Irene Beddies

Rendezvous am 2. Advent





 
Es wurde so schrecklich früh dunkel in diesen Tagen! Und es war kalt und ungemütlich draußen. Konnte nicht Schnee fallen und die Welt ein wenig heller machen?
Missmutig ging Martha durch die Hauptstraße der Stadt. In die erleuchteten Schaufenster sah sie nicht, zu oft hatte sie die weihnachtlichen Auslagen bereits angestarrt. Überall dasselbe, als ob die Manager der Kaufhäuser sich verabredeten.
Die kleinen Boutiquen und Spezialgeschäfte hatten längst den großen Kaufhausketten weichen müssen. Es schien überaus schwierig, ein individuelles Weihnachtsgeschenk zu finden.
 
Zu allem Unglück fing es heftig an zu regnen. Martha hatte keinen Schirm dabei. Sie flüchtete in eine der Backstuben und bestellte einen Kaffee. Von irgendwoher plärrte ein neumodisches Weihnachtslied. Ein Plastikweihnachtsmann bewegte sich dazu auf einem Bord über der Theke. Scheußlich!
Mit dem Kaffeebecher in der Hand suchte Martha einen Platz im Hintergrund. An einem Tischchen, an dem ein Mann saß, fand sie noch einen Sitzplatz. Das tat den müden Füßen richtig gut. Sie lächelte, ohne es zu merken.
Der Mann stand auf. Er bat sie, ihm den Platz frei zu halten, er wolle sich nur ein Stück Apfelkuchen holen. Martha verspürte Hunger.
„Könnten Sie mir ein Stück mitbringen, bitte?“, fragte sie ihn.
„Selbstverständlich“, murmelte der Mann überrascht. Sie wollte ihm Geld geben, er aber war schon losgegangen.
Mit Kuchentellern und Kaffee auf einem Tablett kehrte er an den Tisch zurück.
„Hier ist Ihr Kuchen“, sagte er und stellte ihr den Teller hin.
„O, vielen Dank. Das war sehr freundlich von Ihnen. Was bin ich Ihnen schuldig?“
„Darüber reden wir nachher. Zuerst möchte ich Ihnen eine Frage stellen, wenn Sie erlauben.“
Martha bekam einen Schreck. Wollte der Mann etwas von ihr?

„Ich möchte wissen, wenn Sie erlauben, wie Sie Weihnachten feiern werden hier in der Stadt.“
„Das ist eine seltsame Frage. Sind Sie Reporter?“
„Nein. Die dunklen Tage bringen einen ins Grübeln. Ich denke den ganzen Nachmittag darüber nach, wie wohl die verschiedenen Menschen das Fest gestalten wollen.“
„Nun, das überlege ich mir zuweilen auch“, gab Martha zu. „Alles ist um diese Zeit so hektisch, da kommt man gar nicht zur Besinnung.“
„Wie wahr!“, stimmte der Mann zu. „Also, wie werden Sie Weihnachten feiern?“
„Wahrscheinlich ganz traditionell. Mit einem Tannenbaum und Gänsebraten, wenn es vermutlichauchnur Gänsekeulen sein werden.“ Sie lächelte.
„Wird der Baum groß oder klein sein? Wie wird er von Ihnen geschmückt? Gibt es Pfefferkuchen, Nüsse und Weihnachtslieder?“
„Sind das nicht zu viele Fragen auf einmal?“, fragte Martha ein bisschen ungehalten.
„Entschuldigen Sie, bitte, ich wollte nicht aufdringlich sein. Ich wollte nur einen Eindruck gewinnen, über den ich nachdenken kann, weil ich mich gern an frühere Zeiten erinnere.“
„Nun also“, fing Martha an, „der Baum wird eher klein sein und in einem Blumentopf stehen. Ich kann ihn dann später in meinen Vorgarten pflanzen. Da stehen bereits zwei kräftig gewachsene Bäumchen aus den vorigen Jahren. Über den Schmuck mache ich mir seit Tagen Gedanken, denn meine Kugeln sind einfach zu groß und die Kerzenhalter zu schwer. Eigentlich möchte ich etwas Ausgefallenes. Leider habe ich in all den Angeboten nur das Übliche oder schrecklich moderne Dinge gesehen, die ich mir nie ins Zimmer holen würde.“
Als der Mann nichts sagte, fuhr sie fort: „Zwei Weihnachtssterne für die Fensterbank werde ich am Samstag kaufen. Die Pflanzen halten sich bis in den März und verbreiten mit ihrem Rot eine warme Atmosphäre.“
 
Eine lange Pause entstand, in der jeder seinen Kuchen aß und sie ihren Kaffee trank. Als Martha den leeren Becher auf das Tischchen stellte, nahm sie ihre Geldbörse wieder zur Hand und legte dem Mann drei Euro hin. Mehr konnte das Stück Kuchen wohl nicht gekostet haben.
„Ich muss weiter“, sagte sie hastig, „der Regen scheint aufgehört zu haben.“
„Einen Moment noch“, bat der Mann. „Wenn Sie an ausgefallenem Weihnachtsschmuck interessiert sind, dann kommen Sie am 2. Advent in die Kunertstraße. Dort ist ein Weihnachtsmarkt mit ganz besonderen Angeboten.“
Martha verließ die Backstube. Der Mann hatte sicherlich nur Reklame für den Markt gemacht. Schade, seine Fragen fand sie interessant, und sie hätte gern gewusst, warum er sie stellte.
 
Am 2. Advent sah die Welt ganz anders aus. Erstens war Sonntag und wenig Verkehr auf den Straßen. Zweitens hatte es über Nacht leicht geschneit. Ein wenig Weiß verlieh der Stadt ein helleres Aussehen.
Als sie zur Kunertstraße kam, begrüßten sie über die Straße gespannte Girlanden aus frischem  Tannengrün und bunten Glühbirnen. Lebkuchen- und Glühweinduft wehten ihr entgegen. Sie brauchte nur ein paar Schritte zu gehen, da war sie zwischen den Buden des Weihnachtsmarkts.
Martha ließ sich treiben, sie hatte kein bestimmtes Ziel, sondern war einfach  neugierig. Sie kaufte an einem Stand ein größeres Marzipanherz mit Stechpalmenmotiven aus Zuckerguss. An einem Zelt trank sie einen Glühwein. Hier fühlte sie sich beobachtet, konnte aber kein bekanntes Gesicht ausfindig machen – auch nicht das des Mannes aus der Backstube vor einigen Tagen.
 
Was war das an der Bude nebenan? Es glitzerte und glänzte geheimnisvoll in den verschiedensten Farben. Sie trank schnell ihren Becher aus und trat näher. Kleine Glasfigürchen hingen an Ständern und am Rahmen der Bude und bewegten sich leise um sich selbst. Das Glitzern verursachten die verschiedenen Lichtquellen in der Umgebung.
Martha staunte die Figürchen an. Dass Glasbläser etwas so Zartes zustande bringen konnten! Sie unterschied kleine Engel, Vögel, Herzen und Sterne. Da waren Bären und Wichtel – alle aus hellem Glas und nur beim näheren Hinsehen in ihrer Form zu erkennen. Solche Figuren mussten unbedingt an ihren kleinen Weihnachtsbaum! Sie kaufte eine ganze Schachtel voll. Dann bummelte sie weiter auf der Suche nach leichteren Kerzenhaltern und kleineren Kerzen. Als sie diese nach langem Suchen gefunden hatte, strebte sie der U-Bahn zu.
 
Jemand klopfte ihr leicht auf die Schulter. „Doch nicht so traditionell der Schmuck“, sagte der Mann von neulich.
„Nein, aber wunderschön“, antwortete Martha verlegen.
„Hatte ich es nicht versprochen?“
Damit wandte sich der Mann ab und verschwand im Gedränge.
 
Am übernächsten Abend nahm Martha einen Brief  aus dem Kasten, der eine unbekannte Handschrift trug. Der Inhalt der Briefkarte erstaunte sie noch mehr.
 
„Vielen Dank für das Rendezvous, Martha. Nächstes Jahr zur selben Zeit am selben Ort?“
 

 
 

© I. Beddies


 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.12.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Irene Beddies:

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In Krollebolles Reich: Märchen von Irene Beddies



Irene Beddies hat in diesem Band ihre Märchen für Jugendliche und Erwachsene zusammengestellt.
Vom Drachen Alka lesen wir, von Feen, Prinzen und Prinzessinnen, von kleinen Wesen, aber auch von Dummlingen und ganz gewöhnlichen Menschen, denen ein wunderlicher Umstand zustößt.
In fernen Ländern begegnen dem Leser Paschas und Maharadschas. Ein Rabe wird sogar zum Rockstar.
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