna nahm die Landstraße. Fuhr vorbei an saftig-grünen Wiesen. Wie sehr sie doch die Flußlandschaft liebte. Anna war bei ihren Großeltern aufgewachsen, die eine Wohnung direkt am Elbhang gemietet hatten. Mit ihrem Opa schaute Anna den Schiffen nach. Als der Opa schon lange gestorben war, standen Oma und Anna am Hang und sprachen über seine Liebe zum Wasser. Daran dachte Anna jetzt.
 
Die Wiesen waren noch immer überflutet, aber das schien nichts zu sein gegen das Hochwasser vor acht Wochen.
Meine schöne Wohnung am Deich, dachte Anna wehmütig
„Hallo Fluß, meine liebe Elbe, “ flüsterte sie.
Der Fluß hat ein Bett, dachte sie neidisch, und im Moment ein sehr großes.
 
Anna klingelte mehrfach. Niemand öffnete. Sie ging in den hinteren Garten, von wo aus sie einen Blick in die elterliche Wohnung hatte.
Da standen doch ihre Eltern! Hatten sie das Klingeln nicht gehört? Der Vater verdrehte die Augen als er Anna sah. Die Mutter versuchte ihn zu beschwichtigen. Es war alles zuviel für Anna
Am besten gehe ich gleich wieder, dachte sie, machte sich aber dennoch bemerkbar.
Wir haben doch gesagt, dass du nicht zu kommen brauchst“ sagte der Vater gereizt.
Was haben bloß alle gegen mich, dachte Anna
„Wie geht es Oma?“
„Noch immer so wie vorhin.“
Anna fühlte sich unglücklich, genervt und traurig.
Ich weiß wirklich nicht, wo ich hin kann, dachte sie.
„Das macht doch nichts, dass sie hier ist“ sagte die Mutter mit einem Blick auf Anna.
Via Phantasie wurde Anna von einem heftigen Keulenschlag am Kopf getroffen. Der Kopf zuckte seitwärts. Anna spürte, wie an der rechten Schläfe eine Beule wuchs. Groß wie eine Tomate, aber blau.
„Oma kommt sowieso ins Altenheim“ sagte die Mutter unvermittelt.
Da landete eine Speerspitze mitten in Annas Magengrube.
 
 
Die alte Frau lag schwach und müde da. Sie schlief jedoch nicht.
Auch kein eigenes Bett, dachte Anna.
Sie nahm Großmutters Hand
„Na, meine Anna, “  flüsterte diese.
 
Die Augen der alten Frau blickten liebevoll auf Anna. Großmutter drückte Annas Hand leicht. Innerlich weinte Anna ein bißchen. Sie konnte nicht sprechen. Brauchte auch nicht zu sprechen.
 
Da waren sie beide. Oma und Enkelin. Beide hatten zurzeit kein eigenes Bett.
 
 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Angela Wolter).
Der Beitrag wurde von Angela Wolter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • angelaangelawolter.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Angela Wolter als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Ein Tiger schleicht durchs Puppenhaus von Florian Seidel



Rapunzel in Puppengesprächen, Adoptivkinder auf Zeitreisen, Fragebögen, Bekundungen am Bauch der Sonne. Rätsel und Anspielungen, die uns, an Hand scheinbar vertrauter Muster, in die Irre führen. Florian Seidel hält seine Gedichte in der Balance zwischen Verschweigen und Benennen, zwischen Bekanntem und Unbekanntem. Jeden Augenblick könnte alles aus dem Gleichgewicht geraten, uns mitreißen, uns enden lassen in einem Augenblick der Verwirrung. Die in dem Gedichtband „Ein Tiger schleicht durchs Puppenhaus“ versammelten Texte schildern Suchbewegungen. Glückspiraten, Tiger, Jäger und andere Unbehauste in jenen Momenten, da die Realität Schlupflöcher bekommt und wir uns selbst im Spiegel sehen. Ein ungewöhnlich großes Sprachgefühl und vor allem die Bildhaftigkeit machen die Qualität dieser Lyrik aus.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Zwischenmenschliches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Angela Wolter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Anna ist nicht eingeladen (Teil 2) von Angela Wolter (Zwischenmenschliches)
Pinselohrschwein, oder des Rätsels Lösung von Martina Wiemers (Zwischenmenschliches)
Der Tod ist der engste Verbündete des Lebens von Daniel Polster (Science-Fiction)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen