Irene Beddies

Das rote Auto

 


Seit drei, vier Tagen stand ein ungewöhnliches Auto am Rande der Reihenhaussiedlung. Jeden Tag eilten die Kinder dorthin, um es anzustaunen.
 
Das Auto war rot, langgestreckt und hatte einen großen Heckspoiler. Ein bisschen sah es so aus wie ein Rennauto. Die Fensterscheiben waren aus dunklem Glas, so dass man nicht ins Innere blicken konnte, was die Sache noch geheimnisvoller machte. Auf dem Dach und  an den vier Türen prangte jeweils  ein großer gelber Stern. Die Nummernschilder waren das Aufregendste: sie zeigten statt Buchstaben und Zahlen Schneeflocken.
 
Die Erwachsenen fragten sich, wer das Auto dort abgestellt haben könnte. Vielleicht sollte man die Polizei einschalten. Die Kinder waren entschieden dagegen. Sie wollten ein so schickes, rätselhaftes Auto gern für immer in ihrer Nähe haben. Sie waren überzeugt, das Auto gehörte dem Weihnachtsmann. Die Erwachsenen vermuteten irgendeinen Werbegag. Aber so am Rande der Stadt? Was verbarg das Auto im Innern? Hoffentlich nichts Ungesetzliches.
 
Es hatte geschneit über Nacht. Die Autos am Straßenrand waren unter einer dicken Schicht Schnee begraben und sahen aus wie kleine Hügel. Rot und strahlend dagegen leuchtete das geheimnisvolle Auto. War es über Nacht bewegt worden? Reifenspuren waren nicht zu sehen.
 
Der kleine Tom guckte neugierig unter das Auto. Da glitzerte etwas. Er holte einen Stock und stocherte das glitzernde Etwas hervor: ein goldenes Bonbonpapier. Das hatte jemand sicherlich vor Tagen, als das Auto noch nicht dort stand, achtlos auf den Boden geworfen. Tom war enttäuscht. Er wollte das Bonbonpapier schon wieder wegwerfen, da stutze er. Die Oberfläche des Papiers fühlte sich rau an. Vorsichtig strich er mit dem Finger darüber. Ein Duft nach Weihnachten - wie nach Pfefferkuchen - stieg ihm deutlich in die Nase. Hmmm, herrlich!
Kurzentschlossen ließ Tom das Papierchen in seiner Hosentasche verschwinden. Er  spähte erneut unter das Auto. Da lag auch noch ein Kiefernzapfen auf dem Sand. Auch den angelte Tom hervor. Der Kiefernzapfen war jedoch schmutzig und halb verfallen. Der hatte keine Bedeutung.
 
Zu Hause holte Tom das Bonbonpapier aus seiner Hosentasche und rieb daran. Seine Mutter kam gerade ins Zimmer. „Wie riecht das hier so herrlich nach Weihnachtsplätzchen!“, wunderte sie sich, „ich will doch heute erst welche backen!“
Tom steckte das Papier schnell wieder in seine Tasche und verriet nichts, um den neugierigen Fragen, die seine Mutter immer stellte, zu entgehen. Er konnte ja auch nicht erklären, was den Duft  herbeizauberte.
 
Am ersten Dezembermorgen dasselbe Bild: alle Autos waren zugefroren und mit Raureif bedeckt – bis auf das geheimnisvolle rote am Ende der Reihe. Im Gegenteil, es glänzte noch strahlender als in den Tagen zuvor. War der Stern auf der Kühlerhaube schon gestern dagewesen? Den Leuten kam es so vor, als wenn er neu wäre. Weil er nicht so auffiel wie die viel größeren an den Türen und auf dem Dach, hatte ihn vielleicht niemand bemerkt.
Als am nächsten Morgen ein weiterer Stern auftauchte, konnte niemand mehr an Unachtsamkeit glauben. Jetzt wurde die Angelegenheit immer unheimlicher. Frau Meyer, die ängstliche Nachbarin aus Nr.4b  griff zum Telefon und rief die Polizei herbei.
 
Nun stand der sauber geputzte Polizeiwagen neben dem roten Auto.
„Sie haben nie einen Menschen ein- oder aussteigen sehen?“, fragte der dicke Polizist.
„Nein, niemanden. Fußspuren im Schnee gab es ebenfalls keine. Das Auto ist nicht bewegt worden, denn ich habe mir genau gemerkt, wie weit es von der Kastanie entfernt steht. Da muss etwas Schreckliches in dem Auto sein!“, behauptete Frau Meyer.
Die Befragung aller Nachbarn ergab nichts anderes. Der Fall blieb geheimnisvoll und beunruhigend. Kein roter Wagen dieser Größe war als gestohlen gemeldet worden.
 
Nach einer Unterredung auf dem Polizeipräsidium wurde beschlossen, den Wagen abschleppen und in einer speziellen Werkstatt untersuchen zu lassen.
Der Abschleppwagen kam am Nachmittag, klappte seine Auffahrtrampen  herunter. Eine Seilwinde wurde vorsichtig am Vorderteil des verdächtigen Autos angebracht. Dann wurde sie betätigt. Die Kette spannte sich, aber das Auto blieb unverrückt an seinem Platz stehen, so sehr man sich auch mühte. Um es nicht durch zu viel Zug zu beschädigen, machten sie die Seilwinde wieder los. Das rote Auto musste eben am Straßenrand unter den neugierigen Augen der Kinder und Erwachsenen überprüft werden.
 
Der Automechaniker rackerte sich mit seinen Schlüsseln, dann mit einem speziellen Dietrich an allen Autotüren ab. Vergebens. Die Türen waren wie zugeschweißt. Der Kofferraum ließ sich natürlich ebenso wenig öffnen. Blieb noch, eine Fensterscheibe einzuschlagen. Das brachten weder die Polizisten noch der Mechaniker übers Herz. Sachbeschädigung wollten sie nicht verantworten.
So blieb nur übrig, ständig nachts Wache zu halten, um lückenlos zu beobachten, wer mit dem Auto in Verbindung stand.
 
Die Nachtwachen brachten keine Erkenntnisse. Lediglich ein Bursche, der in Haus Nr.7 einbrechen wollte, wurde geschnappt. Jeden Morgen zeigte sich allerdings ein  weiterer Stern auf dem roten Lack.
Allmählich verloren die Kinder das Interesse an dem unbeweglichen Auto über all ihren Beschäftigungen in der Vorweihnachtszeit. Plätzchen mussten gebacken, Geschenke wollten gebastelt werden. Für die Schule lernten sie Gedichte auswendig und begleiteten ihre Eltern in die Stadt zu den Einkäufen.
Nur Tom richtete seine Aufmerksamkeit nach wie vor auf das mysteriöse Auto. Es musste etwas mit dem Weihnachtsmann zu tun haben, eine andere Erklärung gab es einfach nicht.
 
Immer wieder strich er heimlich über das Bonbonpapier, um den wunderbaren Duft auszukosten. Er grübelte Tag und Nacht über die Bedeutung der Sterne nach. Kurz vor Heiligabend fand er die Lösung. Er hatte alle Sterne gezählt, die fünf großen und die zusätzlichen kleinen, die jeden Tag mehr wurden. Es kam hin: Die großen Sterne mussten vier Adventstage und der Heilige Abend sein. Sie waren schon von Anfang an da. Die kleinen Sterne waren die Tage, die seit dem ersten Dezember vergangen waren. Das Auto war ein Adventskalender!
 
Voller Eifer trat er bei der ersten Gelegenheit auf den gerade wachhabenden Polizisten zu und verkündete ihm stolz seine Lösung. Der Polizist glaubte ihm nicht, erzählte jedoch am Abend vor der Wachablösung von dem kleinen Jungen und dessen Schlussfolgerungen. Sein Kollege kraulte sich den Bart. Vor Ort betrachtete er das Auto unter einem ganz anderen Gesichtspunkt, zählte die Sterne, verglich ihre Anzahl mit seinem Taschenkalender und musste zugeben, dass die Vermutung des Jungen nicht ganz abwegig war. Aber wer steckte dahinter? In keiner Nacht hatten sie einen Menschen gesehen, der sich auch nur auf fünf Meter dem Auto genähert hatte. Und an Heinzelmännchen oder den Weihnachtsmann glaubte auch dieser Polizist nicht.
 
Am ersten Weihnachtsfeiertag war das Auto verschwunden. Nicht einmal eine schneefreie Stelle oder Reifenspuren erinnerten daran, dass es hier so lange gestanden hatte.
Aus dem Wohnzimmerfenster guckte Tom und nickte zufrieden mit dem Kopf. In der Hand hielt er ein großes rotes Spielzeugauto, verziert mit gelben Sternen.
 
(c) I. Beddies
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.11.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Irene Beddies:

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