Irene Beddies

Faule Trine

 
 
Katrinchen war sieben Jahre alt. Ihre Eltern und ihr großen Bruder Rolf nannten sie oft „Faule Trine“, denn sie half nur äußerst ungern und drückte sich, wo sie nur konnte. Lieber spielte sie hingebungsvoll mit dem Teddy, den Autos und den Püppchen in der Puppenstube. Schularbeiten waren ihr unbequem, deshalb konnte sie nicht gut lesen und rechnen. Ihre Eltern waren sehr besorgt. Alles Zureden half nicht viel.
 
Der erste Dezember war gekommen. Schon früh wachte Katrinchen auf, sie wollte ihren Adventskalender angucken, heimlich alle Türchen öffnen. Sie suchte am Nagel über ihrem Bett. - Nichts.
Am Fenster entdeckte sie ein ziemlich dickes rotes Säckchen mit einer Kette, an der kleine Briefchen hingen. Sollte das etwa ihr Adventskalender sein? Das Säckchen enthielt sicherlich das Naschzeug. Eines konnte sie davon immerhin probieren, denn der Kalender galt ab heute.  
Sie nahm den Sack freudig in die Hand und befühlte ihn. Sie ertastete einen größeren Gegenstand, der ein Schokoladenweihnachtsmann sein konnte. Da hielt sie es nicht länger aus. Sie zog an der Kette des Säckchens. Nur einen winzigen Spalt öffnete es sich: ein Schloss war an der Kette angebracht. Wo war der Schlüssel dazu? Ob er in einem der Briefchen steckte? Katrinchen befühlte alle 24 Umschläge - kein noch so kleiner Schlüssel war in ihnen zu ertasten.
 
Mama kam, um sie zu wecken. „Na, mein Schatz, hast du deinen Adventskalender gefunden?“, fragte sie und lächelte seltsam.
„Sieh mal, Mama, ich habe einen Sack gefunden und lauter kleine Briefe. Den Sack kann ich aber nicht aufmachen. Wo ist der Schlüssel?“
„Ja, faules Trinchen, das ist ein ganz besonderer Adventskalender. Der Nikolaus, der uns Eltern aufträgt, die Kalender zu besorgen, hat bestimmt, dass du zuerst das jeweilige Briefchen lesen musst, bevor Papa oder ich dir das Säckchen aufschließen dürfen.“
„Ich will gleich nachsehen, was in Nummer eins steht.“
Als sie das Briefchen Nummer eins gefunden hatte, riss Katrinchen es begierig ab. Sie öffnete den Umschlag und las mühsam:„Räu…me heute das re…,rechte Schrank…fach in deinem Schrank gut auf!“
Sie schaute zweifelnd zu ihrer Mutter hoch.
„Ja, mein Mäuschen, der Nikolaus war sehr böse, als wir ihm erzählen mussten, wie bequem und faul du bist. Da hat er uns solch einen Kalender empfohlen. Nun tu, was er dir aufgegeben hat. Nachher darf ich den Sack öffnen und dir eine Belohnung daraus geben.“
 
Katrinchen schluckte tapfer ihre Tränen herunter. Da Samstag war, konnte sie gleich mit der Arbeit beginnen. Sie warf zuerst einmal alle Sachen, die in dem Schrankfach waren, auf den Teppich. Sie erschrak: da lag ein wüster Haufen der unterschiedlichsten Dinge. Zwischen sauberer und schmutziger Wäsche lagen Spielzeugautos, Kastanien, eine halbvolle Tüte Chips und einige Blätter Buntpapier in dem Durcheinander. Wie sollte sie das denn anpacken? Was hieß „gut“ aufräumen? 
Sie nahm all ihren Mut zusammen und ging zu Rolf. Der lag in seinem Zimmer auf dem Fußboden und versuchte, die letzten Teile in einem großen Puzzel unterzubringen.
„Rolf, hast du heute auch einen komischen Adventskalender bekommen?“
„Was heißt komischer Adventskalender? Dieses Jahr ist meiner statt voll mit Schokolade voll mit Marzipan. Das mag ich sowieso lieber.“
„Ich hab einen schrecklichen bekommen. Ich soll erst etwas tun, bevor Mama oder Papa mir daraus eine Überraschung geben dürfen. Ich weiß nicht weiter. Kannst du nicht mal kommen?“
Rolf war neugierig, von einem solchen Kalender hatte er nie etwas gehört. Als er das Durcheinander auf dem Teppich vor dem Schrak sah, fragte er verdutzt: „Hat das mit dem Adventskalender zu tun?“
„Ja! Sieh mal: diesen Zettel habe ich für heute bekommen.“ Rolf las ihn und grinste: „Tut dir gut, faule Trine, vielleicht lernst du etwas davon.“
Er wollte wieder gehen, da hielt Katrinchen ihn zurück: „Wie soll ich das denn nun machen?“
„Du weißt nicht, wie man aufräumt? Na gut, ich will es dir verraten. Du musst alle Sachen von einer Sorte auf einen Stapel legen und nur die in den Schrak räumen, die dort hineingehören. Alle anderen musst du dahin tun, wo sie ihren Platz haben. Das sollte eigentlich nicht so schwer sein.“
 
Katrinchen fing mit der schmutzigen Wäsche an und brachte sie ins Badezimmer in den Korb. Dann nahm sie die Chipstüte und steckte sich eine Handvoll Chips in den Mund. So würden sie am schnellsten verschwinden. Sie schmeckten eklig, sie waren alt und weich. Also weg damit samt den Kastanien in den Mülleimer!
Die Spielzeugautos wollte sie in der Spielkiste unter ihrem Bett verstauen, fing aber an, sie auf dem Teppich hin und her zu fahren. Als ein Auto in ihr rosa T-shirt rollte, erinnerte sie sich an ihre Aufgabe. Sie warf die Autos und das Buntpapier zu anderen Spielsachen in die Kiste und stopfte ihre Unterwäsche, T-shirts und Nachthemden in den Schrank.
„Mama, ich bin fertig!“
 
Mama kam und sah in das Fach. „Nein. So geht das nicht, mein Kind. Du musst deine Wäsche zusammenfalten und Hemd auf Hemd, T-shirt auf T-shirt und so weiter stapeln. Ich zeige dir, wie man die einzelnen Wäschestücke  zusammenlegt.“
Das wurde eine zeitraubende Arbeit, sie dauerte fast bis zum Mittagessen, denn Katrinchen trödelte zwischendurch.
 „Mama! Fertig!“, klang es erleichtert.
Mama kam, besah sich die Ordnung und zog ein silbernes Kettchen unter ihrer Bluse hervor, an dem ein kleiner Schlüssel hing. Mit ihm schloss sie das Säckchen auf. Katrinchen griff hinein. Sie zog natürlich den Weihnachtsmann aus Schokolade heraus, den sie amMorgen ertastet hatte.
„Der ist erst nach dem Mittagessen dran“, mahnte Mama.
 
So ging es von nun an jedem Tag: Katrinchen sollte die unterschiedlichsten Aufgaben erfüllen. Einmal konnte sie diese schnell hinter sich bringen, wenn es zum Beispiel hieß: „Trage den Mülleimer raus“.
Ein anderes Mal machte es sogar Spaß, da durfte sie Plätzchen ausstechen und die Kuchenteigschüssel ausschlecken. Oft fiel es ihr schwer zu tun, was ihr aufgetragen war:  Mehrmals kam es vor, dass sie ihre Rechenaufgaben gleich am Nachmittag und ganz allein erledigen sollte. Wenn Papa einen Fehler entdeckte, sollte Katrinchen ihn zusätzlich ohne seine Hilfe finden und berichtigen.
Gegen Ende der Adventszeit hieß es in einem Briefchen: „Du bist dazu ausersehen, deiner Familie - ohne ins Stocken zu geraten - eine Weihnachtsgeschichte vorzulesen. Rolf kann dir bei schwierigen Wörtern helfen.“ - Die Geschichte war eine Seite lang! Selbst das bewältigte Katrinchen, wenn es vorher auch Tränen gegeben hatte, denn Rolf war sehr kritisch.
 
An Heiligabend war – wie üblich - noch viel zu tun. Katrinchen sollte den Frühstückstisch decken. Es dauerte zwar ein bisschen länger als wenn Rolf das machte, aber die Familie saß so rechtzeitig am Tisch, dass jeder mit seiner Arbeit – wie geplant –beginnen konnte.
Mama und Papa sahen sich verstohlen an.
 
Ohne dass jemand sie zu bitten brauchte, räumte Katrinchen flink das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine. Dann verschwand sie in ihrem Zimmer und schloss sich ein. Rolf machte ein bedenkliches Gesicht. Drückte sie sich schon wieder? Jetzt, nachdem sie das letzte Naschwerk aus ihrem Adventskalender verputzt hatte?
Sie aber räumte in ihrem Zimmer auf. Sie wollte Mama überraschen, wenn sie zum Staubsaugen käme. Sehr viel lag nicht mehr herum; das Bett musste gemacht, Staub gewischt und die Puppenstube entrümpelt werden. Sie hatte sich neue Möbel für die Puppenstube gewünscht.
Mama war sehr überrascht, als sie in das aufgeräumte Zimmer eingelassen wurde und Katrinchen ihr den Staubsauger aus der Hand nahm, um selbst den Teppich zu saugen.
 
Fröhlich und guter Laune schmückten alle zusammen nach dem Mittagessen den Tannenbaum. Dabei hörten sie Weihnachtsmusik aus dem Radio und sangen die Lieder mit. Später gab es Tee, Kekse und Stollen in der Küche. Alle warteten gespannt auf die Bescherung.
Leider kam der Weihnachtsmann nicht persönlich. Er hatte gestern einen Brief geschickt, den Katrinchen nun den anderen vorlesen durfte. Darin schrieb er, er könne nicht in jedem Jahr alle Kinder besuchen. Seine unsichtbaren Helfer hätten die Geschenke unter den Weihnachtstisch gelegt.
 
Papa schaute nach, ob die Geschenke schon da waren. Dann läutete er das Glöckchen. Katrinchen und Rolf durften wie jedes Jahr als erste beim Schein der Kerzen abwechselnd nach ihren Geschenken sehen. Rolf zog zuerst einen Brief aus dem Stapel: „Ein neues Fahrrad steht in der Garage“.
Er stürmte aus dem Zimmer. Katrinchen packte ihre Geschenke nacheinander aus: zwei neue Autos, einen Anzug für ihren Teddy und niedliche blaue Schlafzimmermöbel mit einem Blumenmuster auf Schränken, Bettchen und der Kommode mit Spiegel.
Sie war selig;  ganz besonders freute sie sich über die neuen Puppenstubenmöbel.
 
Als Mama und Papa und dann Rolf ihre Geschenke ausgepackt hatten, fand sich noch eine kleine Schachtel halb unter dem Sofa für Katrin. „Noch ein Geschenk!“ jubelte sie. In der Schachtel, die mit Samt ausgelegt war, kam ein Armband mit einer goldenen Biene als Anhänger zum Vorschein. Sie legte es um ihren Arm. Am Boden der Schachtel lag ein Weihnachtskärtchen:
 
                               Liebstes Katrinchen,
                               bleib ein fleißiges Bienchen!
 
                                                                                                                   
 

© I. Beddies


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Irene Beddies:

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