Josef Bordat

„Und es waren Hirten auf dem Felde“


Was wäre gewesen, hätte sich der Engel des Herrn an Akademiker wenden müssen? Ein Gedankenexperiment.
Dass
es sich bei den ersten Adressaten der Weihnachtsbotschaft um einfache
Viehzüchter aus einer ländlichen Region des Nahen Ostens handelte, ist
vielfach theologisch ausgedeutet worden. Gott wolle in den Hirten den
ganz gewöhnlichen Menschen ansprechen. Der König, der geboren wurde,
komme nicht nur für seinesgleichen, sondern für alle. Die Botschaft des
Heils kenne keine Hierarchie.
Richtig.
Ich glaube aber, dass
die Sache mit den Hirten auch noch einen ganz praktischen Grund hatte.
Hirten sind Menschen mit wachem Verstand, die Botschaften aufnehmen und
umsetzen können. Das ist für den Fortgang der Weihnachtsgeschichte von
nicht zu unterschätzender Bedeutung.
Wäre Jesus zum Beispiel – ich
spinn’ jetzt mal – in Heidelberg oder Cambridge geboren worden, hätte
der Engel des Herrn zu dieser nächtlichen Stunde nur eine Sorte Mensch
„auf dem Felde“ angetroffen: Studenten. Da wäre es sehr fraglich
gewesen, ob die es noch vor den Weisen aus dem Morgenland zum Stall
geschafft hätten. Und der Engel des Herrn hätte mit seiner Botschaft je
nach Fakultät erheblich differenzieren müssen.
Zu Sozialpädagogen
kann man – auch als Engel des Herrn – nicht einfach sagen: „Geht nach
Bethlehem!“ Das ist viel zu repressiv. So ganz ohne Diskussion, um „mal
irgendwie ein vorläufiges Meinungsbild zu bekommen“ geht da niemand.
Nein, den Sozialpädagogen muss man sich schon anders nähern, etwa so:
„Halloooooooo! Ähm, ich fänd’s total schön, wenn ihr kurz zuhört. Is’
echt wichtig. Denn ich verkünde euch große Freude oder so. Euch ist
heute irgendwie ein ganz lieber Retter geboren. Also, ihr werdet ein
Kind finden, das in diese biologisch abbaubaren Mehrweg-Windeln
gewickelt ist. Es liegt in einer klimaneutralen Krippe, in so ’nem
selbstverwalteten Öko-Stall. Das ist ein total wichtiges Projekt für
mehr Autonomie der palästinensischen Kleinfamilie. Oder so. Irgendwie.
Habt ihr das soweit verstanden? Nein? Dann sag ich’s jetzt noch mal,
obwohl ich’s echt nich’ gut find!“
Ganz anders dagegen müsste der
Engel des Herrn angehende Juristen adressieren: „Die M befindet sich mit
J in einem handelsüblichen Stall S mittlerer Art und Güte in B, weil
ihr Angebot zum Abschluss eines Mietvertrags über Wohnraum auf Zeit in
der Herberge H mit dem Hinweis auf Auslastung nach § 23 Römisches
Besatzungsstatut abgelehnt worden ist. Ihr Aufenthaltsort B ergibt sich
konkludent aus Verordnung 3 Ziffer 6 aus 0, gezeichnet Augustus, in
Vertretung Cyrenius, Statthalter von Syrien, nach der sich alle
einschreiben müssen, und zwar dort, wo ihr Vater geboren wurde.
Hinsichtlich des J. aus N. in G., selbständig, ledig,
Staatsangehörigkeit ungeklärt, erging Verfügung vom 20.12.00 nach B zu
gehen und sich einschreiben zu lassen mit der M, welche gemäß
beigefügtem Gutachten schwanger ist. Insoweit liegen zwingende Gründe
vor, der M und dem J nach B zu folgen, um dem Kind K der M zu huldigen.
Diese Aufforderung ist ohne Gloria gültig. Gegen sie kann Widerspruch
nur eingelegt werden, wenn hinreichende Widerspruchsgründe vorliegen.
Beschlossen und verlesen. Gezeichnet, Engel des Herrn. Nach Diktat
verreist.“
In den Reihen der Ärzte in spe hätte der Engel des
Herrn zunächst Vertrauen gewinnen müssen („Ihr werdet ein Kind finden.
Ein gesundes Kind, keine Angst. In Bethlehem. Gleich da unten, neben dem
Golfplatz.“), um dann die Mediziner in gewohnter Manier zum Handeln zu
veranlassen („Das Kind a) liegt in einem Stall, b) liegt in einer
Krippe, c) ist unser Retter und Heiland, d) Antworten a und b sind
richtig, e) Antworten a, b und c sind richtig.“).
Besonders schwer
hätte es der Engel des Herrn hingegen mit Maschinenbauern,
Informatikern und Physikern gehabt. Die hätten sich nämlich sehr
gefürchtet. Da hätte der Engel des Herrn lange gebraucht, um ihnen klar
zu machen, dass sie sich nicht zu fürchten brauchen, da er ja nur der
Engel des Herrn ist. Und keine Frau. Schließlich wären nur die
Informatiker losgegangen, weil sie der Engel des Herrn nach klarer
Ansage („Weihnachten starten. Suche: Kind im Stall.“) vor die klare
Alternative stellte: „Wenn ,liebliches Kind liegt im Stall’, dann
Programm ,Huldigung’ starten.“ – Maschinenbauer und Physiker eilen
derweil nicht nach Bethlehem, sondern nach Hause. Essen ist fertig. Und
Mutti wartet nicht ewig.
Noch heiser von den angehenden
Sportlehrern („Ey, na’ Bethlehem! Is’ dat kla’?! Und wenn ich einen
seh’, der schlapp macht, dem reiß ich...“), wäre es dem Engel des Herrn
geradezu unmöglich gewesen, promovierte evangelische Theologen nach
Bethlehem zu bewegen, denn dass „uns heute der Heiland geboren“ wurde,
wäre unter ihnen – historisch-kritisch betrachtet – mehr als fraglich
gewesen. Unwahrscheinlich auch, so hätten sie angemerkt, dass Bethlehem
wirklich der Ort des Geschehens sein soll. Vermutlich hätten sie den
Engel des Herrn mit leicht spöttischem Unterton gefragt, was das denn
sei, ein „Engel“. Und was heißt überhaupt: „des Herrn“?! Die wären dann
wahrscheinlich lieber da geblieben, wo sie waren, um mit den Römern ein
Orgelkonzert zu organisieren. Die Kollegen von der katholischen Fraktion
hätte der Engel des Herrn unterdessen wohl weniger „auf dem Felde“ als
vielmehr „in der Kneipe“ angetroffen (Einkehrtag).
Und die BWLer?
Die wollen im Gegenzug für den Bethlehem-Deal eine echte geldwerte
Leistung: „So eine Huldigung, das macht sich als soft skill sehr gut im
Lebenslauf, glaubt mir. Social communication. Auf so was achten
Personaler. Außerdem verfügt der menschgewordene Gott schon bald über
ein ziemlich großes Netzwerk, in dem Synergien generiert werden können.
Es gibt Gratiskugelschreiber von Holy-Consulting, die das ganze Event
sponsern. Und bevor Wall Street aufmacht, dann seid ihr wieder zurück,
versprochen!“
Bleiben die Philosophen. Mit denen kann man
vernünftig reden. Dachte auch der Engel des Herrn. Doch leider musste er
ausgerechnet an Vertreter der ontologischen Fundamentalhermeneutik
geraten, was eine Textänderung unumgänglich machte: „Wenn das Sein sich
im Seienden so entäußert, dass es mit ihm wesensgleich ist, dann ist es
eines Wesens mit ihm. Das Wesen west in der heiligen Nacht in einem
Stall. Das Wesen des Heils ist in der Gefasstheit der Nacht gefasst wie
die Nacht im Fass geheilt ist. Was fastet, was nachtet, was heilt? In
der Fassnacht fastet die Nacht in heiliger Weihe. Deswegen sprechen wir
von ,Weih-Nacht’.“
Oh, weih!
Zum Glück waren’s Hirten.
Damals.
(Josef Bordat) 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.11.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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