Tilman Otto Wagner

DIE NEOPOSTMODERNE

DIE NEOPOSTMODERNE IM KONTEXT EINER KULTURANTHROPOLOGISCHEN ANALYSE

von Tilman Otto Wagner








Prolegomena


Als kulturwissenschaftliche Stigmatisierung eines im Entstehen begriffenen neuen Kunstverständnisses zeichnen sich die dialektische Wiederaufnahme bzw. das Neuarrangieren vorchristlich-ästhetischer bzw. mythologischer Ideale und Formen ab, welche unter dem Überbegriff der „Neopostmoderne“ subsumiert werden können. Sowohl im Bereich der „schönen Künste“, als auch auf dem Gebiet der poetologisch-philosophischen Arbeiten neueren Datums macht sich eine Hinwendung zu anthropologischen Diskursen antiker Abkunft bemerkbar. Die Bewertung imaginärer Kunstproduktion, vom heutigen Standpunkt einer nachkolonialistischen Neudefinierung von zivilisationsgeschichtlichen Prozessen, entspringt aus dem Geist prophetischen Wissens, welches in einem profanen Modus im Lauf der frühneuzeitlichen Kunstgeschichte weiterhin geschätzt wurde und letztendlich seine Berechtigung durch die Irrationalität und Absurdität der Moderne in Form dekonstruktivistischer Arbeitsmethoden gefunden hat. Im generativen Prinzip der Imagination, als auch in den Theorien der kreationistischen Schöpfungslehre wiederspiegeln sich Tendenzen zur Parallelisierung von Wissen und Kunst – eine Entwicklung, welche durch das logozentrische, implizit ethnozentrische Weltbild der Postmoderne abgelöst wurde.

Anhand vorhandener Theorieansätze und Diskurse soll in vorliegender Arbeit der Versuch einer genauen Bestimmung des vorherrschenden kunsttheoretischen Zugangs zu den ästhetisch-ideologischen Maßnahmen des XX. Jahrhunderts, mit all seinen sozio-kulturellen Implikationen im Zeitalter der technologisch-digitalen Revolution unternommen werden. Von der kinematografischen Revolution des ausgehenden XIX. Jahrhunderts, über die mystisch-psychoanalytischen Dimensionen der klassischen Avantgarde des ersten Drittels des XX. Jahrhunderts, bis hin zu der Auslöschung mimetisch-empathischer Mechanismen im Unterbewusstsein der Kunstrezipierenden (1) in der Kunst der Nachkriegszeit bzw. der Auflösung und Dematerialisierung von Form und Materie (2), dem Entzug der Lesbarkeit (Informationsentzug: unscharfe Bilder, unlesbare Texte - versengtes Papier (3)) und der Aufnahme metaphysischer, medienkritischer Diskurse in die Arbeitsmethode und den Entstehungsprozess künstlerischer Mechanismen der dritten Jahrtausendwende wird auf eklektische Weise ein Konglomerat generiert, welches nach definitorischer Verankerung verlangt.



Historisch-etymologischer Exkurs


Zum ersten Mal in der Geschichte eines institutionalisierten kulturpolitischen Diskurses taucht der Begriff (der) „Neopostmoderne/neopostmodern“ in philosophischen bzw. kulturtheoretischen Abhandlungen (4) auf. Wenn in den vergangenen Jahrhunderten, Jahrtausenden der permanente Versuch unternommen wurde, das Wesen des Menschen zu verschleiern und den metaphysischen Dimensionen eine mythologische Bedeutung einzuräumen, so hat sich mit der Moderne diese Entwicklung rückentwickelt. Der Kunstschaffende entschleiert sein Geheimnis, er oder sie lüftet die Mysterien seiner/ihrer Seele, um Kunst zu erschaffen.
Die traditionelle Kunst hat sich immer um das Geheimnis herum konstituiert, um die Kodierung eines Mysteriums, eines Enigmas. Hingegen hat die moderne Kunst Gefallen an eben dem Genuss der Vergewaltigung von Intimität, von Geheimnissen - dem Tabubruch per excellence - gefunden. Autoren wie Breat Easton Ellis, Martin Amis, Philip Roth oder Michelle Houellebecq haben über differenzierte seelen-voyeuristische literarische Strategien versucht, den Nachtod des Narrativen im postmodernen Roman zu zelebrieren, wobei fraglich bleibt, ob ihnen dieses gelungen ist.

Mit dem Ende der industriellen Epoche bzw. dem Einstellen des Manu propria-Zugangs zur Kunstproduktion stellen sich maßgebliche Veränderungen in der Wahrnehmung und Aufnahme künstlerischer Inhalte und Formen heraus. Die maschinell-serielle Reproduktion von Kunst, welche durch die technologischen Möglichkeiten der neuen Medien den Bereich der Eindimensionalität des Kunstwerkes schon längst gesprengt hat (5), eröffnet eine völlig andersartige Perspektive und Position des Kunstschaffenden im gesellschaftlichen Prozess von Kulturrezeption und Kunstverständnis. Auch stellt sich zurzeit die Frage nach der Legitimität des Kunstschaffenden gegenüber seiner Arbeit und nach dem Bedürfnis oder der Redundanz einer kuratorischen kulturkritischen Intervention des Kunstschaffenden.

Der berühmte Leitspruch: „There is no such thing as history, there are only historians. History is only his story!”, welcher bereits die Runde jeglicher wissenschaftlichen Debatten gemacht hat, kann nahtlos auf den Bereich der Kunstkritik und Kulturpolitik übertragen werden. Der ethnozentrische Ansatz der neokapitalistischen Subjektivität mitteleuropäischer Kunstdiskurse hat sich bereits im Zeitalter der Moderne und Postmoderne als eruiert erwiesen. Das Kulturanthropologische in der neopostmodernen Kunst. Positionen heute. So ergibt sich die Möglichkeit eines neuen Arrangements der vorhandenen Strukturen und Mechanismen sowohl in ihrem dialektischen Verständnis, als auch im Sinne ihrer Anima als „Archetyp des Lebens“, welche, durch den Trichter einer modernen Säkularisation hindurch gesehen, nur als neue Aufnahme bereits existierender Werte und Ordnungen – in der intelligiblen Form einer „Neopostmoderne“ – gelesen werden können.

Ende der 1960er Jahre führten gewisse Studien in den Bereichen der Naturwissenschaften Joseph Beuys zu der Ansicht, dass der gängige Erfahrungssatz zur erkenntnistheoretischen Begründung, so wie sie die klassische Naturwissenschaft sieht, nicht ausreichte. Nach Beuys war: „Der erweiterte Kunstbegriff […] das Ziel des Weges von der traditionellen (modernen Kunst) zur anthropologischen Kunst.“ (6)

Beuys kam zu der Erkenntnis, dass die Begriffe „Kunst“ und „Wissenschaft“ in der Gedankenentwicklung des Abendlandes einander diametral entgegenstehen und dass diese Tatsache Anlass sei, nach einer Auflösung dieser Polarisierung in der Anschauung zu suchen. So kann sich die substantielle Strategie einer Neopostmoderne nur durch die Zerstörung dieses Dualismus definieren und sich von den ideologisch-dogmatischen Irrtümern der Vergangenheit durch expressive Abstraktionen befreien, um auf diese Weise eine Ausgangsmöglichkeit für neue Arbeitsmethoden freizusetzen. Die wissenschaftliche kulturanthropologische Arbeit soll empirisch, problemorientiert und gegenwartsbezogen sein. Kultur und Zivilisation stehen in einem wechselseitigen, nicht konträren Verhältnis zueinander. Der neopostmoderne Kunstschaffende erkennt - als kultureller Schöpfer - die Gesetzmäßigkeiten einer Hochkultur als möglichen geistigen Fundus, aus welchem er die irrationalen, subversiven und schöpferischen Ideen und Impulse an sich herantreten lässt. Dass sich ästhetische Katastrophen aus dem Zeitalter der formalistischen Experimente über die Zeit zu retten versuchen, fällt spätestens bei dem Beobachten der heutigen Kunstproduktion im Bereich der bildenden und dramatischen Kunst auf.


Fazit


Wie kann man, ohne ein zynisches Lächeln unterdrücken zu müssen, über eine „Neopostmoderne“ schreiben, welche sich an den Irritationen und Inszenierungen der Postmoderne hat abarbeiten müssen, um diejenigen Breitengrade des Unterbewusstseins hinter sich zu lassen, welche Psychoanalytiker und Mystiker als Ursprung der Seele bezeichnen! Insofern die simulierte, virtuelle Realität eine Zugangsberechtigung in die Geschichtsbücher einfordert, scheint sich ein äußerst problematischer Kultur-Atavismus in den Reihen der Denkenden und Lenkenden unserer Zeit durchzuschleichen. Dort, wo die Grenzen des Unmöglichen aufhören und diejenigen des Unbewussten versagen, könnte man eine autonome Zone einrichten, in welcher die „fratzenhafte Kreatur der Neopostmoderne“ zur Entfaltung gebracht werden könnte.



ENDNOTEN

1. Gemeint ist das „epische Theater“, in dessen Verständnis Bertolt Brecht die dramatische Form des Theaters mit all seinen auf Aristoteles beruhenden Theorien überwindet und in der epischen Form die Möglichkeit einer Ausklammerung des Gefühls in der Kunstrezeption sieht bzw. durch die Verfremdung der Handlung, Impulse zur dialektischen Reflexion gesellschaftlicher Prozesse freisetzt.

2. Vor allem bezieht man sich auf die Arbeiten der Konzeptkünstler Carl Andre, Robert Barry, Joseph Kosuth, Sol Le Witt, Donald Judd, Allan Kaprow, Ian Wilson, Robert Smithson, Robert Morris, Lawrence Weiner, Dan Graham, Douglas Huebler etc., welche im New York der Mitte der 1960er Jahre konventionelle Visualität in Frage stellten, Entwurfsmodelle für egalitäre Formen von Wechselwirkungen konzipierten und sich in der konkreten Skizzierung einer neuen Methodik versuchten - der Trennung des künstlerischen Vorschlags (in Form von Zeichnungen oder spezifischen Anleitungen für die Verwendung verschiedenster Materialen und wie diese zusammengesetzt werden sollten) von der ästhetischen Erfahrung des Konsumierenden.

3. Wie zum Beispiel in Antonin Artauds Begriff des „Subjektils“, den er seinen figurativen, bildnerischen Visionen zuordnete. Siehe dazu: Antonin Artaud: „Sort a Roger Blin” (recto) – 22. Mai 1939, in: “Biografien des organlosen Körpers”, Verlag Turia + Kant, Wien, 2003

4. Sowohl im Bereich der Architektur , als auch auf dem Gebiet der dramatischen Kunst finden sich im Internet Bezüge und Vorwegnahmen des Begriffs: „Neopostmoderne“ bzw. „neopostmodern“.

http://www.amsterdamblog.hochparterre.ch/architektur/neopostmoderne.html

http://www.theaterspielplan.at/index.php?pagePos=52&id=25986 PHPSESSID=543f22c41d2f5323a0226e4d88943085
 

5. Peter Greenaway erschafft in seiner multimedialen Arbeit: „The Tulse Luper Suitcases“ (2004) ein ambitioniertes audiovisuelles Projekt. Filme, DVDs, Fernsehen, Web, Bücher, interaktive DVDs und eine Ausstellung bilden den Rahmen für die ungewöhnlichen Abenteuer des Tulse Luper. Luper verbringt zwischen 1928 und 1989 viel Zeit in Gefängnissen, von Wales bis in die Mandschurei, in denen er die unterschiedlichsten Kunstprojekte entwickelt. Berühmt geworden, wird ihm in New York eine Konferenz gewidmet, bei der auch seine 92 Koffer ausgestellt werden. Das Projekt wurde von Greenaway als: "a personal history of Uranium" und als eine: "autobiography of a professional prisoner" bezeichnet. Die Filmtrilogie: „The Moab Story“, “Vaux to the Sea“ und „From Sark to the Finish“ ist um 92 Koffer herum strukturiert, die angeblich Luper gehören. 92 ist die Atomnummer von Uranium.. Jeder Koffer enthält ein Objekt, “welches die Welt darstellen soll“. Greenaway durchbricht die konventionelle Präsentationsform des zweidimensionalen Filmbildes durch sensorgesteuerte Installationen, Displayisierung von Internetdatenbänken oder dreidimensionalen Matrizen.

6. Wenzel, Eva/Beuys, Jessyka: Joseph Beuys, Block Beuys, München, 1990 (Schirmer/Mosel), S. 270



BIBLIOGRAFIELISTE

Primärliteratur


1. Artaud, Antonin: Das Theater und sein Double, Matthes & Seitz Verlag, München, 1996
2. Brecht, Bertolt: Schriften zum Theater: 1918-1933. Über eine nicht - aristotelische Dramatik, Bibliothek Suhrkamp, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2000



Sekundärliteratur


1. Engelmann, Peter (Hrsg.): Derrida, Jacques: Positionen, Passagen Verlag, Wien, 1986
2. Ermen, Reinhard: Joseph Beuys, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2007
3. Harris, Marvin: Kulturanthropologie. Ein Lehrbuch, Campus-Verlag, Frankfurt am Main, 1989
4. Samsonow, Elisabeth (Hrsg.)/Alliez, Eric (Hrsg.): BioGraphien des organlosen Körpers, Verlag Turia und Kant, Wien, 2003
5. Wagner, Tilman Otto: Brecht, der unbequeme Zeitgenosse, Diplomarbeit, Klagenfurt, 2002
6. Wenzel, Eva/Beuys, Jessyka: Joseph Beuys, Block Beuys, Schirmer/Mosel Verlag, München, 1990


Internetressourcen


1. http://www.amsterdamblog.hochparterre.ch/architektur/neopostmoderne.html (12.10. 2008)
2. http://www.iablis.de/iab2/index.php?option=com_content&task=view&id=73&Itemid=41 (13.10. 2008)
3. http://www.theaterspielplan.at/index.php?pagePos=52&id=25986&PHPSESSID=543f22c41d2f5323a0226e4d88943085 (14.10. 2008)
4. http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Beuys (14.10. 2008)
5. http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturanthropologie (15.10 2008)
6. http://de.wikipedia.org/wiki/Legitimit%C3%A4t (15.10. 2008)
7. http://de.wikipedia.org/wiki/Philosophische_Anthropologie (15.10. 2008)

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